Tag 800jetztistesauchschonegal des Privattierdaseins …

Was aber sollen die Menschen, die draußen in Stadt und Land, auf Feld und Weide, in Wohnung und Home Office gefangen sind, sich nicht von A nach B bewegen dürfen, oder nur, wenn ein triftiger Grund, wie das Hamstern von Toilettenpapier vorliegt, denn sonst ihre großzügig bemessene Zeit verbringen? Es existiert nun mal nur eine begrenzte Anzahl an Filmen und Serien. Und wenn man es richtig anstellt, Multitasking ist in diesem Fall das Motto der Stunde, dann ist man in der Lage, auf Tablett, Handy und dem Computer mindestens drei, in Zahlen 3, wenn nicht mehr Filme oder Folgen einer Serie gleichzeitig in sich aufzusaugen.

Tag 800ichweißauchnichtmehr eines Privattieres …

Dabei hat die Menschheit offenbar vergessen, dass das Denken an und für sich die wichtigste und hauptsächliche Tätigkeit ist, zu der wir uns befähigt sehen. Schließlich erschafft das Denken erst die Realität in der wir uns alle gemeinsam und ein Jeder für sich bewegen und existieren. Erst das Denken hat die großen Ideen hervorgebracht, die wir im Jetzt mit dem Begriff »Zivilisation« sehr verkürzt zusammenfassen. Erst dass Denken ermöglicht es uns, als Menschheit, hinter die Geheimnisse des Universums, nicht nur da draußen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, sondern auch hier im Kleinen, wie der Biene, die die Pollen einer Blüte gierig aufnimmt, zu blicken und die tiefe Schönheit, die darin verborgen liegt, zu erkennen.

Tag 815 meines Privattierdaseins …

Ich selber, der ich ja sowieso nur außen vor sitze, schwanke hin und her zwischen mahnendem Unkengerufe über das Ende der Welt, das auf leisen Klopapierrollen daher rollt, oder einer überbordenenden Euphorie, dass am Ende dieser Krise alles so viel besser sein wird. Auch die Frage, ob man in dieser so angespannten Situation verbale Burlesken über das Virus verbreiten dürfe, kann und muss mit einem unbedingten »Ja« beantwortet werden. Denn nur mit einer gehörigen Portion Galgenhumor lässt sich diese absurde Situation überhaupt überstehen. Schließlich wissen wir seit geraumer Zeit, dass »Der Legionär ist gut, der überspielt mit derbem Scherz den Schmerz.«

Tag 813 meines Privattierdaseins …

Vorsichtshalber habe ich noch einmal die Reiskörner in den Beuteln gezählt. Das Ergebnis ist noch immer dasselbe. Ich weiß noch nicht, ob es sich um eine Verschwörung der reisverarbeitenden Industrie handelt, oder ob die Verkäufer in den Supermärkten eine international verstrickte Mafiaorganisation bilden, aber in dem einen Beutel sind 14378 Körner, in dem andern nur 14356 Körner vorhanden. Das will mir doch sehr unheimlich vorkommen. Ich werde auf den geheimen Seiten von NSA, CIA, ARD, ZDF, den Illuminaten und den Bilderbergern nachforschen, worin der tiefere Sinn, der vor der gesamten Menschheit verborgen werden soll, liege könnte.

Tag 809 meines Privattierdaseins …

Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine zum anderen »O Gott, ich hab homo sapiens.« Antwortet der andere »Halb so wild, hatte ich auch mal, geht von alleine wieder weg.« , werden sie bewundernd zu mir aufschauen und ehrfurchtsvoll flüstern, so wie Goethe im Jahre des Herren 1808 zu Napoleon sagte, als sie sich das erste Mal trafen: Voilà un homme!

Tag 762, an dem ich noch immer hinter das Geheimnis kommen möchte

Allein, die Tatsache, dass ich des Morgens, wenn mich nach der Hunderunde die labende Stille der heimischen Trutzburg umfängt und ich in tiefe Studien eintauchen könnte, gelingt es mir noch immer nicht, zu genießen, wozu ich einst aufgebrochen bin, es zu genießen. Eher laufe ich wie der Taz Devil, sie wissen schon das putzige, sich ewig um sich selbst drehende und dabei alles fressende Kerlchen aus den Warner-Trickfilmstudios, auf Speed durch die eigenen vier Wände auf der Suche nach einer vermeintlich sinnentleerten Betätigung. Nehmen wir die Hausarbeit dabei mal außen vor. Nicht dass sie sinnlos wäre, da sei der große Sonstwasnoch vor, aber das Gefühl, die Freiheit zu genießen stellt sich noch immer nicht ein.

Tage dreizehn und vierzehn:

Der Wintersturm fegt über die Nordsee. Nun aber in einer Kraft, dass sogar mein übergewichtiger Körper kaum mehr dagegen ankommt. Der kleine Hund, als gebürtiger Italiener, ist fellmäßig nicht ausgestattet, einer solchen Naturgewalt standzuhalten. Er friert. Seine Ohren würden ausreichen, eine ganze Trawlerladung frisch gefangene Fische mit einer einzigen Berührung schockgefrieren zu lassen. Dazu kommen unangenehme Hagelschauer mit Körnern, die beinah ein Cent Stück groß sind und in der Tat unangenehm werden, wenn sie auf Kopf, Ohren und Nase treffen.

Tag zehn, an dem ich ausgedehnt spazieren gehe:

Erhol dich, entspann dich, du musst nie wieder. Doch die Unruhe, das Getriebensein von der Hektik des prallvollen Arbeitstages, lässt mich nicht los. Nach der Morgenrunde und einem ausgiebigen Frühstück, ich kaue jeden Bissen mindestens fünfzehn Mal, wenigstens soll das Gedärm das Gefühl bekommen gebraucht und sinnvoll zu sein, außerdem erlange ich auf diese Weise ein Sättigungsgefühl. Überhaupt, auch das ist etwas, das ich erst wieder lernen muss, in Ruhe zu essen und die Dinge, die vor mir auf dem Teller zu liegen kommen, auch zu genießen.

Tag neun, an dem ich früh erwache:

Pünktlich, zehn Minuten vor sechs, wache ich auf. Mein ganzer Organismus, meine innere Uhr sind darauf trainiert. Im ersten Moment huscht es mir durch den Kopf mit den ungewaschenen Haaren, dass ich aufspringen muss, um mich fertig zu machen, aber dann fällt mir ein, dass ich ja liegen bleiben könnte oder zumindest in Ruhe die erste Tasse Kaffee genießen kann. Der Hund öffnet gequält ein Auge und späht verschlafen aus seinem Körbchen.

Tag acht, an dem ich shoppen gehe:

Um für einen dezidierten und ausgefüllten Tagesablauf zu sorgen, habe ich das Auspacken auf heute verschoben. Jeden Tag eine wichtige Aufgabe. Beim Leeren der Taschen und des Rucksacks muss ich bestürzt feststellen, was ich Alles in der Packaktion vergessen habe. Zwar notierte ich die benötigten Gegenstände und Utensilien auf diversen Listen und ich sehe es auch wie ein 3-D Bild in 4K Auflösung vor meinem geistigen Auge, aber es steht noch immer in der ehelichen Wohnung, außer meine Frau hat es weggestellt und ordentlich verstaut. Die Dinge, die ich bei dieser logistischen Meisterleistung zurückließ, waren Socken, leider im Winter nicht zu vernachlässigen, Duschmittel, im Winter nur bedingt von Nöten, es bilden sich auf diese Weise herrliche Schutzschichten und der Hund erkennt einen, auch auf größere Entfernung, sogar gegen den Wind; diverse Toilettenartikel, was dummerweise einen Großeinkauf im Drogeriemarkt nach sich