Tage dreizehn und vierzehn:

Der Wintersturm fegt über die Nordsee. Nun aber in einer Kraft, dass sogar mein übergewichtiger Körper kaum mehr dagegen ankommt. Der kleine Hund, als gebürtiger Italiener, ist fellmäßig nicht ausgestattet, einer solchen Naturgewalt standzuhalten. Er friert. Seine Ohren würden ausreichen, eine ganze Trawlerladung frisch gefangene Fische mit einer einzigen Berührung schockgefrieren zu lassen. Dazu kommen unangenehme Hagelschauer mit Körnern, die beinah ein Cent Stück groß sind und in der Tat unangenehm werden, wenn sie auf Kopf, Ohren und Nase treffen.

Tag zehn, an dem ich ausgedehnt spazieren gehe:

Erhol dich, entspann dich, du musst nie wieder. Doch die Unruhe, das Getriebensein von der Hektik des prallvollen Arbeitstages, lässt mich nicht los. Nach der Morgenrunde und einem ausgiebigen Frühstück, ich kaue jeden Bissen mindestens fünfzehn Mal, wenigstens soll das Gedärm das Gefühl bekommen gebraucht und sinnvoll zu sein, außerdem erlange ich auf diese Weise ein Sättigungsgefühl. Überhaupt, auch das ist etwas, das ich erst wieder lernen muss, in Ruhe zu essen und die Dinge, die vor mir auf dem Teller zu liegen kommen, auch zu genießen.

Tag neun, an dem ich früh erwache:

Pünktlich, zehn Minuten vor sechs, wache ich auf. Mein ganzer Organismus, meine innere Uhr sind darauf trainiert. Im ersten Moment huscht es mir durch den Kopf mit den ungewaschenen Haaren, dass ich aufspringen muss, um mich fertig zu machen, aber dann fällt mir ein, dass ich ja liegen bleiben könnte oder zumindest in Ruhe die erste Tasse Kaffee genießen kann. Der Hund öffnet gequält ein Auge und späht verschlafen aus seinem Körbchen.

Tag acht, an dem ich shoppen gehe:

Um für einen dezidierten und ausgefüllten Tagesablauf zu sorgen, habe ich das Auspacken auf heute verschoben. Jeden Tag eine wichtige Aufgabe. Beim Leeren der Taschen und des Rucksacks muss ich bestürzt feststellen, was ich Alles in der Packaktion vergessen habe. Zwar notierte ich die benötigten Gegenstände und Utensilien auf diversen Listen und ich sehe es auch wie ein 3-D Bild in 4K Auflösung vor meinem geistigen Auge, aber es steht noch immer in der ehelichen Wohnung, außer meine Frau hat es weggestellt und ordentlich verstaut. Die Dinge, die ich bei dieser logistischen Meisterleistung zurückließ, waren Socken, leider im Winter nicht zu vernachlässigen, Duschmittel, im Winter nur bedingt von Nöten, es bilden sich auf diese Weise herrliche Schutzschichten und der Hund erkennt einen, auch auf größere Entfernung, sogar gegen den Wind; diverse Toilettenartikel, was dummerweise einen Großeinkauf im Drogeriemarkt nach sich

Tag sieben, den ich auf der Autobahn verbringe:

Am frühen Morgen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, sitzten der Vierbeiner und sein Dosenöffner, also ich, im Auto und brausen über die Autobahn. Eigentlich schleichen wir von Stau zu Stau. Irgendwer hat vergessen, allen anderen Autofahrern mitzuteilen, dass ich heute gerne freie Fahrt hätte. Es ist nicht so, dass ich auf der Flucht wäre, ich fahre nur gegen die Zeit, beziehungsweise, gegen die kleine Fähre, die uns an der Nordsee vom Festland auf die Insel bringen wird. Mit einem Mal durchzuckt mich der Gedanke, dass meine Frau mich analog einem Strafgefangenen in den dreißiger Jahren in San Franzisko nach Alcatraz, gezielt auf eine Insel geschickt hat, damit die Möglichkeiten zur Flucht minimiert sind. Ich wische den Geistesblitz aus meinen Gedanken, aber so richtig will er nicht verschwinden.

Tag vier, an dem ich beinah das gesamte Internet löschte:

Der Alltag startet mit Kaffeekochen, denn ich möchte meiner Frau eine Freude bereiten. Der Hund schaut mich verständnislos aus verschlafenen Augen an, grunzt, dreht sich ein paar Mal im Kreis, um sich dann an der gleichen Stellen mit einem Seufzer niederzulassen und weiterzuschlafen. Seine ganze Körperhaltung drückt aus, komm ja nicht auf die Idee, jetzt schon rauszugehen.

Tag drei, an dem ich begann die Wohnung zu katalogisieren:

Bei der morgendlichen Gassirunde habe ich Strassenbauarbeiter beobachtet, die große Spundwände installieren. Nach nur einer Stunde Stehen war es dem Hund offenbar schon langweilig. Ich fand es sehr interessant und habe beschlossen, mich genauer mit dem Thema zu befassen, um morgen den Arbeitern Ratschläge geben zu können; oder mich mit ihnen über das Wetter, Fußball oder Motorsport zu unterhalten. Nach dem Frühstück, einem oder mehrerer Scans des Virenschutzprogramms und der Reinigung von Herd und Waschbecken, muss ich bemerken, dass Frau und Hund nicht anwesend sind. Erstaunlich, wie oft der Köter raus muss, seit ich nicht mehr arbeite. Den Zettel, der auf dem Spiegel im Bad klebt, und der mit dicken, roten Druckbuchstaben beschrieben ist, reiße ich unwirsch ab. Ich suche den Glasreiniger und den Brennspiritus um die mikroskopisch kleinen Klebereste großzügig zu entfernen.

Tag zwei, an dem ich versuche, meine Zeit sinnvoll zu nutzen:

Ha! Berufsverkehr am Morgen. Ich bin auf dem Weg zum Autoschrauber und komme in Zeitnot. Oh Wonne, welch herrliches Gefühl, da bist du endlich wieder, Termindruck, mein jahrelanger Begleiter. Stolz schaffe ich es sogar, ohne Verspätung in der Werkstatt vorzufahren. Schon nach einer viertel Stunde sind die Sommerreifen abmontiert und die Winterräder auf den Naben. Der Meister hat irgendwie keine Zeit für ein ausuferndes Gespräch und komplimentiert mich höflich aber bestimmt aus seinem kleinen Büro. Auf dem Rückweg, in befinde mich glücklicherweise noch immer im Stau, kann ich sieben wichtige Telefonate führen.

Tag eins, meines selbst gewählten Rentnerdaseins:

von Thomas Günter: Es ist jetzt dreizehn Uhr zweiundzwanzig. Zum fünften Mal lasse ich auf meinem Computer einen Virusscan durchlaufen. Der Letzte fand vor einer halben Stunde statt und es hat sich, erstaunlicherweise, nichts geändert. Nach annähernd Dreißig Jahren in der Gesundheitsdienstleistung treiben die innere Uhr und vor allem die Unruhe mich vorwärts. Offenbar vergisst oder verlernt man, nach einer so langen Periode, in der man andauernd gegen die Zeit arbeitete, diese zu genießen. Zwar ist noch eine Menge Verwaltung zu erledigen, bis alles endgültig abgewickelt ist, dies passiert jedoch in kleinen Häppchen.

Pilotfilm Teil 2

Rentnerbank

So wuchs die Idee in mir der Wunsch, langsam aber gewaltig, mein Leben zu verändern. Raus aus der ewigen Tretmühle, selbstbestimmt und vor allem, mit einem freien Bewusstsein. Nicht mehr eingezwängt in die Regularien einer Tätigkeit, die mich nicht nur anödete, sondern sogar begann, meine Gesundheit negativ zu beeinflussen. Also beschäftigte ich mich mit dem Thema Escapismus, ja mit einem C. Also nicht in seiner klassisch, psychiatrischen Bedeutung, da wird es mit K geschrieben und bedeutet ebenfalls Flucht, aber in irreale Welten unter Verkennung der Realität. Also ein bisschen in der Art: Der HSV bleibt in der Bundesliga (Hier stirbt die Hoffnung zuletzt, denn in meinen Jahrgängen wünscht man sich Kevin Keegen, Horst Hrubesch und die Bananenflanken eines Manni Kaltz zurück) Soll der Dino wirklich bleiben? Ich weiß es nicht. Ich bin so zerrissen!