Klägliche Fortschritte für das Seelenheil des gegängelten Autorenlebens

Hund und Mensch nutzen die Möglichkeit, die aufgestaute Energie, vor allem die des Vierbeiners, er ist noch jung und überbordend, wenigstens in Teilen wieder abzubauen. Wir wandeln über den Meeresboden, entlang der ewigen Grenze der Gezeiten. Die Fellnase springt, in Freiheit entlassen, freudig zwischen all dem angespülten Strandgut. Bald schnüffelt er an einem abgerissenen Bündel Algen, um sofort danach den Kadaver eines armen toten Seevogels, der den Wintersturm nicht überstand, zu untersuchen. Letzteres scheitert an dem kläglichen Versuch des Dosenöffners, eine etwaige Wälzaktion zu unterbinden. Die, in allen Grauschattierungen gefärbten Wolken treiben träge über den winterlichen Himmel.

Tage dreizehn und vierzehn:

Der Wintersturm fegt über die Nordsee. Nun aber in einer Kraft, dass sogar mein übergewichtiger Körper kaum mehr dagegen ankommt. Der kleine Hund, als gebürtiger Italiener, ist fellmäßig nicht ausgestattet, einer solchen Naturgewalt standzuhalten. Er friert. Seine Ohren würden ausreichen, eine ganze Trawlerladung frisch gefangene Fische mit einer einzigen Berührung schockgefrieren zu lassen. Dazu kommen unangenehme Hagelschauer mit Körnern, die beinah ein Cent Stück groß sind und in der Tat unangenehm werden, wenn sie auf Kopf, Ohren und Nase treffen.

Tag zwölf, an dem ich wieder Tee trinke

Die Nordsee verwöhnt uns mit unbeständigem Wetter, bald stürmt und hagelt es, dass man den sprichwörtlichen Hund nicht vor die Tür schickt; meiner steht er dann auch mit eingekniffenem Schwanz in Hauseingängen und schaut mich aus seinen braunen, treuen Augen an, die mich fragen, was machen wir hier eigentlich? Ich könnte so schön zu Hause durch den Wald toben, mit all meinen Hundefreunden- und Dinnen, da sind wir auch vor dem Sturm geschützt, aber nein, wir müssen hier durch Wind und Wetter marschieren.

Tag neun, an dem ich früh erwache:

Pünktlich, zehn Minuten vor sechs, wache ich auf. Mein ganzer Organismus, meine innere Uhr sind darauf trainiert. Im ersten Moment huscht es mir durch den Kopf mit den ungewaschenen Haaren, dass ich aufspringen muss, um mich fertig zu machen, aber dann fällt mir ein, dass ich ja liegen bleiben könnte oder zumindest in Ruhe die erste Tasse Kaffee genießen kann. Der Hund öffnet gequält ein Auge und späht verschlafen aus seinem Körbchen.

Tag fünf und sechs, an denen ich packte und fast Alles vergaß:

Der Wunsch und Wille meiner Frau sind mir Befehl. Außerdem ist es besser, aus dem Schuss zu sein, bevor noch weitere Malheure geschehen. Ich erstelle eine Liste der Dinge, die ich und der Hund im Urlaub benötigen werden. Ich verwerfe die Liste wieder, da ich noch gar nicht weiß, wohin uns die Reifen rollen lassen. Die Liste wird neu erstellt mit den Grundsätzlichkeiten. Danach schreibe ich sie um, verändere, füge hinzu und streiche weg. In meinem früheren Leben, also vor gut einer Woche, hab ich einfach meinen Krempel zusammengepackt, in´s Auto geschmissen, den Hund und die Frau dazu, und wir sind losgefahren. Nun schreibe ich Listen. Packe ein, packe aus und packe um.

Tag drei, an dem ich begann die Wohnung zu katalogisieren:

Bei der morgendlichen Gassirunde habe ich Strassenbauarbeiter beobachtet, die große Spundwände installieren. Nach nur einer Stunde Stehen war es dem Hund offenbar schon langweilig. Ich fand es sehr interessant und habe beschlossen, mich genauer mit dem Thema zu befassen, um morgen den Arbeitern Ratschläge geben zu können; oder mich mit ihnen über das Wetter, Fußball oder Motorsport zu unterhalten. Nach dem Frühstück, einem oder mehrerer Scans des Virenschutzprogramms und der Reinigung von Herd und Waschbecken, muss ich bemerken, dass Frau und Hund nicht anwesend sind. Erstaunlich, wie oft der Köter raus muss, seit ich nicht mehr arbeite. Den Zettel, der auf dem Spiegel im Bad klebt, und der mit dicken, roten Druckbuchstaben beschrieben ist, reiße ich unwirsch ab. Ich suche den Glasreiniger und den Brennspiritus um die mikroskopisch kleinen Klebereste großzügig zu entfernen.

Tag zwei, an dem ich versuche, meine Zeit sinnvoll zu nutzen:

Ha! Berufsverkehr am Morgen. Ich bin auf dem Weg zum Autoschrauber und komme in Zeitnot. Oh Wonne, welch herrliches Gefühl, da bist du endlich wieder, Termindruck, mein jahrelanger Begleiter. Stolz schaffe ich es sogar, ohne Verspätung in der Werkstatt vorzufahren. Schon nach einer viertel Stunde sind die Sommerreifen abmontiert und die Winterräder auf den Naben. Der Meister hat irgendwie keine Zeit für ein ausuferndes Gespräch und komplimentiert mich höflich aber bestimmt aus seinem kleinen Büro. Auf dem Rückweg, in befinde mich glücklicherweise noch immer im Stau, kann ich sieben wichtige Telefonate führen.

Tag eins, meines selbst gewählten Rentnerdaseins:

von Thomas Günter: Es ist jetzt dreizehn Uhr zweiundzwanzig. Zum fünften Mal lasse ich auf meinem Computer einen Virusscan durchlaufen. Der Letzte fand vor einer halben Stunde statt und es hat sich, erstaunlicherweise, nichts geändert. Nach annähernd Dreißig Jahren in der Gesundheitsdienstleistung treiben die innere Uhr und vor allem die Unruhe mich vorwärts. Offenbar vergisst oder verlernt man, nach einer so langen Periode, in der man andauernd gegen die Zeit arbeitete, diese zu genießen. Zwar ist noch eine Menge Verwaltung zu erledigen, bis alles endgültig abgewickelt ist, dies passiert jedoch in kleinen Häppchen.

Pilotfilm

Rentnerbank

Von Einem der auszog und sein Leben umkrempelte. Ich bin jetzt dreiundfünfzig Jahre alt, glücklich verheiratet, die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus und stehen auf eigenen Beinen. Es stellt sich die Frage, was tun mit meinem Leben? Den Begriff Midlife-Crisis weise ich weit von mir, denn schon lange schlummert der Gedanke in meinem Kopf, dass eine Sache in meinem Leben grundsätzlich falsch gelaufen ist. Als Kind des Berliner Bildungsbürgertums, geboren in den sechziger Jahren, die Eltern beeinflusst und erschreckt durch die Studentenunruhen, hat man etwas Ordentliches, etwas Reelles zu erlernen und zu studieren. Flausen wie Kreativität wurden, wenn überhaupt akzeptiert, verbissen in Bahnen gelenkt und kanalisiert, so dass ein gebührender und ehrbarer Beruf dabei herausspränge. Schon als Kind habe ich mir, noch bevor ich schreiben konnte, Geschichten ausgedacht und vor allem erzählt.