… Tag 800werfragteigentlichnochdanach meines Privattierdaseins …

Gleich einer Einheit römischer Auxiliarverbände, die Steine schmeißend, grölend, gerne die Visagen bis zur Unkenntlichkeit mit Tönungen verschmiert, den Gegner zu Leib und Leben rückt, wie eine Feuersbrunst, gelegt von tapferen Floriansjüngern, um dem eigentliche Brandherde den nöt’gen Sauerstoff zu rauben, wie eine Finte, eine arge Kriegslist, die dem Verstand vorgaukelt, dass er wohl beschäftigt sei, und doch nichts anderes vollbringt, als den Arbeitsspeicher des menschlichen Betriebssystems vom Müll des Alltäglichen zu bereinigen.

Tag 813 meines Privattierdaseins …

Vorsichtshalber habe ich noch einmal die Reiskörner in den Beuteln gezählt. Das Ergebnis ist noch immer dasselbe. Ich weiß noch nicht, ob es sich um eine Verschwörung der reisverarbeitenden Industrie handelt, oder ob die Verkäufer in den Supermärkten eine international verstrickte Mafiaorganisation bilden, aber in dem einen Beutel sind 14378 Körner, in dem andern nur 14356 Körner vorhanden. Das will mir doch sehr unheimlich vorkommen. Ich werde auf den geheimen Seiten von NSA, CIA, ARD, ZDF, den Illuminaten und den Bilderbergern nachforschen, worin der tiefere Sinn, der vor der gesamten Menschheit verborgen werden soll, liege könnte.

Nun stellen wir uns mal ganz dumm …

Bei all den Überlegungen, vergessen die Entwickler, Designer und Konstrukteure wenigstens den Umstand, dass, sollte es zur sogenannten Singularität kommen, wir uns sowieso keine Gedanken mehr machen müssen. Denn unser Verhalten würde jedwede logische ebenso wie alle unlogischen Berechnungen einer Intelligenz ohne Bewusstsein unweigerlich zur sofortigen und kompletten Elimination der hässlichen zweibeinigen Fleischsäcke führen.

Liebe in den Zeiten der Chole … Digitalera!

Epikur formulierte es einstmals so »Bei den meisten Menschen ist die Ruhe betäubt und die Bewegung artet in Raserei aus.« Gefunden wurde diese, wie viele andere Weisheiten, erst im vorletzten Jahrhundert in den vatikanischen Archiven. Was für ein Glück, dass dieser Verein auch die Traktate seiner erklärten Gegner gesammelt hat und noch immer sammelt, sonst wären uns viele Gedanken der Altvorderen schon lange verloren gegangen und die heutigen Philosophen dürften alles für sich in Anspruch nehmen.

Tag vier, an dem ich beinah das gesamte Internet löschte:

Der Alltag startet mit Kaffeekochen, denn ich möchte meiner Frau eine Freude bereiten. Der Hund schaut mich verständnislos aus verschlafenen Augen an, grunzt, dreht sich ein paar Mal im Kreis, um sich dann an der gleichen Stellen mit einem Seufzer niederzulassen und weiterzuschlafen. Seine ganze Körperhaltung drückt aus, komm ja nicht auf die Idee, jetzt schon rauszugehen.

Tag zwei, an dem ich versuche, meine Zeit sinnvoll zu nutzen:

Ha! Berufsverkehr am Morgen. Ich bin auf dem Weg zum Autoschrauber und komme in Zeitnot. Oh Wonne, welch herrliches Gefühl, da bist du endlich wieder, Termindruck, mein jahrelanger Begleiter. Stolz schaffe ich es sogar, ohne Verspätung in der Werkstatt vorzufahren. Schon nach einer viertel Stunde sind die Sommerreifen abmontiert und die Winterräder auf den Naben. Der Meister hat irgendwie keine Zeit für ein ausuferndes Gespräch und komplimentiert mich höflich aber bestimmt aus seinem kleinen Büro. Auf dem Rückweg, in befinde mich glücklicherweise noch immer im Stau, kann ich sieben wichtige Telefonate führen.

Tag eins, meines selbst gewählten Rentnerdaseins:

von Thomas Günter: Es ist jetzt dreizehn Uhr zweiundzwanzig. Zum fünften Mal lasse ich auf meinem Computer einen Virusscan durchlaufen. Der Letzte fand vor einer halben Stunde statt und es hat sich, erstaunlicherweise, nichts geändert. Nach annähernd Dreißig Jahren in der Gesundheitsdienstleistung treiben die innere Uhr und vor allem die Unruhe mich vorwärts. Offenbar vergisst oder verlernt man, nach einer so langen Periode, in der man andauernd gegen die Zeit arbeitete, diese zu genießen. Zwar ist noch eine Menge Verwaltung zu erledigen, bis alles endgültig abgewickelt ist, dies passiert jedoch in kleinen Häppchen.