… Tag 800werfragteigentlichnochdanach meines Privattierdaseins …

Gleich einer Einheit römischer Auxiliarverbände, die Steine schmeißend, grölend, gerne die Visagen bis zur Unkenntlichkeit mit Tönungen verschmiert, den Gegner zu Leib und Leben rückt, wie eine Feuersbrunst, gelegt von tapferen Floriansjüngern, um dem eigentliche Brandherde den nöt’gen Sauerstoff zu rauben, wie eine Finte, eine arge Kriegslist, die dem Verstand vorgaukelt, dass er wohl beschäftigt sei, und doch nichts anderes vollbringt, als den Arbeitsspeicher des menschlichen Betriebssystems vom Müll des Alltäglichen zu bereinigen.

… Nun ja, wohl an, nun denn …

Gleichheit von Frauen und Männern mag auf dem Papier existieren, doch in realiter sind wir noch weit davon entfernt. Zwischen den Hautfarben, die doch nichts anderes als einen Phänotyp darstellen, will ich an dieser Stelle gar nicht erst sprechen, die Bilder, die uns von der anderen Seite des Atlantiks erreichen, sprechen, nein brüllen ein beredtes Klagen in die Welt.

… Tag 800wenneinendieErinnerungeneinholen meines Privattierdaseins …

Machen uns, den geneigten Hörern, doch beide Lieder unmissverständlich klar, dass das Nachtrauern der Vergangenheit im Grunde zu nichts führt. Denn die Zukunft ist das Land, das es zu entdecken, zu erobern und zu meistern gilt. Mit den erlernten Erfahrungen, denn sie machen uns schließlich erst zu dem, was wir geworden sind. Doch ohne ihnen nachzutrauern, denn das verstellte nur den Blick auf all das Schöne und Unglaubliche auf dieser so absurden, blauen Perle mitten im weiten Nichts des Universums.

Ja ist denn alles wahr?

Was ist überhaupt »Die Realität«? Nur das, was unser Gehirn, dieser erstaunliche Klumpen Eiweiß am oberen Ende dieses merkwürdigen, halbwegs ausbalancierten Fleisch- und Knochensacks, in dem mit schier unglaublicher Geschwindigkeit elektrische Impulse hin und her zischen, als erstaunlich beeindruckende 4D Simulation in unser Bewusstsein projiziert. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

… Tag 800wasmachtmaneigentlichmitderganzenZeit …

Wo war ich? Ach ja, bei dem weiteren Zeitvertreib, der, wie die Jungfrau zum Kinde, mich vor einigen Monaten wieder einholte, überrollte und mich mit der gleichen Faszination umgehend gefangen nahm, wie seinerzeit. Die Fotografie. Vor allem die analoge Form des Einfrierens der Zeit, des Festhaltens des Augenblicks. Die 1/125 sec., die 1/60 sec., der tausendste Teil der klassischen westlichen Zeiteinheit, der ausreicht, um die chemische Reaktion auf dem Triacetatstreifen auszulösen und den Moment einzufangen.

… Tag ichzählschonlangenichtmehrmit meines Privattierdaseins …

Die Biologie, die doch einen großen Teil unserer Verhaltensweisen auszumachen scheint, da auf die Reize, die durch unsere Umwelt unser Gehirn stimuliert wird, die immer gleichen neurologischen, biochemischen und physiologischen Reaktionen folgen, die von uns großspurig als freier Wille definiert werden, und der doch nichts anderes zu sein scheint, als ein Jahrmillionen altes Verhaltensmuster, das sich bewährt hat und demnach immer und immer wieder abgespult wird.

Tag 800jetztistesauchschonegal des Privattierdaseins …

Was aber sollen die Menschen, die draußen in Stadt und Land, auf Feld und Weide, in Wohnung und Home Office gefangen sind, sich nicht von A nach B bewegen dürfen, oder nur, wenn ein triftiger Grund, wie das Hamstern von Toilettenpapier vorliegt, denn sonst ihre großzügig bemessene Zeit verbringen? Es existiert nun mal nur eine begrenzte Anzahl an Filmen und Serien. Und wenn man es richtig anstellt, Multitasking ist in diesem Fall das Motto der Stunde, dann ist man in der Lage, auf Tablett, Handy und dem Computer mindestens drei, in Zahlen 3, wenn nicht mehr Filme oder Folgen einer Serie gleichzeitig in sich aufzusaugen.

Tag 800ichweißauchnichtmehr eines Privattieres …

Dabei hat die Menschheit offenbar vergessen, dass das Denken an und für sich die wichtigste und hauptsächliche Tätigkeit ist, zu der wir uns befähigt sehen. Schließlich erschafft das Denken erst die Realität in der wir uns alle gemeinsam und ein Jeder für sich bewegen und existieren. Erst das Denken hat die großen Ideen hervorgebracht, die wir im Jetzt mit dem Begriff »Zivilisation« sehr verkürzt zusammenfassen. Erst dass Denken ermöglicht es uns, als Menschheit, hinter die Geheimnisse des Universums, nicht nur da draußen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, sondern auch hier im Kleinen, wie der Biene, die die Pollen einer Blüte gierig aufnimmt, zu blicken und die tiefe Schönheit, die darin verborgen liegt, zu erkennen.

Tag 800irgendwas meines Privattierdaseins …

Ein bisschen albern will es mir ja vorkommen, wenn die Menschen, eingepackt wie bei der Untersuchung eines aus dem Weltenraum herangerauschten Meteoriten, dann bei Rot, möglichst auch noch kreuz und quer, im schönsten Autoverkehr die Fahrbahn kreuzen. Da denk ich mir doch, dass das mit der Risikoeinschätzung nicht so wohlfeil funktionieren will.

Tag 815 meines Privattierdaseins …

Ich selber, der ich ja sowieso nur außen vor sitze, schwanke hin und her zwischen mahnendem Unkengerufe über das Ende der Welt, das auf leisen Klopapierrollen daher rollt, oder einer überbordenenden Euphorie, dass am Ende dieser Krise alles so viel besser sein wird. Auch die Frage, ob man in dieser so angespannten Situation verbale Burlesken über das Virus verbreiten dürfe, kann und muss mit einem unbedingten »Ja« beantwortet werden. Denn nur mit einer gehörigen Portion Galgenhumor lässt sich diese absurde Situation überhaupt überstehen. Schließlich wissen wir seit geraumer Zeit, dass »Der Legionär ist gut, der überspielt mit derbem Scherz den Schmerz.«