von Thomas Günter

Nun ist es ja so liebes Tagebuch, dass in diesen merkwürdigen Zeiten, von denen ich nie erwartet hätte, sie zu meinen Lebzeiten erleben zu müssen, diese ganze blaue Perle im weiten Rund des sie umgebenden Nichts, sich selber ohne Unterlass mit sinn- und inhaltslosen Meldungen überflutet.

Alles ist gesagt, viel weniger bedacht, vor allem von unbehuften, aber sich selber berufen Fühlenden. Was kann ich da noch schreiben, denken, niederlegen für die Nachwelt, die sich doch sowieso kaum mehr für die eigene Vergangenheit interessieren werden wird. Der öffentliche Raum, nicht irgendein Zimmer, sondern der metaphorische, der einstmals genutzt wurde, um eine Debatte zu führen, dies scheint schon so lange, ganze Äonen zurückzuliegen und umfasst dennoch nicht einmal ein Dezennium, ist zu einem Ort der schrillen Hysterie, des hypertrophen Kreischens, der unbotmäßigen Anmaßung und unbedachter, niemals zu hinterfragender Worthülsen verkommen.

Da hock ich, der alte, weiße, böse, heterosexuelle und heteropneumatische Mann, der Autor, das Privattier, Makler maligner Maliziösen, in meinem Elfenbeinturm, will nicht mehr das Haus verlassen, aus Furcht von der Dummheit des haarlosen Primaten angesteckt zu werden, und frage mich im stillen, wo das alles enden wird. Im besten Fall plumpst ein Gesteinsbrocken mindestens von der Größe Austrias auf das Antlitz dieser Welt und rückt die Verhältnismäßigkeiten für wenigstens ein Jahrtausend wieder ins rechte Licht. Wobei, die Chose mit dem Licht dann so eine Sache wäre, denn erstens verdunkelte sich der Himmel für eine überlange Zeitspanne ganz erheblich und zweitens bräche die ohnehin mittlerweile fragile Versorgung des gerichteten Elektronenflusses mit einem Mal irreversibel zusammen.

Aber das nur nebenbei.

Viel eher erscheint mir das Szenario, dass mittels aufgeblähter extrinsischer Faktoren ein System der Unfreiheit installiert wird, dass sich auf recht unschöne Art und Weise selber auslöscht. Beides deucht weder auf den ersten, auch noch auf den zweiten geschweige den dritten oder egal wievielten Blick erstrebenswert. Der Unterschied läge nur darin, dass bei der ersten Möglichkeit die Option der Schuldzuweisung glücklicherweise nur minimal möglich wäre. Die zweite Entwicklung beinhaltet, quasi wie eine Gesetzmäßigkeit der condition humane, der conditio humana, ein ausgemachtes Jakobinertum, oder wie es in der ehemaligen Sowjetunion einst genannt wurde, ebenso wie bei Mao oder Pol Pot, Welle um Welle der Säuberungen und das wahrlich nicht mit einem Waschmittel, dass die menschliche Moral, weißer und reiner als überhaupt möglich, erscheinen ließe. Das damit, dadurch und dabei auch gleich noch ein riesiger Haufen persönlicher Wäsche, um in dieser Metaphorik hängen zu bleiben, auf jeden noch so winzigen Fleck abgesucht und entsprechend ausgemerzt würde, liegt ebenfalls in der Natur des kleingeistigen, sich hinter der Moral als Schild gegen Neid und Missgunst versteckenden merkwürdigen Zweibeiners, dieses Ausrutschers in der Entwicklung der Vertebraten und Mammalia auf diesem Planeten.

Und doch, meine persönliche Freiheit in erheblichem Maße einschränkend, in der Art und Weise nämlich, dass, wider den eigenen Willen, das ganze Denken, vor allem aber auch das Handeln, der Ablauf bisher banaler Alltäglichkeiten, eingeschränkt ist, blockiert die augenblickliche Lage mein Sein so zu entfalten, wie es mir goutiert. So weit, dass sogar, neben der Kritzelei kurzer belangloser Gedankengänge, die zweite Passion, das Malen mit Licht, das Einfangen des Augenblicks, das durch chemische Reaktion erzeugte Einfrieren der Abbildung der Realität, es nicht nur mir zur Zeit, sondern auch der geliebten Vrouw, dem besten Eheweib von allen (Die Neuzugestiegnen müssen keinen Fahrschein vorweisen, bekommen aber diese Tatsache zur Kenntnisnahme), nur in sehr geringem Umfang möglich ist. Allein der Umstand, nicht dorthin fahren zu können, wohin es einen gerade zieht, ohne zuerst einen erheblichen, das persönliche Wohlbefinden limitierende Entblößen der eigenen Gesundheit zu erleiden, stellt eine im Grunde nicht zu ertragende Begrenzung dar.

Die Frage nach der Erlaubnis notwendiger Besorgungen, einer Freizeitgestaltung nach eigenem Gusto, die Option der Entscheidung über mein eigenes Sein raubt dem Homo stultus dasjenige, das ihn bis zum ultimativen Moment das Recht des Lebens ermöglicht, die Würde. Damit wird er zu einer Nummer, zu einer Ansammlung von Algorithmen berechneten Wahrscheinlichkeiten und damit kein freies Individuum mehr, sondern nur noch ein winziger unbedeutender Anteil einer form- und gesichtslosen, besonders aber auch willenlosen Masse. Das Prinzip der freiheitlich demokratischen Grundordnung, die wir seit nunmehr über sieben Dezennien erleben durften, endet somit im vom Display des Bummenswischedingens beleuchteten, reaktionslosen und nur konsumistisch gelenkten Fratzen.

Ungefragt und vor allem auch nicht fragend mündet der Weg automatisch in dieser Unfreiheit, da das Fragen und die Erwartung einer Antwort automatisch eine Unsicherheit in sich birgt, die der Homo technikus derweil nicht ertragen will. Stellt doch der Faktor Gesundheit, der ein ewiges Leben implizieren möchte, gerne vereint mit dem Umstand der technischen Aufrüstung in Form der Visionen aus dem Transhumanismus, die Schaffung eines Übermenschen, nicht unbedingt nach dem Vorbild eines Nietzsche, da diese Entwicklung als schon fast unausweichlicher nachfolgender Schritt für die Menschheit angesehen wird, gleichzeitig eine Entmenschlichung, die Entfernung von uns selbst dar, da Krankheit und vor allem der Tod einen essentiellen Bestandteil unserer, wenn auch im Grundsatz bedeutungslosen, Existenz dar.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.

Postskriptum: Wer heute genau aufgepasst hat, erkennt, warum es in diesem Textfragment keines Postskriptums bedarf.