von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, nun ist es ja so, dass ich zuweilen recht verwundert auf das Treiben dieser merkwürdigen haarlosen Zweibeiner herunter blicke. Da wird die an Hybris kaum zu übertreffende Aussage in den Debattenraum und damit auch das Gehör und die geistig verminderte Wahrnehmung geworfen, dass das Wort, nicht das, das im Buch der Bücher aufgeführt wurde, sondern das Wort, als Definition einer Begrifflichkeit, die Realität bestimme. Dabei ist sie, die Realität, nur eine Projektion unseres Bewusstseins, durch die sehr schnelle Verarbeitung und Einordnung nach Prioritäten, der uns umgebenden Energieemissionen und Weiterleitungen.

Also ganz grob gesprochen.

Ob es sich dabei um die wellenförmige Ausbreitung von Schall, die Reflektion der Strahlung des Zentralgestirns durch die Elementarteilchen der uns umgebenden Materieklumpen, das Fühlen des Sturms durch die Vater-Pacini-Körperchen oder ganz allgemein das Unwohlsein, bedingt durch die pure Existenz des Wetters, handelt, ist dabei nicht von Belang, denn all dies wird im Hirn, diesem merkwürdigen Organ am oberen Ende des Knochensacks, erzeugt. Meist drängt sich dabei der Eindruck auf, dass dies seine, des Hirns, einzige Funktion darstellen soll. Der Rest ist durch die Benutzung des Dingenswischebummens und der damit hereinbrechenden Flut sinn- und informationsfreier Meldungen und Nachrichten belegt, so dass die Aufgabe des »Denkens« elegant umschifft werden kann, damit sie keinerlei Belastung mehr darstellt.

Dabei enerviert mich bereits der Umstand, mit der Autokorrekturversion des Textverarbeitungsprogramms eine für mich unnütze Diskussion führen zu müssen. Die Tatsache, dass die Bedeutung der Begrifflichkeiten Reflektion und Reflexion unterschiedlicher nicht seien könnten, stößt, ob der mangelnden Bildung der Gegenseite, auf taube Ohren. Genauso fühlt sich der gesamte öffentliche Diskurs zur Zeit an, egal, um welches Thema es sich handelt. Die eine Seite posaunt in überbordender Weise ihre hanebüchene Weltanschauung mittels der asozialen Netzwerke, bei kaum noch zu beherrschender Verschwendung der Energieressourcen und der damit einhergehenden Schadstoffemission, ungefragt in die Wahrnehmung, während die andere Seite, sich bemühend, eine argumentative Gegendarstellung aufzubauen, durch Diffamierung und Diskreditierung, von Seiten der Erstgenannten, entmenschlicht und damit auch der notwendigen Stimme beraubt wird.

Und dieses Verhalten schimpft sich dann progressiv. Dabei erinnert es eher an das Gebaren eines Torquemada in Kastilien, einer Verfolgung der Ketzerei, wie wir es noch vom Albigenser Kreuzzug, den die französische Kirche gemeinsam mit der Nobilität und dem Königshaus im 13. Jahrhundert mit Wollust und Inbrunst im südwestlichen Teil des fränkischen Reiches zur Zeit der Kreuzzüge, her kennen.

Ach nein, damit setze ich, der alte, weiße, böse, heterosexuelle und heteropneumatische Mann, der Autor, das Privattier, Kitzler köstlicher Kinkerlitzchen, etwas voraus, was heute verpönt ist.

Dogma und Ideologie zeichnen in diesen Tagen den »Guten« Menschen aus.

Natürlich könnte ich nun in einen naturphilosophischen Diskurs über die Frage abgleiten, ob die Realität, die ich, als Person, bestimmt bald als Persona non grata, wahrzunehmen in der Lage bin, von einem Dritten auf die gleiche Weise empfunden wird. Kurz gesprochen, sieht dieser das Grün eines sich gerade jetzt im Frühling zart entfaltenden Blattes genauso wie meine Wenigkeit? Aber das brächte nichts, denn zum einen haben wir die Definition für diese Farbe nun einmal auf diese Weise festgelegt, zum Zweiten kann ich nicht mit den Augen des Anderen sehen, nicht nur schauen, hierfür also niemals eine evidente Beurteilung erlangen, und drittens, das stellt den entscheidenden Punkt dar, schafft nicht das Wort die Realität, sie deskribiert sie zum allgemeinen Verständnis.

Oder sollte es zumindest tun. Denn erst damit und dadurch wird das Gespräch zwischen zwei Individuen ermöglicht. Der Konsens über die Definition der Beschreibung ermöglicht den differenzierten Austausch über die Wahrnehmung.

So schön klingt es zumindest in der Theorie.

Wenn aber, wie momentan, eine Seite ohne Atempause, ohne Unterlass die Definitionen einseitig ändert, dann ist diese Art des Gedankenaustausches, der ja ohnehin nur eingeschränkt möglich ist, da der haarlose Primat, der Homo stultus mit Konsumismus abgelenkt wird, offenkundig obsolet. Ein Umstand den sogar ich, als ausgemachter Misanthrop allenthalben bedauere. Denn erst durch den Austausch differenzierter Gewichtungen gleicher Definitionen, entspannt sich ein, die Erkenntnis erweiternder, Diskurs und letztendlich die Möglichkeit einer demokratischen, das heißt, für die Mehrheit, unter Berücksichtigung der Wünsche einzelner oder weniger Andersdenkender, akzeptabler Kompromiss.

Doch das Wort als Beschreibung und nicht als Erschaffung der Realität, ist schlechterdings nicht mehr erwünscht. Der Mund verhüllt und damit, durch die Gesichtslosigkeit dem wichtigsten Kommunikationsmittel, dass der Träger eines zukünftigen Trinkgefäßes nun einmal zur Verfügung hat beraubt, steifbeiniges Gehen, die Haltung von Ohr und Rute, das Aufstellen des Fells, wie unsere vierbeinigen caniden Begleiter, die »noch« in Haus und Hof Tisch und Bett mit uns teilen dürfen, wer kann schon sagen wie lange noch, liegen nicht in unseren Fähigkeiten, so dass die Kommunikation, das Essentielle eines jeden sozialen Wesens, maximal eingeschränkt ist.

Gewollt? Das stell ich hier mal einfach in den Raum. Wertfrei!

Ich sitz lieber in meinem Elfenbeinturm, blicke hinunter, wundere mich, traue kaum dem Gesehenen oder dem Gehörten und staune, wie schnell die Welt, die Menschheit sich wandeln konnte. Oder war’s schon immer so, und zur Zeit wird es nur durch die veränderten Umstände, ob künstlich geschaffen oder natürlich entstanden will ich hier an dieser Stelle nicht kommentieren, katalysiert?

Ist dieser merkwürdige Ausrutscher der Evolution, seitdem er sich entschied, sesshaft zu werden und durch diese Form der Sozialisation erhebliche Änderungen in seiner Gehirnstruktur erfahren hat, einfach nicht mehr in der Lage, Eigenverantwortung zu übernehmen und damit selbstbestimmt sein Dasein zu fristen?

Fragen über Fragen, die erst in ferner Zukunft, wenn wir als Art nur noch Erinnerungen in der Mythen der Märchen anderer Lebewesen sein werden, geklärt werden können.

In diesem Sinne, schönen guten Abend.

Postskriptum: Mein geliebtes Weib, die beste Ehefrau von allen (eine immanente Information für die neu Zugereisten) erhoffte sich eingangs dieses Pamphlets ein gerüttelt Maß mehr Spitzzüngigkeit. Aber ich gelobe Besserung.