von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch ist es ja so, dass besonders in der Kapitale Deutschlands offenbar noch immer ein kollektiver Kater die ohnehin retardierten kognitiven Fähigkeiten weiter mindert. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Straßen an einem Montagmorgen erstaunlich leergefegt anmuten. Dem bösen, alten, weißen, heterosexuellen und heteropneumatischen Mann, dem Autoren und Privattier, dem Balancierer banaler Bordüren, fiel dies auf, als er sich mit den Fellnasen in die arboralen Gefilde der Hauptstadt zwecks morgendlicher und damit erster von multiplen Entleerungen der Stoffwechselabbauproduktspeicher begab.
Sei’s drum.

Die Anzahl, der durch Gliazellenintoxikation, induzierter Schmerzen im zukünftigen Trinkgefäß erfolgreicher Nordmannraubzüge stellen sich in verrückten Zeiten wie diesen in mannigfaltiger Natur zur Schau. Sie alle aufzuzählen, sprengte hier bei weitem den Rahmen.

Aber welchem Weißen Wal jagt die Menschheit hinterher? Die Macht der Bilder, die Suggestion die täglich, stündlich ja minütlich auf das Bewusstsein des merkwürdigen haarlosen Primaten einprügelt, erzeugt, frei nach der französischen Denkrichtung der Dekonstruktion, eine Realität die ausschließlich durch das gesprochene Wort beziehungsweise die erzählte Geschichte Gestalt annehmen soll.

Wenn man den Aluhüten, den Verschwörungstheoretikern, den hinter allem und jedem einen sinistren Plan Erkennenden, folgte, dann bewegen wir uns mit riesigen Schritten, durch einen fein ausgearbeiteten und jedwede Eventualität inkludierenden Plan auf die Weltherrschaft durch den Algorithmus zu. All das, was die Eggheads aus dem Silikon Valley und Cupertino, aus den Firmenzentralen von Big-Tech und Big-Pharma sich bisher, bei der Transformation des Homo stultus auf dem Weg von der Postmoderne hin zum Transhumanismus, in ihren kühnsten Wunschvorstellungen und Träumen erdacht haben. Und dies alles nur, um an unsere Daten, der Währung der Zukunft, möglichst günstig, wenn auch nicht für den Bürger selber, zu gelangen.

Dabei stößt mir der Begriff des Bürgers im Augenblick sauer auf. Denn dieser Titel, und dabei handelt es sich in der Tat, ist zur Zeit, oder auch seit einem gewissen Zeitraum, dabei lässt es sich trefflich darüber streiten, ob es sich um 5, 10 oder um 15 Jahre handelt, einer Wandlung und darin auch einer in seinen in der Einzelstellung kaum merkbaren aber in der Gesamtheit doch erheblichen Erosion, unterlegen.

Ich bin, ich geruhte zu berochten, ein feiges Huhn. Dennoch lehn’ ich mich recht weit aus dem Fenster und behaupte für mich selber, keine Angst vor dem Leben zu haben. Bisher ist es mit recht erfolgreich gelungen, fast alles mit einer stoischen Lebensphilosophie zu bewältigen. Doch genau dies wird, auf der gesamten Welt, dieser blauen Perle im weiten Rund des Nichts, sowohl mit der Drohung, ja nachgerade mit dem Bild des Damokles Schwert über den drohenden Weltuntergang, sei es durch das Klima, sei es durch Krankheit, hervorgerufen. Dieses Narrativ bestimmt so vollständig die öffentlichen Nachrichten, besser die öffentliche Belehrung, dass ein Diskurs nicht mehr möglich erscheint. Jede abweichende Meinung, sogar die kritische Nachfrage ist in den vergangenen Monaten nicht mehr erwünscht und nicht die Frage, sondern der Fragende selber wird umgehend diskreditiert, diffamiert und in vielen Fällen mit Attributen versehen, deren Ziel in der Entmenschlichung besteht.

Ich für meine Person halte dies keinesfalls für eine Verschwörungstheorie, sondern ganz offen, wenn auch nur in scheinbar unzusammenhängender Umkehrung der Aufzählung, für einen lange gehegten Wunsch, für die utopische Vorstellung der Weltrevolution, für das bunte Narrenschiff einer ehemals kleinen, aber immer größer gewordenen Gruppe.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass, im Zuge des Vietnamkrieges, weltweit diverse Spielarten der vor allem in Deutschland und Frankreich so titulierten Studentenbewegung, einen maßgeblichen Zulauf gegen Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrtausends erfahren haben. In den Vereinigten Staaten nannte man diese Gruppierung Flower-Power Bewegung.

Die direkten Nachfahren dieser Generation befinden sich heute, nach einem erstaunlich kurzen Weg durch die Instanzen, an den Schaltstellen. In ihrem Schlepptau befindet sich die Weltanschauung des »Dekontruktivismus«, eines umgeformten und damit perfekten Instruments, um Begehrlichkeiten einzufordern, und im gleichen Atemzug einen Schuldigen für das vermeintliche Fehlen der daraus entstandenen Forderung der Wiedergutmachung auserkoren zu haben. Mit dieser Sozialisation, die gepaart wurde, mit dem explodierenden Neokapitalismus der 80er Jahre eben dieses Jahrtausends, der in keiner Weise mit einer echten Marktwirtschaft zu vergleichen ist, da er qua se in eine Monopolisierung führt, sind die Instrumente für eine Transformation der Gesellschaft in eine Hand gelegt.

Daraus ergibt sich auch die einfach gelungene Transformation der beiden Volksparteien hin zu einer Einheit, die nurmehr in ihrer Farbgebung zu unterscheiden ist. Die Sozialisation ihrer Mitglieder hat zu einer einheitlichen Denkweise geführt, die diametral zur vorhergehenden Generation liegt. Dass dies automatisch zu einer Einengung des Debattenraums führen muss, da hier eine viel stärkere Ideologisierung vorliegt, scheint sich von selber zu erklären. Dennoch darf dabei nicht vergessen werden, dass es sich noch immer um den viel kleineren Bevölkerungsanteil handelt. Bedenkt man jedoch, dass 30% durch den Querschnitt eines Volkes mit einer gezielten Meinung ausreichen, um einen kompletten Umschwung zu beschwören, deutet viel darauf hin, das die Transformation, weg von der liberalen Demokratie einer »Bonner Republik« hin zu einer Gesinnungs- und Moral …, mir will in diesem Zusammenhang kein passender Begriff in den Sinn kommen.

Doch der Begriff, der Titel des »Bürgers«, der vor allem auch ein gerüttelt Maß an Selbstverantwortung trägt, verschwimmt immer mehr zu einem simplen Einwohner, der sich aus den oben aufgeführten Angsterzählungen willentlich in die Obhut eines paternalistisch, zuweilen totalitär anmutenden Regimes begibt, in der stillen Hoffnung, dass die Experten, die besonders im Augenblick, eben durch die massive Einschränkung der Debattenräume, monistisch ausgewählt sind, die richtigen Entscheidungen treffen werden. Vor der Aussicht der immer weiter um sich greifenden Digitalisierung, dem Wunsch des Transhumanismus, der immer totalitär ist, sein muss, da ein Algorithmus keinerlei Alternativen, sondern ausschließlich nach der größten Wahrscheinlichkeit entscheidet, was in keiner Weise eine demokratische Willensfindung abbildet, geschweige denn ersetzen kann, gibt das merkwürdige Zweibein, mittelfristig die Freiheit der Lebensgestaltung auf.

»Angst essen Seele auf.« Und damit alles Menschliche. Besonders bei der Jagd auf einen Wal, der die Menschheit in die Tiefe reißen wird.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.

Postskriptum: Das wird auch nicht durch die Erwähnung des geliebten Weibes, der besten Ehefrau (auch sie schluckt bei diesem Text) von allen, einfacher.