von Thomas Günter

Nun, liebes Tagebuch, ist es ja so, dass diese blaue Perle im weiten Rund des Nichts, dieser Planet ein einziges Freiluftirrenhaus ist.

Alles ist gesagt, die Fakten liegen auf dem sprichwörtlichen Tisch. Für jeden einsehbar, erkennbar und verständlich. Und dennoch wird lieber einer moralischen Interpretation gefolgt, als die Rohdaten mit ein wenig von dem, was Kant einst einforderte, betrachtet.

Gesinnung, insbesondere die richtige, also die der wahren weil »Woken« Seite, übertrifft Daten und Sachlage immer. Ein bisschen wie früher beim Autoquartett, denn wer den Lamborghini im Kartendeck hatte, hatte gewonnen. Das andere zählt nicht mehr. Wieso auch, ist doch die Ethnomathematik mit Siebenmeilenstiefeln auf dem rasanten Vormarsch. Dann ist jedes Ergebnis egal, nur die eigene Interpretation ist noch von Belang. Wohin das führt, konnten wir vor einigen Jahren bei einem gemeinschaftlichen Projekt von ESA und NASA sehen, als eine Marssonde unsanft auf der Oberfläche unseres Roten Bruder aufschlug und dabei lauthals ihre Funktion einstellte, da metrisch- und inchbasierte Berechnungen ohne Abstimmung aufeinandertrafen.

Wenn auch nurmehr die richtige Gesinnung über die verfassungsmäßigen Rechte entscheidet, dann dürfen wir dieses Schriftstück getrost der Altpapierverwertung übereignen. Dort erfüllt es dann noch eine sinnvolle Aufgabe, den momentanen Mangel an groben, grauen Läppchen für die Intimreinigung zu vermindern.

Doch wen interessiert das heute noch? Nur ein paar alte weiße Männer, und deren Meinung, deren Ansichten, deren Lebenserfahrung darf nicht in Betracht gezogen werden, da sie aus sich heraus für das Übel der Welt, besonders in der Vergangenheit, schuldig sind.

Die Anmaßung, die Hybris, die Diskriminierung und die Selbstgefälligkeit, die hinter dieser modernen, aber zerstörerischen wenn nicht sogar selbstzerstörerischen Gedankenströmung liegt, lässt sich nur schwer erfassen. Besonders für jemanden wie mich, der all diese verdammenswerten Eigenschaften in einer Person versammelt. Der alte, weiße, böse, heterosexuelle und heteropneumatische Mann, der Autor, das Privattier, der Schuldige schauerlicher Schwarzwurzeln, sitzt nun, gezwungen weil qua Gesetz verordnet, in seinem Elfenbeinturm, schaut hinunter und ist über den Zustand der Verwunderung schon weit hinaus.

Beinah sehnsüchtig starre ich des nächtens, natürlich nicht von einer öffentlichen Straße aus, in den Himmel und erwarte die Ankunft eines den Planeten in einen Kataklysmus stürzenden Himmelskörpers, der die Debatte auf das Wesentliche, das pure Leben dieses merkwürdigen haarlosen Primaten reduziert. Doch schon hier kann besagte Art der freien, oben beschriebenen, Interpretierbarkeit von Werten bereits einen dicken Strich durch die Rechnung machen, eben(d) weil niemand auch nur näherungsweise das mathematisch korrekte Ergebnis herausbekommen kann und möchte. Es ist also gut möglich, dass so ein Klumpen aus Eis, Eisen, Metall, Staub und allerlei weiteren Elementen auch weit außerhalb der Oort’schen Wolke vorüber rauschen könnte. Das verringert in der allgemeinen Wahrnehmung die Furcht davor, so zu enden, wie einstmals die Dinosaurier.

Dieses merkwürdige, früher einmal vernunftbegabte, Zweibein fürchtet sich lieber vor seiner eigenen Existenz und den Konsequenzen, die sich möglicherweise daraus ergeben könnten oder auch nicht. Denn es ist so viel einfacher, in der eigenen Bude zu hocken und auf den Untergang zu warten, das Gesicht verhüllt und damit alle Menschlichkeit, weil die Fähigkeit zur Kommunikation fahren lassend, und das, was uns ausmacht, die Möglichkeit der Selbsterkenntnis, einfach über Bord in den Orkus der historischen Vergesslichkeit zu kippen.

Die Laune ist nicht gut in diesen Tagen. Die Stimmung angespannt. Die Furcht vor dem, was noch geschehen könnte groß, denn es kommt bei abrupten gesellschaftlichen Transformationen selten das gewünschte Ergebnis heraus. Die Beispiele hierfür sind Legion. Doch das will, das darf und das kann nicht gesehen werden, da es die Auseinandersetzung mit dem Selbst und der eigenen Geschichte bedeuten würde. Eine soziale Gemeinschaft die dem Transhumanismus frönt, der keinesfalls eine konsequente Form der Evolution darstellt, sondern ausschließlich aus der Wunschwelt einiger, die alles technisch Lösbare auch unbedingt umgesetzt sehen wollen, entspringt, gibt bereitwillig die Freiheit, die Selbstbestimmung auf, da damit die Verantwortung für das eigene Handeln nicht mehr getragen werden muss. Dies führt konsequenterweise zur Negation der eigenen Endlichkeit und damit zur Ablehnung, Krankheit und Tod wahrnehmen zu wollen.

Denn wenn sich mit einem Mal, explosionsartig, der Furor, die Enttäuschung und die Frustration entladen, werden vor allem auch alte Rechnungen, ob legitim oder nicht, beglichen. Die gewünschte These, dass eine solche Situation zunächst »Druck vom Kessel« nähme, erwächst daraus, dass der Wunsch der Vater des Gedanken ist. Mit der zu erwartenden Realität hat sie jedoch wenig gemein.

Als bis ins Mark konservativer Knochen, sehe ich, nicht nur für mich, sondern vor allem für die Nachfolgegenerationen, keinerlei Vorteile in den momentan so erwünschten Änderungen im gesellschaftlichen Gefüge der westlichen Welt und damit auch für den Rest des Planeten. Denn die Ideen des Humanismus und der Aufklärung haben zu den Verbesserungen der Lebensbedingungen weiter Teile dieser unbedeutenden Kugel, die mit einer Rotationsgeschwindigkeit von 300 Metern pro Sekunde durch die Unendlichkeit des Universums torkelt, geführt.

Der verblendete Idealismus, das Vorrecht der Jugend, stürzte noch immer die bestehenden Gegebenheiten ins Chaos. Besonders wenn diese hehren Ideale, Aufklärung und Humanismus, kopflos über Bord geworfen wurden, um »Alles neu« zu gestalten. Doch das Neue muss nicht das bessere darstellen. Erst wenn das Neue in das bestehend Funktionierende integriert werden kann, dann resultiert daraus eine positive Entwicklung. Doch das sprichwörtliche »Kind mit dem Bade ausschütten« führt zur Überschwemmung und zum Kälteschock, der eine rationale Handlungsweise unmöglich werden lässt. Auch wenn Dante davon sprach, dass der tiefste Kreis der Hölle den Lauen vorbehalten sei, bedeutet diese, die konservative Lebenseinstellung keinesfalls ein verharren im Status quo. Ganz im Gegenteil, sie fördert viel mehr die andauernde Beschäftigung mit dem Selbst und vor allem den umgebenden Umständen. Denn erst dadurch ist eine Anpassung, die Adaption, ja sogar die Evolution möglich.

Können wir, dürfen wir noch auf eine Stabilisierung hoffen? Können, dürfen wie einen Blick zum Beispiel zum westlichen Nachbarn werfen, dem, anders geartet, ebenso eine massive Transformation droht? Wie sieht Europa zukünftig aus, wenn die beiden zentral gelegenen Staaten, die bisher maßgeblich für den fragilen Zusammenhalt der Staatengemeinschaft gebürgt haben, in einer monströsen Umwandlung das bisher geltende Wertesystem links liegen lassen? Der wirtschaftliche Riese im Fernen Osten, der bisher nur gezuckt hat und sein wahres Potential noch nicht ausspielen kann, schließlich ist er gerade erst wiedererwacht und braucht noch mindestens einen starken Kaffee, lauert schon, sich diesen Hort einzuverleiben. Staatlich verbürgte wirtschaftliche Freiheit, deren Preis die totale Überwachung und die Vereinheitlichung der Meinung darstellt. Ein System, das vor allem von der so gefeierten progressiven linken Elite herbeigesehnt wird.

Mit einem Mal bekommt der Ausspruch Lenins: Die Religion ist das Opium des Volkes, eine ganz neue Bedeutung, denn die neue Religion ist der ökologisch und geschlechtlich korrekte Konsumismus, unter dem alles andere erdrückt wird.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.

Postskriptum: Bis hierher war keine Gelegenheit, das geliebte Eheweib, die beste Ehefrau von allen (besonders in Zeiten wie diesen!) in diesen Text zu inkludieren. Das ist nun hiermit geschehen und die liebe Seele hat wieder, für den kurzen Moment des Aufatmens, ihre Ruhe.