von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch, die Idee, Dich zu erschaffen bestand einstmals, in einer längst vergessenen und vergangenen Zeit, darin, für mich, die Enkel, die Um- und die Nachtwelt meinen Weg zu beschreiben. Zuweilen schrob ich mehr, manches Mal weniger. Die Gründe hierfür sind mannigfaltiger Natur. Das Malen mit Licht eroberte mein Herz nach über drei Dezennien zurück. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane, die so lange verborgen unter einer dicken Kruste auf ihre Entstehung gelauert hatten, brachen sich unter Pein und Schmerz, mit Mühsal und dennoch großer Wucht den Weg ins Licht. Also nicht die in Äktschnfilmchen immer beschriebene Variante, wenn einer der unbeliebteren Protagonisten droht, über die Klinge, den Jordan zu hüpfen, sondern ganz real unter oder in die strahlende Ausleuchtung durch das Zentralgestirn.

Schon schade, dass der grundsätzlich vom Leben Abgeschnittene, weil nur Hörende, die verquere Kuriosität im vorangegangenen Satz niemals in seiner ganzen Schönheit und Größe erfahren wird.

Und nun dies. Seit mehr als einem Jahr dreht sich dies Diurnal nur noch um ein einziges Thema. Ein Jahr der Angst, ein Jahr der Panik, ein Jahr des Framing und der neurolinguistischen Neuprogrammierung einer ganzen Welt. Ein Jahr der Verbote, ein Jahr der Aussetzung der Bürger- der Grundrechte, ein Jahr in Isolation, ein Jahr ohne Kultur, ohne Kreativität, ohne Anregung und Bereicherung von Außen. Ein Jahr, das für eine ganze verlorene Generation sorgt, nicht wie »die verlorenen Kinder« aus Peter Pan, sondern intellektuell, physisch und psychisch, da die Entwicklung per Federstrich einfach angehalten werden durfte. Ein Jahr, das als Katalysator für die gesellschaftliche Transformation der illiberalen linken Eliten (Sahra Wagenknecht: die Selbstgerechten, Campus Verlag 2021), herangezogen wurde. Ein Jahr, in dem sich die Wünsche der 68er Generation endlich in einer die Realität ignorierenden Verordnungshysterie manifestiert haben. Ein Jahr, das aufzeigt, dass die Reden eines Rudi Dutschke (Berlin, öffentliche Diskussion mit Günter Gauss, Audimax FU 1968), die Planspiele eines Daniel Cohn-Bendit auf einen fruchtbaren Boden gefallen sind. Und der Same, der daraus entwachsen ist, stellt heute die Hautevolee in Politik und Meinungsbildung dar.

Wie groß muss bei dieser Gruppe die Verachtung für das friedvolle, bürgerliche Leben ihrer Altvorderen ausgeprägt sein?

Ein Jahr, in dem sich herausgestellt hat, dass die Gesundheit als absolutes Gut angesehen werden muss und das Risiko, dass das Leben an und für sich bereit hält, damit die Frage nach der eigenen Existenz, den eigenen Wünschen und Vorstellungen, per se ignoriert werden soll. Und dies bei gleichzeitiger absoluter Merkantilisierung eben dieses Gutes. Ein Jahr, das aufgezeigt hat, dass jedes Mittel recht ist, um auf Kosten der Allgemeinheit maximalen Profit einzustreichen. Eine zunächst erstaunliche Koexistenz zweier so unterschiedlicher Systeme, die Idee des Sozialismus, ja des Kommunismus und die der vermeintlichen grenzenlosen Freiheit des Marktes in jeder Beziehung. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass hier die stalinschen Ideen der Verwaltung (Werner Hofmann: Stalinismus und Antikommunismus, Suhrkamp 1967) und damit der absoluten Kontrolle der Gemeinschaft Hand in Hand gehen. Erst durch die Kartellbildung und die daraus resultierende Monopolisierung entsteht die Möglichkeit, durch die absolute Beherrschung des Marktes, der ipso facto damit nicht mehr existent ist, eben diese gewollte Transformation hin zur nivellierten Bevölkerung, auch und besonders durch die Hoheit über die Meinungsbildung, vordergründig unmerklich, durch dafür umso rücksichtsloser, zu vollenden.

»Brave New World«. Schöne neue Welt. Alle Menschen sind gesund, frei von Viren und Bakterien, aber auch frei von den Symbionten, die dieses merkwürdige haarlose Zweibein für die Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen benötigt. Auch wenn es sich so mancher Wissenschaftler, aber genauso auch Politiker, zu wünschen meint, eine Parallele zu Doktor Frankenstein ist da fast nicht mehr von der Hand zu weisen, wir, als Art, Gattung, Rasse, als Säugetier und vor allem als soziales Wesen, stellen kein in vitro Experiment dar.

Ein Jahr, das die Gesellschaft gespalten hat, wie kaum ein Ereignis zuvor. Ein Jahr, in dem der römische Grundsatz, divide et impera, teile und herrsche, nie offensichtlicher zu Tage getreten ist. Ein Jahr in dem es nicht mehr um einen zu erreichenden Konsens, sondern nur noch um die Durchsetzung einer singulären Betrachtungsweise ging.

»Mit donnerndem Applaus geht die Republik zu Grunde« heißt es in Episode 3. Nun fragen Sie bitte nicht, welcher Film das ist. Dann sind Sie hier sowieso falsch! (Star Wars Episode III, die Rache der Sith; 2005) Fragt sich nur, wer applaudiert hier eigentlich? Die breite Masse oder nur eine überschaubare, dafür aber umso schriller und lauter lärmende Gruppe? Letzteres will mir plausibler erscheinen, denn besagte bürgerliche Mitte, deren Lebensziel darin besteht, eine planbare und sichere Zukunft zu erwarten, die Hoffnung, dass es der eigenen Brut dereinst nicht schlechter gehen wird, und die auch fernab des Mainstream ihre Meinung, ihre Weltsicht, ihre Wünsche und Träume äußern will, hat keinen vernünftigen Grund, sich eine derartige Transformation herbeizusehnen.

Mit Nelson Mandela endete die Apartheid in Südafrika und ein schmerzhafter Prozess der Annäherung startete, der sich noch über Jahrzehnte hinziehen wird. Solange dabei die hehrsten Tugenden der Europäer, die Aufklärung und der Humanismus bewusst ignoriert werden, scheint dieser Vorgang ab initio zum Scheitern verurteilt zu sein.

Die Diskriminierung auf Grund Alter, Geschlecht, Hautfarbe oder Krankheit sollte sich in unseren Breiten nur noch als böse Erinnerung, als Mär, die Kindern zur Nacht erzählt wird, im Gedächtnis halten.

Doch aus oben genannten Gründen kehrt sie, mit einem brüllenden Hosianna begrüßt, im Stechschritt zurück in unsere Wohnzimmer. Ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster, aber Schilder und beschmierte Fensterscheiben mit den Slogans »Kauft nicht bei Ungeimpften« und »Verkauft nicht an Ungeimpfte« drängen sich mir, dem Chronisten, dem bösen, alten, weißen, heterosexuellen und heteropneumatischen Mann, dem Autoren und Privattier, dem Haderer historischer Hermeneutiken, zusehendes in das Bewusstsein.

Die Diskussion darüber ist bereits entbrannt. Dabei kann, darf zu diesem Thema nicht einmal eine divergierende Meinung existieren, denn unsere Grundrechte sollten heilig sein und nicht auf dem Altar einer postulierten ewigen Gesundheit geopfert werden.

Doch durch das »teile und herrsche« wird, Urlaub und vermeintliche Freiheit versprechend, ein weiterer Keil in das Gemeinwesen getrieben, der eine liberale und demokratische Gesellschaft tief in seinem innersten Kern trifft und tödlich verwunden kann. Doch die Kinder des Zorns und des Furors aus dem vergangenen Jahrhundert rammen ihn mit wachsender Begeisterung, um endlich ihre irreale Vision, ihr Utopia, verwirklichen zu können, weiter hinein.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.

Postskriptum: Mein geliebtes Weib, die beste Ehefrau von allen (suchen Sie die Stelle in der Weltliteratur, in der diese Floskel zuerst erwähnt wurde, als Hausaufgabe) und meine Wenigkeit halten es da eher mit dem Ausspruch des Alten Fritzen, auch wenn sich dieser auf die Ausübung der Religion bezog. Aber in der Postmoderne, in der alles zur Glaubensfrage deklariert wird, passt dieser Satz besser denn je: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.