von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch, dieser Wunsch ist insoweit kontraproduktiv, da sich mir darob die Möglichkeit entzöge, in Zukunft noch weiter von der in den Wolken liegenden Höhe meines Elfenbeinturms verächtlich hinunter auf das wirre Treiben des haarlosen Primaten zu starren. Also bleib ich lieber oben hocken, lasse den Blick schweifen und werfe, wie ein altes Mütterchen im Stadtpark Brotkrumen für die Enten verteilt, meine Weisheiten unter das Volk. Ob diese dabei auf einen fruchtbaren Boden herniederfallen und beim einen oder anderen dazu führen, aus der Hypnose der miesen Varieté Show aufzuwachen ist mir dabei einerlei. Mir genügt der Applaus meines geliebten Weibes, der besten Ehefrau von allen (auch und gerade in einer drittklassigen Aufführung, die wir momentan erleben), denn daran kann ich mich laben und nähren.

Wie überhaupt, so in der breiten Masse, das Geistl …, das Geistige dieser Tage zu kurz kommt. Gleichwohl das Geistliche da durchaus mit einzubeziehen ist. Doch der Verstand ist ausgeschaltet. Die wenigen Funktionen die noch aufrecht erhalten bleiben, beziehen sich fast ausschließlich auf die Beibehaltung der rudimentären Vitalfunktionen und die Benutzung des rechten Daumens für die Fernbedienung. Darauf lässt sich die Existenz nun im Jahre des Herren zweitauseneinundzwanzig reduzieren. Mehr braucht es nicht mehr. Das Bumensdingenswische für den Kontakt mit dem örtlichen Fast-Food-Lieferanten, den transnationalen Konsumgüteranbieter und, wenigstens einmal im Monat, den Videoanruf bei den Erzeugern, um sich durch ihre Überweisung neuer bedruckter geldwerter Papierlappen, ihrer noch ausreichenden Zulänglichkeit zu versichern.

Der Homo stultus schafft es ganz alleine, sich abzuschaffen. Der äußere Einfluss geht intrinsisch vonstatten. Die unteren Akren sind nurmehr zum Heranziehen der Chipstüten, die nach einem Positionswechsel auf der Couch in schier ungreifbare Ferne gerückt sind, zu gebrauchen. Arbeit, Einkauf, asoziale Kontakte, Zeitvertreib und REM Phasen sind aus der immer gleichen Stellung zu bewerkstelligen. Nur die canide Fellnase kann noch nicht virtuell, zur Entsorgung ihrer Stoffwechselprodukte, unterhalten werden.

Wofür bedarf es denn dann noch der Freiheit? Alle schauen die gleichen Serien in den Streamingdiensten oder den Mediatheken, alle verzehren die gleichen Grundnahrungsmittel, alle tragen durch die konstante Nutzung immer mehr und leistungsfähigerer digitaler Kommunikationsgeräte dazu bei, dass der Energieverbrauch in ungeahnte Höhen ansteigt. Wen interessieren da schon die paar Flüge nach Malle oder sonst wo, die nun nicht mehr stattfinden.

Wenn alle weiter in ihrem eigenen Mief hocken bleiben, dann bedarf es keiner Freiheit mehr. Solange der Konsum weiter steigt, doch niemand vor die Türe geht, kann es auch zu keiner Apartheid kommen, wer, wie, wohin, mit welcher Berechtigung auch immer, die eigenen vier Wände überhaupt verlassen will.

Wenn scheren schon gedruckte Folianten. Steht doch alles im Netz der Dinge. Und bei der Vielzahl der Werke fällt es gar nicht auf, wenn das eine oder andere Pamphlet sang und klanglos aus den überregionalen Speichereinheiten verschwindet.

Freiheit? Was bedeutet das schon. Im Grunde stellt es doch den Zwang dar, sich entscheiden zu müssen. Und irrlichtern da nicht schon genügend Gestalten durch die Flure und Hallen, die Gänge und Räume, die bereitwillig die Wahl für alle Übrigen zu treffen bereit sind? Das Leben könnte so einfach sein.

Wenn alle immer das gleiche sehen und hören, dann bedarf es auch keiner Meinungsfreiheit mehr. Die verwirrt nur den Verstand, regt zum Nachdenken an und lässt womöglich noch Zweifel an der eigenen Existenz aufkommen. Schließlich ist auch das Bild einer irischen Stepptanztruppe, die in perfekter Harmonie die Metallkappen an Fußspitze und Ferse auf den Boden knallen lässt, viel angenehmer zu schauen und zu belauschen, als wenn alle unkoordiniert durcheinander liefen.

Welch scheußliches Bild. Da ist mir die Konformität doch lieber, wenn hundert Beine absolut und unbedingt koordiniert in die Höhe fliegen, um im einheitlichen Takt auf der Tanzfläche wieder aufzuschlagen. In einem totalitä … totalen Gleichklang, der keine Abweichung zulässt. Trainiert und gedrillt, ein einziges Ziel zu erreichen und kein Iota davon abzugehen. Wie einfach könnte doch das Leben sein.

Aber noch immer fordern einzelne Unbeirrte, ja nachgerade Unbelehrbare, dass ein jeder nach seiner Façon das Tanzbein schwingen darf. Das ist in höchsten Maße unsolidarisch, wenn nicht sogar noch etwas schlimmeres.

Als alter, weißer, böser, heterosexueller und heteropneumatischer Mann, als Autor, Privattier, Galan grüblerischer Gaunereien, ist mir natürlich, als Grundübel, das in dieser Welt der merkwürdigen Zweibeine existiert, gegen den Willen »Woker«, schon aus der Historie, faktisch als sich selber beweisende Prophezeiung, jedwedes recht abzusprechen, das eine oder das andere auch nur in Erwägung zu ziehen. Deutete dies doch auf einen aufgeklärten Humanismus hin, der keinen Platz zwischen Moral und Identität finden darf.

Aber das nur nebenbei.

Zum Glück sind die Zeiten, da Konzerthallen mit einer solchen Art der Lustbarkeit gefüllt wurden, auf immerdar im Orkus der Vergessenheit verschwunden. Wer will, darf das noch auf der Scheibe, die das Fenster zur Welt heutigentags darstellt, goutieren, aber glücklicherweise ist er der Freiheit beraubt, überhaupt nur entscheiden zu müssen, welches, der ehemals vielfältigen Angebote, auszuwählen wäre. Das Leben könnte so einfach sein.

Währen da nicht die Mahner, die Unker, die gedanklichen Nachfahren der Kassandra, auf die hörten die Trojaner zum Glück auch nicht, die ernsthaft vom gemeinen Volk verlangen, dass es wieder solche Entscheidungen zu treffen hätte. Schockschwerenot, das bedeutete, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, und das kann und darf in Zeiten wie diesen, in der Alles und Jeder, Bewegungsprofile und Kontakte, konsumistische Präferenzen und Freizeitgestaltung fein ziseliert aufgeschlüsselt und gespeichert werden können, nicht mehr geschehen.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.

Postskriptum: Sarkasmus wieder aus!