von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch, ist es ja so, dass ich ein Auslaufmodell darstelle. Nicht so eins, dass man mit Preisnachlass noch anbieten könnte, da nur die äußere Erscheinung an eine neuere Modeströmung angepasst wurde, die technischen Innereien aber noch die gleichen sind, wie bei der aktuellsten Variante. Nein, ich gehöre zum alten Eisen. Verbraucht, zu nichts mehr zu benutzen, so wie einst die Kupplung und das Schaltgetriebe, das heute niemand mehr bedienen kann und will, weil der Verstand dazu fehlt, und vor allem, das ist wichtig, da ich, symbolisch für alle Männer, für alles vergangene und zukünftige Übel die alleinige Schuld, sowohl in Erb- wie auch in Kontaktform in mir drinnen und mich herum trage.

Ich kann und sollte also abtreten. Das ist, in Hinblick auf alles was noch kommen mag auch besser so. Denn wenn ich, der alte, weiße, böse, heterosexuelle und heteropneumatische Mann, der Autor, das Privattier, der Agitator agrarischer Ablutionen, nicht mehr auf Gottes weitem Erdenrund umher stampfe, dann ist niemand mehr da, der das Wolkenkuckucksheim der nachfolgenden Generation durch kritisches Nachfragen und dezidierte Überlegung ins Wanken bringen kann.

Dann wird die Welt rosarot sein, glücklich, endlich frei von Zweifel, semantisch korrekt, ohne Zwietracht und Zwist, für alle absolut gleich und damit totalitär.

Wen interessieren schon unsere angestammten Bürgerrechte, wenn der einzelne nachweisen muss, dass er ihrer, der Bürgerrechte, auch würdig im Sinne eines sozialen Punktesystems ist. Diese Rechte benötigt dann niemand mehr, da durch die Umkehrung der Beweispflicht, nicht der Staat muss uns mehr nachweisen, dass wir unwürdig sind, je nach Bedarf, immer gerade nur für diese Gruppe adäquat ist, die das jeweils gültige Meinungsdogma entwickelt hat. Das vereinfacht so viel.

Dabei ist es nicht von Belang, ob es sich um einen Impfschutz, die richtige Hautfarbe, das entsprechende Geschlecht, die passende Körpergröße, Allergiefreiheit, eine passende Gesinnung etc. etc. etc. handelt. Diese Liste, diese Aufzählung lässt sich beliebig weit fortführen und bei zu geringem Konsens natürlich auch kombinieren.

Doch glücklicherweise leben wir in einer Demokratie, in der eine entsprechende Selektion niemals vorkommen kann und wird, da strikt darauf geachtet wird. Durch die entsprechenden Schutzmechanismen, die unser Grundgesetz vorsieht, besteht keinerlei Option, dass die Regierenden, in einem Anflug von Machtrausch, auf die Idee kämen, beispielsweise über eine technokratisch selektierte präformierte Entscheidung, an eben(d) diesen Rechten zu rütteln, eine ebensolche Beweisumkehr durch einen Konformitätszwang zu etablieren und die individuelle Freiheit über die Entscheidung des Lebensentwurfs damit zu unterminieren.

Schon deswegen habe ich als Modell ausgedient, da diese Gefahr für immer gebannt ist. Ich könnte mich also auf mein Altenteil zurückziehen, am besten gleich vom Gesicht der blauen Perle verschwinden, um durch meine pure Anwesenheit niemandem gegenüber eine Mikroaggression aufzubauen, seine Befindlichkeit zu erschrecken und damit in eine Opferrolle zu drängen, und meine eigene Existenz somit ad absurdum zu führen.

Da haben ich, und mein geliebtes Weib, die beste Ehefrau von allen (ein wichtiger Hinweis für all diejenigen, die sich erst jetzt dazu geschaltet haben) ja noch einmal richtig Glück gehabt.

Und dennoch treibt mich der Gedanke um, sollte ein solches oben beschriebenes Szenario jemals in naher Zukunft eintreten, wohin und wieweit mich meine Füße tragen?

Da wäre die Idee, meine sieben Sachen zu packen, gut, ich muss hier unumwunden zugeben, allein für die bedruckten Folianten benötigten wir wohl einen eigenen Frachter, Kleidung dagegen passte locker in einen Rucksack, und mich in eine Region zurückzuziehen, die meiner Misanthropie sehr gelegen käme.

Walter Kempowski lässt einen seiner Protagonisten im zweiten Teil »Uns gehts ja noch Gold« seiner Familiensaga den Wunsch nach Freiheit im sozialistischen Lager nach dem Ende des großen Krieges, durch die Berufswünsche: Leuchtturmwärter und Großwildjäger zum Ausdruck bringen. Aber da ich ziemlich sicher nicht in der Lage wäre, einem Elefanten eine großkalibrige Kugel in den Schädel zu jagen und die Leuchttürme heute alle automatisiert ihr strahlendes, die Schifffahrt in Küstennähe lenkendes Werk vollbringen, fallen diese Möglichkeiten schon einmal von der obersten Sprosse der Leiter und zerschellen krachend auf dem Boden der Tatsachen.

Ein ganzer Satz in einem Absatz, das muss der olle Erfinder der Buddenbrooks mir erst mal nachmachen. Ha! Und noch einmal, nein zweimal: Ha! Ha!

Sibirien wäre eine Option. Natürlich nicht in einem Gulag, einem Grünen Umerziehungslager, sondern in der endlosen Weite, den Birkenwäldern und Seenlandschaften. Ich sehe mich selber, mit einer selbstgeklöppelten Angel an den Ufern des Ob oder des Jenissej sitzend und einen Zander für ein frugales Abendmahl aus den träge dahingleitenden Fluten zu ziehen. Doch da weigert sich das Weib strikt.

Auch Patagonien, Feuerland, mit seiner schier endlosen Zahl an Inseln, Meeresarmen und unbewohnter Natur schreit geradezu nach meiner Anwesenheit. Eine Hütte, ein Boot, genügend Regale für die Bücher, ein kleiner Geländewagen, in dem gemütlich alle zwei Wochen ein Ausflug in die nächste Ortschaft vorgenommen wird, um Lebensmittel, die nicht in eigner Erzeugung das leibliche Wohl aufrecht erhalten, erworben werden.

Es ist nicht viel, was ich begehre, sondern nur ein wenig Ruhe und Frieden. Fernab der Hektik und des Irrsinns der Kapitale. Fernab von Dogma, Ideologie und der Zensurschere im eigenen Gedankengut. Fernab von Paternalismus der Domestiken und niederen Servilen.

Ganz so wie Seneca es formulierte: Im Alter in Würde auf das Ende warten können.

Doch ich fürchte, der alte Satz der italienischen Partisanen »la lotta continua« hat heute mehr Bedeutung denn je.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.