von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, wie sag ich’s meinem Kinde? Mit dem Kopf unter Wasser kann ich nicht sprechen, kann niemand mehr sprechen. Mit dem Kopf unter Wasser kann ich nichts sehen, kann niemand mehr sehen. Mit dem Kopf unter Wasser kann ich nichts hören, kann niemand mehr hören. Wie sag ich’s also meinem Kinde?

Ich gebe zu, als alter, böser, weißer, heterosexueller und heteropneumatischer Mann, als Autor, Privattier, Brabbler bulbischer Ballons, werde ich ohnehin nicht gehört, da ist es egal, ob das Köpfchen nun im Wasser ist oder nicht.

Bleibt die Frage, wie es dem Kinde klar zu machen ist, wo der Glaube endet und die Ideologie und das Dogma beginnen. Warum das Moralische jede Evidenz untersagt und Ironie und Sarkasmus nicht mehr gewollt sind. Das Zweite ist einfach. Denn diese beiden brechen mit Leichtigkeit den Schutz der Herrschenden auf und lassen deren Unzulänglichkeiten im hellen Sonnenlicht deutlich hervortreten.

Das Erstere ist erheblich schwieriger, da der Bruch in der Plausibilität, die Inkonsistenz des Gedankenganges zuweilen schwer erkennbar ist. Mark Twain, ja der, der heute aus eben diesem moralischen Furor verteufelt wird, sagte zutreffend, dass es ungleich schwieriger sei, den Menschen, dieses merkwürdige haarlose Zweibein, davon zu überzeugen, dass er belogen worden ist, als ihn zu belügen.

Oder anders, wir als Art, egal ob aus Norden oder Süden kommend, aus dem Westen oder Osten, von einer Insel oder einem Kontinent, sind um ein vielfaches dümmer als wir es uns in unserer Hybris eingestehen wollen.

Die Aufforderung der Aufklärung, den eigenen Verstand sinnvoll einzusetzen verläuft sich wie eine kaum wahrnehmbare Wasserbewegung bei Ebbe am Strand an einem Sommertag mit flimmernder Luft. Es wird nur das akzeptiert, was in das eigene Weltbild passt. Das vereinfacht das Leben an und für sich, diese nur scheinbar endlose Aneinanderreihung von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, die ewige Suche, die nie endende Hatz nach mehr Effizienz und Effektivität, die andauernde Erreichbarkeit und die Suche nach der immer neuesten modischen Strömung, indem der schäbige Rest einfach ausgeblendet wird. So wird ein Produktionsroboter programmiert, ausschließlich in Richtung der X- der Y- und der Z-Achse.

Bildung bedeutet nicht nur das sture, erbarmungslose Auswendiglernen der Bürgschaft oder der Glocke. Es stellt nicht die vorbehaltlose Übernahme der Thesen von Smith, Hobbs, Locke oder Marx dar, es bedeutet vor allem die kritische Auseinandersetzung mit ihnen. Das Kennenlernen der geschichtlichen Bezüge ihrer Texte, des Hintergrundes und vor allem die Verortung für die aktuellen Ereignisse. Denn auch wenn sich die technischen Gegebenheiten geändert haben, am Webstuhl sitzt nicht mehr eine namen- und gesichtslose Horde, die liefert heute die Pakete aus, der grundsätzliche gesellschaftliche Rahmen hat sich nicht verändert, schließlich sind wir nicht vom Laubfrosch zum Emu mutiert. Die Dynamik zwischen einzelnen Personen, zwischen Gruppen, Interessengemeinschaften und Gedankenströmungen ist dieselbe geblieben. In diesen wilden Tagen akzeleriert sie zwar durch die asozialen Netzwerke, doch außer der ausufernden und ansteigenden Dummheit der Äußerungen, eben weil niemand mehr seinen Verstand benutzt, laufen die immer gleichen Prozesse seit der Gründung der Protostaaten im Alluvium vor knapp 10000 Jahren ab.

Und der Homo stultus maßt sich an, das auch noch Evolution zu nennen. Mir fällt da eher der Begriff Stagnation ein.

Dieses Verharren wie der Ochs vorm neuen Tor wird auch nicht auf dem Beharren einer pauschalen Erb- oder Kontaktschuld für alle alten weißen Männer eliminiert. Dies dient dem Kinde nur als Erklärungsansatz für Ideologie und Dogma, ihre Funktion und Auswirkung. Doch das führt schon wieder zu weit, bedeutet es doch den eigenen Verstand konstruktiv zum Begreifen der Welt, was für ein großes allumfängliches Wort, zu nutzen. Aber das will niemand mehr.

Sie sei zu komplex geworden, zu schnell, für niemanden mehr erfassbar. Das stimmt in meinen Augen nicht. Sie ist verwirrend durch eine auswuchernde Menge an sich widersprechenden und das Zusammenleben verkomplizierenden Regelwerken geworden, an fiskalischen Fallstricken, technologischer Geschwindigkeit, die nur darauf abzielt, das Hosianna einiger in den Weiten des Netzes der Dinge zu verbreiten, aber die Grundsätzlichkeit der Existenz hat sich nicht verändert. Noch immer sind wir nicht mehr als ein haarloser Primat, der den biologischen und Verhaltensregeln aller in Gruppen und/oder Rudeln vegetierenden Vertebraten unterliegt. Nicht weniger, aber, und das ist die große Krux, auch nicht mehr.

Die Fähigkeit, unseren Verstand einzusetzen, um diesen Umstand zu verstehen, stellte nur die Maraschinokirsche auf dem Sahnehäubchen dar, wenn wir uns seiner denn bedienten. Dann wäre auch die Option der Evolution gegeben, aber hier endet wohl der Traum von Doktor Martin Luther King, abrupt.

Ich geb es zu, mein Bild der Menschheit ist geprägt durch meine Misanthropie. Ich halt nicht viel von anderen meiner Art, ich geh ihnen aus dem Weg, meide, so es geht, bis auf wenige Ausnahmen, die Gesellschaft Dritter. Wer seinen Kopf auch freiwillig, ohne Not, die wird erst erzeugt durch eben diese Handlung, so lange unter Wasser hält, bis alle eingeatmete Luft verbraucht ist und dessen letzter Gedanke nur noch darin besteht: Ups, wie konnte das jetzt schief gehen, da lass ich alle Hoffnung fahren und sage mir, ganz stoisch, obgleich ich nicht weiß, ob beispielsweise Seneca oder auch der große Marc Aurel mir hier zustimmten, obgleich ich es vermute, dann ist es besser wenn wir, das Menschengeschlecht, ob unserer Dummheit, da wir uns weigern den eigenen Verstand zu nutzen, einfach vom Antlitz der blauen Perle im weiten Rund des Nichts verschwinden.

Dann braucht es auch keine Bildung mehr und ich muss mir nicht mehr das Maul fusselig reden, um dem Kinde irgendetwas zu erklären.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.

Postskriptum: Mein geliebtes Weib, die beste Ehefrau von allen, darf auch hier natürlich nicht fehlen (das ist hiermit geschehen. Basta)