von Thomas Günter

Nur dieses eine Mal, ausnahmsweise, ganz bestimmt, ich werde es auch nie wieder verwenden, stelle ich die Überschrift getrennt dar. Schließlich ist es ja schon auf diese Weise kaum erkenn- geschweige denn lesbar. Aber stellt das nicht den Spaß an der ganzen Sache dar? Die Worte des großen Merlin, Emris, zu vernehmen, wie er den Atem des Drachen ruft, um mit Uther Pendragons Hilfe die Geschicke von Albion bis in die weit entfernte Zukunft zu bestimmen?

Die Sonne scheint. Die Vöglein, entfernte, sehr entfernte Verwandte der mächtigen Lindwürmer singen ihr Balzlied. Die ersten Hummeln torkeln, brummend und summend durch die warme Frühlingsluft. Die Natur erwacht zu neuem Leben.

Der haarlose Affe kauert noch immer in seinen vier Wänden. Er hadert mit seinem Schicksal; mit sich, der Umwelt, dem Universum im Allgemeinen und all den Lebensformen, die darin kräuchen und fläuchen im Speziellen.

Gefangen in Angst und Furcht vor dem eigenen Schicksal, eigentlich nur vor der Realität der Existenz, wagt er nicht mehr, den Fuß vor die Tür zu setzten. Warum auch. Es funktioniert doch schließlich auch alles im Netz der Dinge. Schoppen, Arbeiten, Lernen, soziale Kontakte und noch so viel mehr. Also, so mehr oder weniger. Denn dass mit der Digitalisierung geht weit darüber hinaus, dass ein elektronischer Brief versendet wird. Oder man nimmt das Bummensdingenswische in die Hand, durchforstet die Anrufliste und wählt zum wiederholten Mal den Fernsprechanschluss, hinter dem Fastfood erwartet wird. Auch das hat nichts mit Digitalisierung zu tun.

Viel eher stimmt mich da, was die Form der Datenerfassung angeht, denn dabei handelt es sich um diesen ominösen Begriff, der vor allem in Deutschland, neben vielen anderen Themen, für aufgebrachte Diskussionen sorgt, obgleich diejenigen, die sich dazu äußern, nicht im Geringsten verstanden haben, worum es dabei geht, eine Aussage des selbsternannten Universalgelehrten der bereits untergegangenen Volkspartei, bedenklich. Schließlich wusste er, in seiner unnachahmlichen Medienpräsenz, irgendwann ist er sooft auf dem Bildschirm, im Netz, auf den asozialen Netzwerken, dass er sich zeitgleich an mehreren Orten selber befragen kann, dass aufgrund der Bewegungsdaten der Mobiltelefone der Bürger festgestellt werden könne, dass ein ganzes Volk nach Einbruch der Dunkelheit, in der Sommerzeit ist dies dann ungleich schwieriger zu bewerkstelligen, im Schatten der Straßenlaternen, ein undurchdringliches Ringelrein beginnt. Da kann nur gehofft werden, dass nicht auch die Telefonnummern ausgelesen werden, denn dass dürfte die Exekutive nur nach einer hochrichterlichen Erlaubnis und das auch nur zur Ermittlung schwerer, womöglich staatsgefährdender Straftaten.

Aber gut, im vorherrschenden Narrativ wird gerne kolportiert, dass Enkel die Mörder ihrer Großeltern seien. Wenn nicht das, was soll dann ansonsten eine Telefonüberwachung rechtfertigen.

Doch das nur nebenbei.

Bei all dem stellt sich dem aufmerksamen Chronisten, dem bösen, alten, weißen, heterosexuellen Mann, dem Privattier, dem Autoren, Bezwinger betörender Bedeutungen, die Frage, schon im Hinblick auf die zu erwartenden Körperfunktionen der inhäusigen Fellnasen, wie groß die Masse der Osterspaziergänger sein wird. Werde ich sie, die Köter, zwischen all den Beinen, den Rollatoren, den Krückstöcken und Gehhilfen, die dann durch Wald und Wiesen, durch Felder und Auen, über Wege und Pfade in unüberschaubarer Zahl hinwegtrampeln werden, das selbst das kollektive Besäufnis aus einer Zeit, als dies noch ohne Gewissensbisse möglich ward, an einem Adventssamstag zur besten Einkaufszeit auf dem Weihnachtsmarkt wie das einsame Sterben eines Schiffbrüchigen auf einer vergessnen Insel mitten in einem unentdeckten Ozean erscheinen will, überhaupt noch entdecken können?

Denn, dass Wetter ist schön. Mutter Natur, weder die ränkeschmiedende Gaia der griechischen Mythologie, noch die verhuschte esoterische Variante, ich geruhte beide, allenthalben zu erwähnen, schenkt uns die erste zarte Blüte, die ersten wärmende Strahlen des Zentralgestirns, die Idee eines Grüns und lädt damit den gemeinen Mitteleuropäer ein, den Muff, die Enge, die Bedrängnis, das Beklemmende der eigenen vier Wände zu verlassen.

Vielleicht haben aber all Homi stulti, da draußen in Stadt und Land, na gut, die uffm Land eher weniger, mittlerweile eine so ausgeprägte Furcht entwickelt, ihrer Karzer, die Zellen, die düsteren Verliese, die Kammern ihrer ureigensten geistigen Gefangenschaft zu verlassen, dass die Tölen, ich das dosenöffnende, sie chauffierende Zweibein und zuweilen auch die beste Ehefrau von allen, mein geliebtes Weib (Sie müssen das schon wie ein Gedicht im Schulunterricht auswendig lernen) dennoch recht unbehelligt, vielleicht sogar ein wenig mit Licht malend, die Wunder, die diese Welt uns immer wieder zu bieten weiß, auskosten dürfen.

Die Hoffnung stirbt immer zuletzt.

Und ich weiß genau, dass meine Anhängerschaft diese Wiederholungen, die dem Göttlichen, dem Einen, dem Bezwinger der gallischen Unschuld und Unabhängigkeit nicht konvenierten, immer wieder einfordert. Doch mir ist das einerlei.

Quod licet Jovi, non licet bovi.

Und nein, das hat nichts mit der amerikanischen Spaßrock Combo aus den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu tun, die im Wochentakt die Welt mit neuen Ohrwürmern überflutete.

»And now for somthing completly different«, wie es in den 70ern eben(d) jenes Jahrhunderts oder Jahrtausends hieß. Mein wallend Haupthaar wuchert, wächst, hängt mir ins Nasenfahrrad, stört an den ohnehin nur rudimentär einsetzbaren Schallwellenorganen und lässt mich wie die miese Kopie eines jungen Howard Carpendale, natürlich nur frisurentechnisch, erscheinen. Doch wenn ich ehrlich bin, das Commote, die Annehmlichkeit, die kurze Auszeit vom hier und jetzt, die wenigen kontemplativen Augenblicke, die mir ein Besuch in vergangenen Tagen beim Glatzophonistiker bescheren konnte, sind durch all die Merkwürdigkeiten dieser so kurios katastrophalen Situation zuwider. So lass ich’s denn wachsen, vielleicht sogar so lang, dass ich dem, Obacht Triggerwarnung, es folgt eine Zusammenstellung von Begrifflichkeiten, die der neuesten Moralkeule nicht standzuhalten vermögen, dem großen Sohn der Apachen, dem Häuptling aller Häuptlinge, dem Friedensstifter und Blutsbruder des sächsischen Scharlie, sogar ernsthaft Konkurrenz machen könnte.

Oder ich stell den Bartschneider einfach auf die größte Stufe und scher es mir, wie in einem Bootcamp, wie bei den Marines, wie in einer dystopischen Vision der absoluten Gleichheit aller, deren Aufgabe nur noch im Konsum verborgen liegen wird, einfach ab.

»Du Oberspinner!« Tönt es da aus den Tiefen des Raumes. Wie immer hat sie, das geliebte Weib, natürlich recht.

Also werd ich auch zukünftig die störensten Fransen mühselig mit einer blauen Kinderschere, gefertigt aus burmesischem Plastik, immer um die Brillenbügel drumherum tastend, entfernen, dabei hoffend, die Knorpelwulst um den Meatus acusticus externus nicht zu sehr zu verunstalten.

Und ja, ich weiß selber, dass, wenn irgendetwas die eigene Harmonie stört, ist dass nicht mehr steigerungsfähig, ich möchte mich hier nur dem Verlust der Sprachfähigkeit weiter Kreise der Bevölkerung und der selbst erwählten Eliten anpassen, damit auch die, in ferner Zukunft, so es diese noch geben wird, denn wenn niemand mehr da ist, die Zeit zu messen, hört sie, die Zeit, dann nicht auf zu existieren, in den Genuss kämen, meine verbalen Injurien intellektuell zu erfassen.

Das war’s für heute, liebes Tagebuch. Jetzt hocke ich weiter in der Sonne und warte auf den Untergang; also den der Menschheit, nicht den des Zentralgestirns. Denn der Atem des Drachen ist erwacht und sein glühender Brodem ergießt sich über diese Welt.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.