von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch ist es ja so, dass ich zuweilen längere Pausen einlege, in denen ich selbst vor Dir meine geheimsten Gedanken und Wünsche zu verbergen suche. Lange schrobte ich in Deinen Seiten kein einzig Wort, kein Satz, keine lustige Weise oder einen kurzen Beitrag zum Irrsinn in der Welt. Wie auch, schließlich dreht sich die Realität zur Zeit in einer endlos erscheinenden Möbiusschleife. Kein Anfang und kein Ende sind in Sicht. Am fernen Horizont erscheint kein rettender Funke, kein grünes Aufblitzen im letzten Licht des Sonnenuntergangs, dass die Wiederkehr eines lange Verstorbenen aus dem Reich der Toten, wie beispielsweise unsere angestammten Grundrechte, verkünden will.
Das mag auch an dem Paradoxon liegen, dass, je mehr man sich ihm, dem Horizonte, zu nähern meint, in um so weitere Ferne rückt er, unerreichbar, fort.
Das ich der festen Überzeugung bin, dass sich die Menschheit selber ausrotten wird, durch ihre immanente Dummheit, wusste ich Dir bereits vor wenigen Stunden zu berichten. Dieses Wissen ist durch nichts zu erschüttern. Der Weg vom Homo sapiens, dem aufgeklärten Menschen über den Homo stultus hin zum Homo viridis ist fest durch das Webwerk der Nornen vorgezeichnet. Nichts auf dieser Welt scheint fähig zu sein, diese Fäden des Schicksals zu durchtrennen oder ihnen wenigstens ein neues Muster aufzuzeigen.
»Immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten, stellt eine Form von Wahnsinn dar.« So wird es dem Mann mit der weit heraus gestreckten Zunge auf die Selbige gelegt.
Plattitüden ja, genauso wie Zitate aus dem Roman »Animal Farm« in der George Orwell wie in seinem anderen großen Werk viel von dem vorwegnahm, was heute die modernen Staatsformen ausmacht. Dabei hatte er doch vordergründig anderes im Sinn. Dennoch wirken seine Schriften prophetisch, fast so, wie das Orakel von Delphi, das weiland, als es eine Mauer aus Pfählen empfahl, um Athen zu retten, ganz offensichtlich tiefer in die Verwicklungen der Bündnisse, Bauvorhaben und Optionen des Peloponnes und des griechischen Festlandes Einblick hatte, als gemeinhin behauptet wurde.
Hatte, der Brite, nicht die Frau über dem rauchenden Schlund in Delphi, eine Vorahnung, einen Geistesblitz? Waren ihm, ebenso wie beispielsweise Jules Verne in seinen Ideen über die technischen Fortschritte der Menschheit, die feinen Fäden gesellschaftlicher Entwicklung, die Irritation, die Kultur, das Gemeinwesen, eine wie auch immer geartete Version eines strukturierten Zusammenlebens dieser merkwürdigen haarlosen Affen, deutlicher in der Imagination, als es dem Gros der tumben Horden da draußen ist?
Fragen über Fragen und die, die sie zu beantworten wüssten, wandeln schon lange nicht mehr unter dem blauen Himmel unserer bedeutungslosen kleinen wasserbedeckten Kugel inmitten der unendlichen Weiten des unerforschten Universums.
Vielleicht hocken diese beiden großen Denker in einer anderen Form der Existenz beisammen, trinken einen guten Schluck eines formidablen interdimensionalen Jahrgangs und wundern sich darüber, wie zutreffend ihre Vorstellungen von der Zukunft doch sind. Dabei seufzen sie erleichtert, dass dies Schicksal, wie der Kelch, der Schierlingsbecher des Sokrates, an ihnen vorübergegangen ist.
Ich seh sie nachgerade vor mir, sich das Haar raufend, über die Ignoranz, die Intersektionalität, das verdammen der Realität zugunsten einer jedweder Logik anmangelnden Ideologie, das Überbordwerfen allen Denkens und dabei dennoch erleichtert seufzend, dass es sie nun und für immerdar nicht mehr anficht.
Wenigstens ist die eine Lebensader, der Kanal durch die Wüstenei des mittleren Orients, des Welthandels nun wieder frei geräumt, so dass der, bereits in düstersten Farben in die Vorstellung des Konsumenten gemalten Bildes gähnend leerer Regale, nur ein verpuffender Albmahr bleibt.
Zumindest bis zur nächsten kleinen Unwucht im fein austarierten Gefüge, im Regelkreis des Kaufens und Verkaufens rund um die blaue Perle.
Ficht es das vom Souverän bestallte Personal an? Mit Bruder- oder Schwestertöchtern. So lange die eigenen Hosenbeutel gut gefüllt werden, geht ihnen der Lauf der Welt, das Schicksal der Anderen gepflegt am Gluteus maximus vorbei.
Ganz so wie im koreanischen Überraschungshit, der eindrucksvoll aufzeigt, wie die Kaste der Domestiken gleich einem Spaltpilz, einer malignen Wucherung, die Herrschaft zu übernehmen weiß, ohne das der eigentliche oder besser ursprüngliche Herr im Haus auch nur die geringste Ahnung von der Perfidie erhält.
»Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.« Der Satz wird Ludwig Börne, einem deutschen Literaturwissenschaftler aus dem frühen 19. Jahrhundert zugesprochen. Er könnte aber auch von einem der großen Denker des 20. Jahrhundert stammen, oder bereits in der Antike formuliert worden sein. Er ist zeitlos, richtig in seiner Aussage und auch ich, der böse, alte, weiße, heterosexuelle Mann, das Privattier, Verwirrer vielschichtiger Vakuolen, möchte nicht für mich Anspruch nehmen, wäre ich in einer solchen Position, diese nicht auch auszunutzen. Nicht jeder der gemeinen Sterblichen besitzt die Kraft der Frau Galadriel, die für sich selber befürchtete, kalt und schön wie der helle Morgen zu sein und damit dennoch unendliche Unbill in die Welt zu bringen, und deswegen den einen Ring ablehnte.
Mein geliebtes Weib, die beste Ehefrau von allen (Asche auf mein Haupt und Schande über meine tiefschwarze Seele, beim vorangegangenen Elaborat vergaß ich, sie gebührend zu erwähnen), betrachtet mein gebeugtes Haupt voll mitleidiger Ernüchterung, und ich erkenne wohl die Aussage in ihrem Blick: Du klugscheißender Nerd, das kapiert doch wieder niemand. Und ja, sie hat recht in ihrer grenzenlosen Weisheit und Güte.
Wo war ich? Ach ja, Orwell, Verne, Frau Galadriel und viele weitere fiktive oder reale Personen, die sich mit dem Problem der Macht und ihrem Missbrauch auseinandersetzten.
Oder anders ausgedrückt, so es sich nicht um eine vor Schmalz triefende Liebesgeschichte handelt, obgleich ich hier und in aller Öffentlichkeit zugeben will, ich mag so was, zumindest auf Celluloid gebannt und immer wieder abgespielt, geht es meist in irgendeiner Form in der Weltliteratur, auch den Schmonzetten oder den Bereich des Pulp, den ich hier sehr weit fassen möchte, um Macht, Herrschaft und ihren Missbrauch.
Oder um Macchiavell in »Erziehung eines Prinzen« ein wenig konter zu karikieren, wie viel Gutes kann ich tun, in bester Absicht, damit immer nur Böses dabei herauskommt.
Dabei unterstelle ich dem dafür durch den Wahlzettel bestimmten Gesinde, dass sie in der Tat der Auffassung sind, zum Wohle ihres Souveräns zu handeln.
Aktülle Meldungen, die laut tönend durch den Blätterwald rauschen, belegen jedoch das Gegenteil. Gleichwohl dies keine Pauschalisierung darstellt, zieht es sich doch wie ein roter Faden durch die letzten Jahre.
Parallelen zum Untergang Roms, der großen Wölfin, an die Zeit der Kaiser, der Halunken, der Verbrecher, die sich allenthalben auf dem Thron breitmachten, sind nicht zu übersehen. Der Senat, die Tribunen, das gesamte Ämtersystem war, noch mehr als zu Zeiten Cäsars, als dem dem Göttlichen oblag, als Pontifex maximus, das Volk, den Plebs, wissentlich nicht die Plebs, durch ausufernde Spiele zu erfreuen, abzulenken und bei Laune zu halten, nur mehr eine Farce, die die Raffgier förderte und an den eigentlichen Problemen vorbei agierte. Auch damals wechselten andauernd viele Sesterzen den Besitzer, um partikuläre, vor allem wirtschaftliche, Eigeninteressen am Gemeinwohl vorbei zu realisieren.
Oder um mit Tacitus zu sprechen: Die Verderbtheit eines Staates erkennt man an seiner Verwaltung.
Schwergängig, veraltet, sich widersprechend und in erster Linie auf Erhalt der eigenen Position ausgerichtet, dümpelt sie wie ein Ozeanriese, der sich in einem Kanal verkeilt hat und zu keiner Bewegung mehr fähig ist, nur noch um sich selber.
Zeichen und Wunder geschehen, dies Sinnbild ging gerade durch die Weltöffentlichkeit.
So wird denn der Westen, der Erfinder der Aufklärung, der Urvater des freien Geistes, untergehen in einem faschistischen Fanal der absoluten Gleichmachung, gefördert durch die Strukturen, die erst die Möglichkeit geschaffen haben, diese freie Gedankenwelt zu erzeugen.
Oder führt die Freiheit der Gedanken automatisch dazu, dass sie, um sie zu verteidigen, die Freiheit, eine immer rigidere Einschränkung erfahren muss, sodass sie, die Freiheit, dazu führt, sich selber, im Wahn sie zu fördern, abschafft? Die Revolution frisst ihre Kinder. Dieser Sinnspruch ist so einfach, so war und auf so vieles anzuwenden.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.