von Thomas Günter

Die Menschheit wird untergehen; ganz bestimmt. Sie wird sich nicht in einer Katastrophe auflösen, auch nicht am Virus verenden oder an den Folgen der Atomkraft oder der Kohlekraftwerke. Nein, die Menschheit wird an ihrer eigenen Dummheit scheitern. Sie hockt zu Hause, betrachtet gestellte Ablichtungen selbsternannter Beeinflusser, die in keiner, wie auch immer gearteten Art und Weise mit der Realität übereinstimmen, und lässt sich einschließen, wie die armen Kreaturen, die in den Zoos und Tierparks hinter Gitter gehalten werden, um sie als eine Erinnerung an eine vergangene Zeit begaffen zu können.
Und ich fürchte ernsthaft, dass dies bereits in absehbarer Zeit geschehen wird. Alle Anzeichen deuten daraufhin. Da fährt ein Frachterkapitän die Dick Pic Version eines »Irren Ivan«, für diejenigen, die sich noch an den Film erinnern in dem Kapitän Ramius den Befehl erteilt: Nur ein Ping Wassili, nur ein Ping, um dann beim Versuch mit einem Bier in der Hand im Suezkanal zu wenden, den Pott einfach an den Ufern unverrückbar verkeilt. Die Folge davon ist, dass momentan an jedem Tag 12% des weltweiten Bruttosozialprodukts im wahrsten Sinne des Wortes feststecken und gleichzeitig unterbricht ein Erdrutsch an der Lorelei, ja genau, die Schöne, die Nackte, die sich am Rhein das güldene Haar bürstete und damit die Rheinschiffer, die Berufsbezeichnung, nicht die Handlung, so Sie mir diesen alten Kalauer verzeihen wollen, dazu verleitete, ebendiese, kurz zuvor beschriebene Aktion aktiv herbei zu führen. Der lustige FunFact, der sich daraus ergibt, wird durch die Tatsache herbeigefügt, dass damit eine weitere Hauptverkehrsader des internationalen Warenhandels, diesem glorreichen Konstrukt der Globalisierung, ein weiterer Lebenszweig, entrissen ist. Namentlich die Rheintrasse, dieser Verkehrsweg für die Unmenge an Güterzügen, die startend an den diversen Nordseehäfen, Bremerhaven, Hamburg, Rotterdam, Konsumgüter quer durch den Kontinent von Nord nach Süd transportieren.

Ein Schelm wer arges dabei denkt.

Wär ich ein Verschwörungstheoretiker, stellte ich unmittelbar die Behauptung auf, da steckt ein Plan dahinter. Eine perfide Idee der reptiloiden Außerirdischen aus dem Innern der flachen und hohlen Erde, um ihre Menschensklaven in den ewigen Mangel und damit in die Gefügigkeit zu treiben.
Viel wahrscheinlicher ist jedoch der Umstand, dass hier einfach nur Murphys Law zum Tragen kommt. Sie wissen schon, alles was schief gehen kann, geht dann auch schief. Und in einer Zeit wie dieser, einem Umbruch, einer hausgemachten Krise, hervorgerufen durch die Unfähigkeit der niederen Domestiken, die eigentlich vom Souverän dazu elektiert wurden, um die Geschicke des Volkes, der Nation, des Staatswesens, bei den ersten beiden Begriffen muss Mann ja heute vorsichtig sein, wie schnell wird Mann mit einem Nimbus belegt, der exkludiert, der desintegriert, der einen Stempel auf die Stirn zu pressen vermag, wie ein Kainsmal, wie das glühende Siegel des schwarz gewandeten Flattehupferichs, der bereits in einem gerüttet Maß an cinematographischer Verunglimpfung dem Bösen sein Zeichen auf die knöcherne Umhüllung des Lobus frontalis zu pressen wusste, und damit, um noch eine Sportmetapher hinterherzujagen, aus dem Spiel genommen wird, sachzuwalten.
Es drängt sich auch der Gedanke auf, dass diese Form der Identisierung immer kleinerer und vielfältigerer Gruppen gewollt sei. Getreu dem Prinzip des Imperium Romanum nachfolgend: divide et impera, teile und herrsche. Das setzte aber voraus, dass den Herrschenden ein vorausplanender Geist, ein überlegender und planerisch begabter Intellekt zu eigen sei. Hier möchte ich mich dann doch recht weit aus dem Fenster lehnen und die Behauptung aufstellen, dass dem in keiner Weise so sein kann, denn ansonsten wäre diese Kaste im normalen Erwerbsleben zu verorten und hätte nicht den Weg eingeschlagen, den FJS bereits 1964 in einem Interview mit Günter Gauss prophezeite: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal.
Das geht in diesen wilden, wirren Tagen besonders schnell. Die »Woken«, die Erwachten wittern hinter jedem Wort, jedem Bild, jedem Atmer jedem Blick und jeder Geste bereits irgendeine Diskriminierung, eine strukturelle Verfehlung, einen Angriff, eine Mikroaggression und als böser, alter, weißer Mann, der ich nun mal bin, als Hauptschuldiger für die Geschichte der Welt im Allgemeinen und, das ist noch wichtiger, im Besonderen, stürzen sie sich darauf wie eine Schar ausgehungerter Geier, auf den Tot des anderen wartend, um ihn endgültig auszuweiden. Das sie damit spalten, teilen, auseinandertreiben, Hass schüren und Ressentiments, die zuvor nicht existierten, erst erschaffen, ist ihrem verkümmerten, ideologisch vernebelten und von toxischer Betroffenheit verknoteten Verstand genauso schwer verständlich darzulegen wie ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bugsieren.
Und ja, ich das Privattier, Schürer schnabeliger Schaudereien, der bereits erwähnte böse, alte, weiße, heterosexuelle cisMann, wahrscheinlich hab ich’s falsch formuliert, aber das ist mir Jacke wie Hose, habe mittlerweile große Angst davor, was in den folgenden Monaten und Jahren geschehen wird. Schließlich bin ich auch stolzer Großvater zweier wundervoller Enkel. Aber die Freiheiten, die Vorzüge, und nein, ich spreche nicht von den wirtschaftlichen, sondern vor allem von den Gesellschaftspolitischen den Kulturellen, der Freiheit, in der ich aufwachsen durfte, werden sie wohl niemals erfahren. Viel mehr werden sie, mit staunenden Ohren, mit stummen Augen und vor Verwunderung weit aufgerissenen Mündern, aber nicht zu weit, sonst sondierten sie zu viel CO² ab, meinen Erzählungen aus der Vergangenheit lauschen. Ungläubig, zweifelnd, lachend, was ich zu berichten haben werde, wie es einstmals war. Ganz so wie die gaffende Schar in alter Zeit auf den Jahrmärkten den Moritaten der Gaukler und Bänkelsänger gebannt folgte.
Da hilft es auch nicht, dass eine gebürtige Äthiopierin, niederländische Politikerin und Ehegattin des bekannten Historikers Niall Ferguson, Frau Ayaan Hirsi Ali, vor nicht allzu langer Zeit den großen Satz in die Welt gebar: Die Europäer haben einen riesigen Vorteil gegenüber allen anderen Völkern. Sie haben die Aufklärung erfunden.
Er verhallt ungehört. Ja im Gegenteil, diese Geistesströmung wird neuerdings sogar als gefährlich angesehen. Schließlich fördert und fordert sie vor allen anderen Dingen das eigene Denken, das Hinterfragen. Damit verhinderte sie doch den Konsum zu Lasten eines mündigen Bürgers. Doch das ist heute in all dem Protektionismus, der Vollkaskogesellschaft, der Infantilisierung der Menschen und dem Paternalismus der Verwaltung nicht mehr opportun. Bedeutete die Aufklärung doch, dass ernsthaft über Lösungen von Problemen nachgedacht werden müsste, die auch bei einer zweiten Betrachtung noch Bestand hätten.
In ihrer Rabulistik könnten die neuen Sittenwächter ebenso als die Sophisten der Neuzeit angesehen werden, denen ihr ideologisches Weltbild wichtiger erscheint, als es die Realität zuweilen wäre. Sie gehen sogar soweit die Realität an sich als rechte politische Strömung zu betrachten, die ausgemerzt gehört.


Wahnsinn aller Orten.


Aber noch, obgleich ich im Grunde meines Herzens ein feiges Huhn bin, das darf im Übrigen auch bald nicht mehr gesagt werden, Tierschutz und so, verweigere ich mich dem Neusprech. Es wird in meinen Narrativ immer »der Tisch« heißen, niemals »die Tisch« oder »der Tisch*innen«, von »Außen« will ich gar nicht sprechen, und ich weigere mich standhaft, die Sprache, sehen Sie mir bitte diese Formulierung nach, zumal sie nicht im Ansatz meinen Widerwillen auszudrücken vermag, Vergewaltigung meiner Muttersprache hinzunehmen oder anzuwenden.
Vielleicht werde ich bald von geschlechtsneutralen, mit grünen Kunstledermänteln, aus echtem imitiertem grünen kunstlederimmitierendem Kunstlederimmitat, gewandeten Hütern der »Neuen Moral« im ersten Morgenlicht abgeholt, bestimmt geschlagen, natürlich mit einem klimaneutralen Knüppel, und in ein Umerziehungslager gesteckt.
Doch das wäre dann, um Picard zu zitieren, die Rote Linie, bis hierher und nicht weiter, die überschritten ist.
Wie sagte Giorgio Agamben einst, der zweite große italienische Denker, nunmehr der Einzige, da Umberto von uns gegangen ist: Der Faschismus kehrt immer wieder zurück, aber er tarnt sich als Antifaschismus.
Noch ist zwar nicht aller Tage Abend und Teutates lässt den Himmel nicht über unseren Köpfen einstürzen, wie ein fiktiver gallischer Freiheitskämpfer seit den frühen 60er Jahren behauptet, doch die Götterdämmerung hat bereits begonnen. Das letzte Licht des Abends beleuchtet traurig die Szenerie des Menschengeschlechts. Nun ist die Stunde der Zwerge, vor allem der geistigen, gekommen, denn endlich, endlich werfen auch sie einen langen Schatten.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.