von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch, ist es ja so, dass sich unsere Heimat, die blaue Perle im weiten Rund der absoluten Bedeutungslosigkeit, mangels grünem Laub an hohen Bäumen in der nördlichen Hemisphäre, geringfügig langsamer um die eigene Achse dreht.
Es ist Winter.
Ich geb es zu, der zweite Satz ist kürzer aber auch, wie es der militärische Duktus zuweilen eindrucksvoll vor Augen führen mag, erheblich langweiliger, jedweder Blumigkeit und schöner Bilder beraubt, an Trockenheit nicht zu überbieten, und stellt somit eher eine beiläufige Information dar, als all die Nuancen, die diese Jahreszeit nun einmal im Gepäck, zu bestimmter Zeit sogar in einer überbordenden Menge Gebäck, mit sich führt, vor dem hörenden Auge des Riechenden auszubreiten.
Und nu’ dürfen Sie eine kleine Weile überlegen.
Genug gedacht, die Pause ist zu Ende und alles weitere hat, trotz des Bildungsverlustes, der sich seit der allgemeinen Digitalisierung, der ununterbrochenen Nutzung des Dingensbummenswische, breitmacht, selbstverständlich Prüfungsrelevanz.
Der bisweilen enervierende Part dieser Jahreszeit, der feine Schneeregen mit seiner durch jede Ritze, jede Fuge, jede Spalte dringenden Feuchtigkeit, der Klammheit, den schmerzenden Knochen und Gelenken, dem scheinbar endlosen Ritual des An- und Ablegens einer fast ins Unendliche reichenden Menge an Stoffschichten, die den haarlosen Primaten vor den witterungsbedingten Fährnissen bewahren soll, verleidet selbst den Kötern, und so eine Töle ist in aller Regel durch ihr Fellkleid eben davor geschützt, die regelmäßigen Ausflüge.
Durchnässt ist dort der Boden, selbst der Allpfotenantrieb garantiert nicht immer eine schleuderfreie Fortbewegung.
Nur ein diffuses Licht dringt durch die vielen Schichten unserer Atmosphäre bis zum grauen Grund hindurch. Zu viel der an Staubpartikel gebundenen Wassertröpfchen ziehen träge über das Firmament. Der Hobbyfotograf im alten, bösen, weißen Mann, dem Autoren, Künder krakeliger Klittereien, also ich, wandelt, nicht der Verzweiflung nahe, aber doch mit traurig suchendem Blick, über Stock und Stein, durch Pfütze und Baumstumpf, entlang verwunschener Pfade, ohne einen Ort zu erhaschen, der der Verewigung des Augenblicks würdig erschiene.
Trüb ist die Welt. Grau, traurig, still und, das will mir allerdings recht wohl gefallen, leer. Kaum eine Seele treibt es hinaus bei diesem Wetter. Manchmal frag ich mich, ob denn andere Vertreter der Gattung canis familiaris in solchen Phasen die ihnen heimische Nasszelle aufzusuchen pflegen, um eine Erleichterung, einen Druckabbau, ein rituelles Entfernen der Stoffwechselabbauprodukte, in stiller Abgeschiedenheit, zu unternehmen.
Sei’s drum, was ficht mich das Begehr Dritter an.
Herzlich wenig, wenn ich ehrlich sein soll. Hängt doch ein jeder gerade in der eigenen Ausdünstung zu Hause vor dem elektronischen Zeitfresser und sucht das Netz der Dinge nach nicht schon hundert- tausend- millionenfach gesehen und gehörter Geschichten, aus den Federn unterbezahlter und überbewerteter Erzähler, ab.
Ist’s ein großer Plan, der hinter allem verborgen scheint? Ist’s die Transformation, geplant von perfiden Unterdrückern, entstanden vor Jahrtausenden, um die Massen endlich unter eine zunächst nicht spürbare Knute zu zwingen? Ist’s ein von langer Hand, oder besser Klaue, ersonnener Weg, der reptiloiden Außerirdischen aus dem Innern der flachen, hohlen Erde, die nichts Weiteres als einen reichlich vorhanden Proteinspeicher in diesen merkwürdigen Zweibeinern, die immer auf der Suche, der Hatz, der nutzlosen Jagd nach einem Sinn im Ganzen suchend, ihre eigene Bedeutungslosigkeit nicht akzeptierend, ziellos durcheinanderwirbelnd, sehen?
Nichts dergleichen. Der Homo stultus kann aus seiner eigenen Haut nicht herausfahren. Als Horde dumm und damit bis zur Unkenntlichkeit entstellt, vermag der Einzelne zuweilen noch denkend zu einer partiellen Erkenntnis über das Sein an sich erlangen, doch ist diese für das Gros niemals erkennbar.
Allein die Angst vor der Existenz selber, lässt ihn, die Ausnahme von der Regel in der Entwicklung des Lebens, erstarren und er verbirgt sich lieber hinter einer geforderten Individualität, gepaart mit einer gewünschten Identität, erzeugt durch wenige Gleichgesinnte, als sich offen, staunend, neugierig gegenüber den Wundern dieser und aller anderen Welten zu zeigen.
Wie simpel will doch da der Weg erscheinen, der in unserer Zeit eingeschlagen ist. Da wird, schon um die Auseinandersetzung mit sich selber zu vermeiden, alles vermessen, errechnet, mit Versuchsanordnungen in vitro nachgestellt, die Innenwelt zur Außenwelt erklärt und, frei nach Descartes, der Mensch einer tierischen Maschine gleichgesetzt.
Epistemisch wird ein einziger Wert herangezogen, der dann als Erklärung für das Ganze, monistisch, herhalten soll.
Das Mystische des Seins, der Glauben, aber auch eine divergente Interpretation sind somit ausgeschaltet. Dies könnte erst entstehen, wenn diese Form der Betrachtung, die wider den Ideen der Aufklärung läuft, verdrängt wird, die Angst vor Neuem, vor dem Leben, der Existenz abnimmt, und die Welt erneut in ihrer Komplexität betrachtet wird und nicht mehr das Dogma der Berechenbarkeit herrscht. Wenn das Gesagte, das Gedachte, das Ersonnene wieder zählt und nicht der Sprechende selbst im Fokus hell erstrahlen will.
Das geliebte Eheweib, die beste Ehefrau von allen (schon weil sie als erste meine Elegien ertragen darf) versucht, nimmermüd, mich, den alten, bösen, weißen Mann, den Autoren, das Privattier, dies vergaß ich weiter oben, den Unker unwichtiger Undichtigkeiten, von der Tatsache zu überzeugen, dass der eine oder andere Leser meiner Auslassungen, vom Stil, vom Duktus, meiner Syntax und der Fülle der in einen einzigen Satz geschmiedeten Gedanken, bisweilen überfordert und damit jeder Lust und Laune beraubt sei, weiter nachzufolgen.
Doch anhand des zuvor, am Anfang des Textes, der Satz: Es ist Winter; Sie müssen wenigstens versuchen, sich zu erinnern, aufgezeigten Beispiels weigert sich mein verworrener Verstand, in kurzen, abgehackten Phrasen, gleich einem Navigationssystem im Zerknalltreibling, Anweisungen zu erteilen und das Denken damit vorzugeben.
Denn gerade diese Odyssee, die Safari in unbekannte Welten, die Queste durch die Untiefen, die Verwerfungen, die Stolperfallen und das abrupte Einschieben einer immanenten Information, fördern doch die Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen, dem Gesprochenen und damit auch das selbständige Denken der Hörenden vor allem aber all der Lesenden.
Sprache ist nun einmal die wichtigste Kommunikationsform unserer Art. Und wenn diese, die Sprache, gar zu einfach ist, dann reduziert sich auch das Denken auf ein Minimum, fehlt jeder Raum für Interpretation, wird die Aussage totalitär und fördert damit die Selbstversklavung des dummen, haarlosen Primaten. Durch solch simple Ausdrucksweisen verkümmert das Gehirn, werden Informationen fast schon binär verarbeitet und damit Tür und Tor einer Entwicklung hin zum Transhumanismus, der kompletten Kontrolle, der Aufgabe jeder individuellen Freiheit, vor allem aber die Fähigkeit die Schönheit der Schöpfung einfach nur zu genießen und nicht nur näherungsweise zu berechnen, aufgegeben.
Damit schaffte sich die Menschheit selber ab.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.