von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, nun ist es ja so, dass just vor wenigen Stunden das alte Jahr leise seufzend seinen Geist aufgab und das neue ohne das übliche Getöse, sondern stiller und verhaltener sein Debüt zelebrierte.
Die vergangenen 365 Tage, 52 Wochen, 12 Monate wussten uns mit allerlei Kuriositäten zu unterhalten. Sie zeigten auf, wie fragil die mundgeklöppelte Decke der soziologischen Errungenschaften der Zivilisation tatsächlich ist. Begehrlichkeiten, katalysiert durch die Erscheinungen der Natur, die das Staatengeflecht und seine Souveräne niemals in den Griff bekommen werden, egal wie überbordend der Wunsch auch sein möge, brachen hervor, wie Mehlmotten aus einer vergessenen Tüte Kuchengrundzutat und wollen in ihrer Vehemenz wie ein in ein antikes, wertvolles Kirchenfenster geschmissener Stein einen unüberschaubaren aber bunten Scherbenhaufen hinterlassen.
Welche Lustbarkeiten die vor uns stehenden 12 Monate, 52 Wochen, 365 Tage bereithalten, wer kann das schon sagen. Wird es besser werden, wobei hier immer die Frage erlaubt sein muss, wie sähe »ein besser« aus, divergent vom jeweiligen Standpunkt, bleibt alles so, wie es ist, oder tritt eine Verschlimmerung nie gekannten Ausmaßes ein, die diejenigen, die ein ehemaliger Ministerpräsident und Vizekanzler als »Pack« (sic!) zu bezeichnen wusste, gleich dem Tsunami, der im Jahre des Herren 2004, in der Weihnachtszeit über Südostenasien hereinbrach und alles hinfort spülte, mit nie gekannter Härte treffen wird.
Doch das ist dann in den Augen derjenigen, die ihr Scherflein im Trockenen wissen auch egal.
Sind sie doch diejenigen, die gleich einer Natter am Busen der staatlichen Tröge hängen und mit Gekeif und Gezisch, mit Zeter und Mordio, mit dem Verdikt, jeden der sie zu kritisieren weiß, mit der Anklage der Blasphemie zu stigmatisieren, deren Wunsch ohne Rücksicht am meisten Gehör geschenkt wird.
Ich, der böse, alte, weiße Mann, der Connaisseur chaotischer Canapés, die Inkarnation der Mikroaggression jedweder Genese und damit Jedermann und Jederfrau zur Opferrolle Verhelfender, tue insofern Gutes, als dass ich somit unzählige Opfer zu produzieren weiß, die darob in ihrer moralischen Überlegenheit als Sieger die Geschichte umschreiben dürfen.
Die tatsächlich Geschädigten, besonders durch die umherrasenden Velocipeden bestimmter Colorierung, versinken in den Schlaglöchern der nie das Sonnenlicht erblickenden engen Gassen und Wege der Hauptstadt.
Besonders hier, viel mehr als anderswo, entstehen die Forderungen nach absoluter und unbedingter Individualität und durch nichts zu erschütternder identitärer Lebensweise.
Es ist ein leichtes, wenn die Zukunft keinerlei Gefahren birgt, da die staatlich garantierte Absicherung ein angenehmes Leben evoziert, den immer gleichen Ruf, gleich einem Cato’schen: ceterum autem censeo, carthaginem esse delendam, in die Welt zu posaunen, um die Errungenschaften der Väter und Vorväter als bösen systemischen ’Ismus jedweder Genese zu brandmarken.
Ganz nebenbei, so als Fun Fact zum neuen Jahr, Informationen, die die Welt nicht braucht, die aber dennoch bemerkenswert sind, mischt man beim Homeschooling die Farben Grün und Rot aus dem Tuschkasten der Brut im zutreffenden Verhältnis, schließlich ist auch die künstlerische Erziehung der Nachfahren nun Aufgabe der Heimarbeiter, ergibt sich die Farbe Braun.
Zufall oder Vorsehung? Wer kann das schon wissen.
Die Einschränkungen, die wir nun alle erfahren, die scheinbar nur minimal sind, aber dennoch in eine bestimmte Richtung zu weisen scheinen, liegen in der Natur der Sache. Der Leviathan, den wir einst erwählten, unsere Geschicke als Sachwalter nach besten Wissen und Gewissen in glückliche Bahnen zu lenken, bedarf, ob der eigenen Existenzberechtigung, eine immer weiter um sich greifende Vergrößerung, Verdickung, meinetwegen, um es ganz ökologisch korrekt zu formulieren, eine Aufforstung bis zu dem Punkt, dem Point of no Return, an dem er, gleich dem Gast im Restaurant, dem nur mehr ein winziges Minzplättchen als Dessert gereicht wird, mit lautem Knall, in wildem ungezügelten Radau zerplatzt.
Heulen Sie nicht rum, auch mein geliebtes Weib, das beste Weib von allen (gleichwohl sie, die Frau, jene Filme der britischen Komikertruppe ablehnt, so dass ich in den immer gleichen Erklärungen wie am Ereignishorizont einer Singularität verharre, verharren muss) will ob der Analogie schmunzeln, sondern nutzen sie einen der von Ihnen präferierten Streamingdienste, puschen für eine kleine Weile die Aufmerksamkeitsspanne über die Grenze von 280 Unicode-Zeichen und tauchen ein in die wahrlich tiefen, geradezu prophetischen, dennoch drastischen Bilder dieser cineastischen Meisterwerke.
Aufgrund der Unmenge allegorischer Mikroaggressionen werden sie, die Filme, nicht Sie, Sie müssen mich zur Weltherrschaft tragen, das stellt Ihre einzige und vornehmeste Aufgabe für die ungewisse Zukunft dar, ohnehin bald in die undurchdringlichen Tiefen des Flüsterwitzes verschwinden und nurmehr auf einem unansehnlichen Datenträger unter der Hand oder dem Ladentisch weitergereicht werden.
Ich bleibe weiter in meinem Elfenbeinturm hocken, ärgere mich über das hanebüchene Verhalten der hauptstädtischen Pedalisten, den Rettern ihrer eigenen kleinen Welt, hadere mit dem Drumherum, werfe meine Blicke auf die blaue Perle im unendlichen Rund des Universums und denk bei mir, Thanos oder so ein winziger Krümel aus Nickel, Eisen, Silizium und anderen Elementen, aus der geeigneten Flugrichtung herannahend, oder ganz einfach die Kaldera bei Neapel oder die im Yellowstone vollziehen endlich die ihnen zugedachte Aufgabe und rücken das Bild der Bedeutungslosigkeit der Existenz dieses haarlosen Primaten, des Homo stultus, endlich ins rechte Licht.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend und ein ereignisarmes neues Jahr.