von Thomas Günter

Nun, liebes Tagebuch, ist es ja so, dass sich dieses Jahr, wider erwarten, doch einem Ende zu nähern scheint.
Das war beinah nicht abzusehen, gleichwohl der Kalender tagtäglich etwas Differentes zu behaupten scheint.
Die vordringlichen Fragen, die sich in diesen Tagen stellen, weichen in einem nicht unerheblichen Maß von denen der vergangenen Jahrzehnte ab. Da hieß es in aller Regel, ob das Geschirr für alle Gäste reichen würde. Wäre die Brut durch die Flut der Gaben zumindest für einen ausreichend langen Zeitraum abgelenkt, um sich dem eigenen konsumistischen Bad wohlig hingeben zu können. Auch das wohin mit all den Verpackungen, den Kartonagen, den Luftpolsterfolien und der, natürlich biologisch abbaubaren, korpuskulären Schaumstoffumhüllung, stellte ein eher vornehmes Luxusproblem dar.
In diesem Jahr ist eher die Frage nach ausreichend Toilettenpapier, der Zusammenhang erschließt sich aus einem kleinen Gedankensprung, einem Experiment des Geistes, Backhefe und vor allem die grimme Mimik verdeckender Gesichtsmaskeraden, hervorstechend.
Alle hocken zu Hause, die Leitungen des Netzes der Dinge glühen, vor allem und besonders diejenigen, die audiovisuelle Inhalte ins Wohn- oder Schlafzimmer transportieren. Alle Welt hängt alleine, nachgerade einsam, vor dem digitalen Rechenschieber. Dabei ist natürlich auch der Genuss eher fragwürdiger, nur bedingt jugendfreier, Inhalte exorbitant in die Höhe geschossen. Dies erklärt recht eindrucksvoll den gesteigerten Bedarf mehrlagigen, auf kleine Pappröhrchen aufgewickelte, mit einer Perforation zum gezielten Abriss versehene, Blättchen.
Eintlüsch, wie es in meiner Heimatstadt gängigen Idiom konnotiert wird, soll uns diese Jahreszeit die Möglichkeit zur Ruhe und Besinnung ermöglichen. Die Natur schläft, die Bären sowieso, aber auch die Murmeltiere, kein Grün ist zu erblicken, der Stand des Zentralgestirns ist durch die Kippung der Erdachse zu flach, um die Photosynthese in der Flora zu bewerkstelligen. Nässe, Dunkelheit und Kälte sollten allerorten die Menschen in die heimische Behausung treiben, um Kraft zu tanken, für die anstehenden Aufgaben, die der nächste Frühling bereithält. Die kommende Zeit der Saat, der Hege und Pflege von allem Wachsenden und Gedeihenden draußen in der Natur.
Doch wie so vieles, pervertiert der Homo stultus auch dies. Da wird dem ungebremsten Konsum gefrönt, aus fiskalischen Gründen noch schnell der eine oder andere Deal aus dem imaginären Hut gezaubert, das Leben ganz allgemein noch ein wenig mehr akzeleriert, als ob es dem einfachen Verstand nicht ohnehin schon alles viel zu schnell geht.
Nur um aller Welt innerhalb, der gemeine Helvete nennt es »innert«, ein Begriff, eine Parole, die mir noch ein jedes Mal ein verzücktes Schmunzeln vom orbicularis oris abverlangt, ich geh hier nicht auf die übrige Muskulatur ein, die ebenso dazu benötigt wird, das führe, nicht nur an dieser Stelle, viel zu weit, von gerade einmal 72 Stunden voller Inbrunst und Hochmut die eigene finanzielle Potenz, zu präsentieren.
Es ist dabei nebensächlich, ob nun aus christlicher Tradition die Geburt des Erlösers, die Wintersonnenwende alter Religionen und die damit einhergehende Hoffnung, dass es eine Zukunft geben mag, zelebriert wird.
Faktum ist, dass im Grunde eine Phase der Ruhe und inneren Einkehr, eine Periode der Langsamkeit und des Nachlassens der Hektik, eine Zeit der Reflexion und Besinnung auf Gewesenes und Zukünftiges, metaphorisch ebenso wie ganz praktikabel, diesen Zeitraum in der Periodizität des Umlaufs unseres Planeten um den Lebensspender bestimmen soll.
Dieses Jahr nun, sind die Fragen anders gelagert. Nicht nur, ob die oben bereits erwähnten Verbrauchsmaterialien in ausreichendem Umfang eingelagert sind. Sondern auch und vor allem, wie wird es weitergehen? Wird es überhaupt weiter gehen? Werde ich im kommenden Jahr, also mir persönlich ist das herzlich egal, aber die Allgemeinheit insistiert schon, eher wie Samson, also der aus der Bibel mit dem wallenden Haupthaar, über die leeren Straßen und Plätze wandeln?
Kann ich bald wieder beim Stammitaliener um die Ecke mein Bruscheta, eigentlich wird es ja Bruschetta ausgesprochen, genießen?
Es ist schon erstaunlich, dass besonders der teutonische Homo touristicus auch nach annähernd 70 Jahren konstanten Besuchs in der Hitzeperiode im stiefelförmigen Land, die Aussprache nicht beherrschen will. Ob es nun an einer ausgeprägten Ignoranz, oder doch eher an einer die Gesamtheit betreffenden supranasalen Inkompetenz liegt, vermag sich mir auch als altem, bösen, weißen Mann, dem Privattier, dem Autoren, dem Kungler kühner Kapriolen, nicht zu erschließen.
Wird besagtes Restaurant überhaupt noch existieren, wenn zum ersten Mal, nach langer Zeit, der aufgedunsene Kadaver, mit bangem, unsicheren Schritt, die Augen vor der blendenden Helligkeit der Realität erschrocken zusammenkneifend, wieder vor die Tür tritt?
Wird auch der Glatzophonistiker noch an seinem Stuhl stehend, auf mich warten, um die im Haarschopf innewohnende Kraft auf ein Minimum zu stutzen? Schließlich ist so ein modisches Beschneiden dieser Hornauswüchse erstaunlicherweise nicht online, oder noch nicht, zu bewerkstelligen. Vielleicht bringt aber der eine oder andere Internetgigant demnächst eine Maschine heraus, die alle in ihrem Heim vorrätig haben müssen, durch eine App gesteuert, und von Außen, aus der Ferne, durch einen prekär entlohnten Dienstleister gesteuert, unter die die Menschheit sich in regelmäßigen Abschnitten hockt, gleich einer Trockenhaube, die in den 60er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts in der Werbung vollmundig angepriesen wurde, um der Haarpracht Herr/Frau/er/sie/es/sie (alle) zu werden.
Mein geliebtes Weib, das beste Eheweib von allen (sie hockt in Heimarbeit, schüttelt ob der wirren Gedankengänge ihres Gatten, also meiner Einer, amüsiert das Haupt) und sehnt die kurze Phase der Ruhe herbei.
Sind doch die Feiertage halbwegs arbeitgeberfreundlich. Doch in diesem denkwürdigen Jahr zählt das nicht.
Zu groß war die Tendenz der ohnehin schon ausgeprägten Selbstausbeutung. Da wird schon mal ein Stündchen länger gehockt, schließlich ist die Zeiteinteilung ja nun frei wählbar, es muss nur nebenher die Nachkommenschaft noch unterrichtet werden, in langer Schlange vor dem Nahversorger, kann, darf, ja muss der aktuelle elektronische Briefverkehr kontrolliert werden, und die Streamingdienste so wie die asozialen Kommunikationsplattformen buhlen ebenso um Aufmerksamkeit.
Doch die drängendste Frage, die sich so Mancher an diesen Tagen stellen wird, wenn er einsam und alleine, dies sei bitte immer zu unterscheiden, in der Stube hockt, auf den herausgeputzten Baumleichnam starrt, dessen blinkende Lichter wie ein nimmermehr zu erreichender Leuchtturm im tosenden Sturm auf hoher See herüberwinken, werd ich mir den Besuch, wenn mir nicht gerade das Privileg auf dem Konto zur Verfügung steht, in irgendeiner Form vom Staat, der Stadt, der Gemeinde oder dem Land, fürs Gummibaumgießen honoriert zu werden, den Besuch in oben aufgeführten Institutionen überhaupt noch leisten können, oder drück ich mir nur die Nase an festlich illuminierten Schaufenstern platt und stiere voll Neid auf diejenigen, die ohne etwas dafür zu tun, weiterhin ausreichend entlohnt werden?
Fragen über Fragen beschäftigen die haarlosen Primaten draußen in Stadt und Land.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend und nachdenkliche Feiertage.