von Thomas Günter

Nun, liebes Tagebuch, ist es ja durchaus so, dass wir, so als unegale Gruppe identitärer Individualforderer, immerhin in der erschreckenden Höhe von 7,3 Milliarden haarloser, zweibeiniger, über einen opponierender Daumen verfügender, Primaten, die alles, ohne auch nur für einen Moment zu reflektieren, mit dem metaphorischen Gluteus maximus umreißen, was sie selber erbaut haben oder ihnen von Hause aus dargereicht wird, zur Zeit in einer Phase der Transformation verharren, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellt.
Ich geb es zu, ganz ohne Gewissensbisse, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen. Nicht wie in der Werbung die Kraft der zwei Herzen, sondern der mir eigene Wunsch von Ruhe, Stille und der Abwesenheit störender und irritierender Wesenheiten, die durch ihre pure Dummheit körperlichen Schmerz meinerseits zu steigern wissen. Ebenso wie das Entsetzten darüber, wie schnell die durch die Aufklärung schwer errungen Rechte und Freiheiten, Hosianna grölend, ich berochtete, dass dieser Ausruf ursprünglich eine andere Intention beinhaltete, die heutigentags jedoch viel treffender erschiene, über die geistigen Geländer kippen, ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
Natürlich verharre ich, der alte, böse, weiße Mann, Autor, Privattier, Brabbler beschaulicher Besonderheiten, als ewig gestriges Individuum in den Augen nicht weniger als Bremsklotz, als reaktionärer Chauvinist, der jeden zu Inkludierenden mit Macht und Wollust exkludiert sehen will, der die Bilateralität des Machtgefüges zwischen dem Souverän, dem Volk, und seinen Domestiken, der gewählten Regierung, die in vergangenen Tagen scheinbar funktionierte, aufrecht erhalten möchte, in meinem Elfenbeinturm und spucke große Töne.
Andere, Dritte, werden mehr gehört, doch auch nicht mit einem Mehr an Beachtung bedacht.
Da stellt sich mir die Frage, in diesem speziellen Fall tatsächlich einmal nicht metaphorisch für das »kleine« Ganze, ob der von bestimmten Techkreisen ersehnte Transhumanismus, die Vereinigung von Mensch und Maschine, die Herrschaft einer, aufgrund unfehlbarer mathematischer Kalkulation immer die richtige Entscheidung treffenden, künstlichen Intelligenz, nicht bereits in weiten Teilen rasant Einzug gehalten hat.
Wird nicht in weiten Teilen Asiens, vor allem im Reich der Mitte, bereits eine Egalisierung von Bevölkerung durchgeführt und noch ausführlicher für die Zukunft geplant?
Immer vor dem Hintergrund des Orwell’schen Romans »Animal Farm« dass dennoch Manche gleicher sind als andere.
Bestimmt nicht dort bereits, so wie bei uns in zunehmendem Maß, der Algorithmus, im Grunde sind es ja mehrere, aber als Singular wirkt es nun einmal eher wie das über uns schwebende Schwert des Damokles, das Verhalten der Bevölkerung, das Wohlfeile, die Uniformität, die Gemeinschaft, die das Individuum in der Massen aufgehen lässt.
Zunächst scheint es in unseren Breiten- und Längengraden divers zu verlaufen, da doch ein jeder/ eine jede/ ein jedes/ alle (einige) in absoluter Identität gefangen zu sein scheint. Doch wenn jeder für sich identitär ist, sind es alle und damit ist die Uniformität wieder hergestellt.
Der klassische Kampfbegriff »des Linken« hat sich in unseren Tagen gewandelt. Es handelt sich nicht mehr um den Vertreter der Anliegen für die geschundene Arbeiterschaft, vielmehr stellt es eine junge, urbane Elite dar, die die Inklusion jedweder Spielweise, die das Leben bereithält, unumwunden vom Rest der Gesellschaft einfordert.
Diese Generation ist bereits digital voll vernetzt und erwartet, dass alle Übrigen ihrem Vorbild folgen.
Besonders in der Journaille finden sich diese Lebensentwürfe, die sich auch noch berufen fühlt, diese als den einzigen akzeptablen Lebensplan lauthals zu postulieren.
Besonders in dieser digitalen Vernetzung, gefolgt von der Sammelwut der Datenkraken aus dem Silicon Valley, deren einziges Ziel darin besteht, das Konsumverhalten zu steuern und zu akzelerieren, vereinfacht sich die Manipulation zu einer formlosen Masse, die wider den ursprünglichen Zielen der Aufklärung, der Säkularisation stehen.
Wahrlich, ich bemühe mich redlich, Launigkeit in dieses Elaborat einzuflechten, schon um dem immensen Ernst ein Gegengewicht zwischen die staksigen Stelzen zu schleudern, lausche dem Kampf, der in meinem Innersten hin und her wogt, zwischen der Misanthrope, der daraus resultierenden Freude, niemanden mehr auf den Straßen der Hauptstadt sehen zu müssen und der blanken Furcht davor, wie weit unser Leben noch in den geistigen Daumenschrauben weiter zusammengepresst wird, gleich der hochnotpeinlichen Befragung der preußischen Gerichtsbarkeit, allein gelingen will es kaum.
Stolpern wir in eine Epoche der Religion des Algorithmus? Ist der Roman von Margret Atwood »The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd« bald schon unter anderen Vorzeichen Realität?
Ich habe mich sogar bemüht, zusätzlich zum Roman, die Verfilmungen, ja es existieren in der Tat einige, nicht nur die auf dem Streamingdienst des gigantischen Internethandelshauses, zu erarbeiten, muss aber feststellen, dass es mir fade und langweilig erscheinen will.
Das ist nun mal so, wenn das Buch zuerst gelesen ward, dann stellt die audiovisuelle Umsetzung meist eine herbe Enttäuschung dar.
Nicht das hier der Eindruck entstünde, ich sei gegen die digitalen Rechenmaschinen. Sie ermöglichen uns eine Vielzahl neuer Erkenntnisse, Modelle des Lebens, des Universums und des gesamten verrotteten Restes können mit ihrer Unterstützung simuliert werden, Diagnostik wird verbessert, Nachrichten erreichen schneller den Empfänger, zumindest in der grauen Theorie, doch wer mit dem Teufel speisen will, braucht einen langen Löffel (Ich weiß, ich dresch’ schon wieder Phrasen, sei’s drum). Ich fürchte, dass der Unsrige viel zu kurz gewählt wurde.
»Wer sein Selbst aufgibt und zu einem Automaten wird, der mit Millionen anderer Automaten in seiner Umgebung identisch ist, fühlt sich nicht mehr alleine und braucht deshalb keine Angst mehr zu haben. Aber der Preis, den er dafür zahlen muss, ist hoch, es ist der Verlust des Selbst.« So beschrieb es Erich Fromm.
Werden wir bereits von einer entsprechenden Clique Transhumanisten, dem Wunsch einer Technokratie folgend, denn vermeintlich hat die Wissenschaft immer recht, beherrscht, die die Entmündigung der Bürger zugunsten einer über die Geschicke entscheidenden Maschinenform stellt, der eine angedichtete instrumentelle Vernunft innewohnt?
Der Eindruck will entstehen, in diesen Tagen, in denen alles auf eine Gläubigkeit der Wissenschaft hinausläuft, die sich selber jedoch meist uneins ist. Etwas was der technokratische Transhumanist nicht erträgt, hält er doch die eigenen Erkenntnisse für die einzige Wahrheit.
Daher wird jedwede Bedeutung eines Ergebnisses außen vor gelassen, da die Information ausschließlich als epistemisches Werkzeug angesehen wird.
Da fällt mir Heinrich Heine ein, auch wenn seine Aussage einer anderen Intention folgte, so trifft sie doch besonders auf die westlichen Industrienationen, nicht mehr nur noch auf einen einzigen Staat zu, und aus diesem kühlen Grunde geb ich, der Autor, das Privattier, der böse, alte, weiße Mann, der Brösler bitterer Banalitäten das Zitat hier marginal abgewandelt zum Besten »Denk ich an UNS in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht«.
Die oben geschilderte Ansicht, also nicht das frei interpretierte Zitat Heine’s, führt obligat zu einer immer rigideren Einengung von Debatten, Interpretationen und vor allem Meinungen, da sie eine Abweichung nicht akzeptieren kann und darf.
Wenn dann auch noch die Moral, ich erinnere noch einmal an Erich Fromm, darüber geworfen wird, kann ja nichts mehr schief gehen, denn die Technokraten sind die Guten; oder so ähnlich.
Eher nicht!

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.