von Thomas Günter

Nun, liebes Tagebuch, ist es ja so, dass ich, der Autor, das Privattier, der alte weiße Mann, Narrator nichtigen Nonsens, vom haarlosen Primaten, dem Homo stultus, dieser brüllenden und schreienden Horde sich selber viel zu wichtig nehmender Entitäten, keine wirklich positive Meinung habe.
Multipel geruhte ich bereits darüber zu berochten (Lachen Sie, oder lassen sie es sein, wenn Sie es, was ich eigentlich sogar erwarte, nicht verstehen).
Sei’s drum.
Kälte zieht durch das Land, nicht nur witterungsbedingt, sondern so ganz allgemein.
Nurmehr ein Thema geistert, im wahrsten Sinne des Wortes, gleich einem Zombie, der die Hirne seiner Leser unnachgiebig vertilgt, durch die Meldungen, die Gazetten, Magazine, Diskussionen und Erwartungen.
Was außerhalb geschieht, in dieser Welt des Wahnsinns (sollte Ihnen an dieser Stelle eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Geschichte von H.P. Lovecraft auffallen, so ist dies in der Tat recht wünschenswert), wird in paternalistischer Güte, in wohlmeinender Absicht vor den Kindern, die doch kein Leid erblicken sollen, ferngehalten.
Selbst so ein wichtiger Satz, des Anführers der mithin mitgliederstärksten religiösen Vereinigung, kundgetan vor einiger Zeit, geht komplett unter. Seine Sprengkraft wäre, würde sie ins Bewusstsein eindringen, wahrlich viel zu groß, schließlich stellte sie, die Aussage, die globale Makroökonomie, von einem Moment zum Nächsten in Frage.
Obgleich er es recht zurückhalten zu formulieren wusste, in der er davon sprach, dass es sich wohl um einen Übersetzungsfehler handele.
»Der Mensch mache sich der Erde untertan« und nicht wie es nunmehr seit vielen Jahrtausenden behauptet wird, dass wir uns »die Erde« untertan machen sollten.
Die logische Konsequenz daraus wäre, dass der Neokapitalismus, der Turbo der absoluten Gewinnmaximierung, die beharrliche Ausbeutung aller Ressourcen zum Zwecke der Befriedigung der Quartalszahlen, eine Einbahnstraße ohne Möglichkeit zur Umkehr darstellt.
Da seh und hör ich die Mahner, Nörgler, Unker, Schimpfer, die sich selbst gierig Ausbeutenden, wie sie auf den noch nicht fertig modellierten zukünftigen Trinkgefäßen mit weit aufgerissenen Mäulern, mit bangen Blick, einschlagen, der Ton, der dabei erklingen mag, rein metaphorisch, klingt sehr hohl, und hysterisch Kommunismus, Marxismus und Sozialismus skandieren.
Engellismus gibts ja nicht, der arme Mann wird immer in einem Atemzug mit dem Anderen, im folgenden Satz erwähnten, genannt.
Nun handelt es sich vor allem bei den Schriften von Marx um ein rein staatstheoretisches Exsudat, und derer gab es viele in der Geschichte. Manche besser, manche schlechter, einige dem Wahnsinn nahe, andere für die letzten beinah 80 Jahre in ihrer Umsetzung recht erfolgversprechend, zumindest für eine gewisse Zeitspanne.
So lügt sich denn die Menschheit seit über 6000, wenn nicht sogar 7000 oder 8000 Jahren in die eigene Tasche, die Toga, den Kittel, den Umhang, oder was auch immer gerade als Modeerscheinung zur Verhüllung der allgemeinen Blöße genutzt wird.
Was ich mir, »ich« allegorisch für die Allgemeinheit, heutigentags muss man/frau/er/sie/es/sie (viele) ja vorsichtig sein und dies recht penibel definieren, um ja keine Befindlichkeit zu vernachlässigen, untertan mache, das bewache ich (siehe weiter vorne in diesem Satz) selbstverständlich mit Argusaugen (um kurz in die antike griechische Mythologie abzudriften) und lenke mein ganzes Streben und Sinnen darauf, Haus und Hof, Weib und Vieh, Ernte und Felder zu mehren und zu verteidigen.
Durch diesen einfachen Trick, diesen soziologischen Kniff, diese fundamentale Änderung in der Bewertung der Lebensumstände, dass durch eben diesen Herrschaftsgedanken, Gier die Triebfeder wird und die Angst vor dem Verlust des Ansehens in einem Sozialgefüge, in dem ein jeder auf die gleiche Weise agiert, denkt und fühlt, droht, liegt das ganze Dilemma der menschlichen Existenz verborgen.
Vielleicht stellt dieser Satz aber auch nur, wenn man die Neudeutung als gegeben hinnimmt, die Hoffnung, oder das Postulat dar, in der Erkenntnis, dass der Mensch in seiner Hybris und der Unfähigkeit die eigene Endlichkeit zu erkennen, sich dennoch seiner Umwelt entsprechend zu verhält, und nicht parasitär seinen Wirt zu zerstören.
Die Beispiele in der Geschichte des Homo stultus sind mannigfach, in denen er sich die Umwelt untertan machte, ohne von diesem Dogma aus dem Buch der Bücher Kenntnis zu haben. Und jedes Mal steigerte es sich bis zur eigenen Vernichtung, dem Untergang der jeweiligen Zivilisation und dem sang- und klanglosen Verschwinden aus der Wahrnehmung.
»Und no stelle mer uns ma janz domm« wie es in dem Film mit den drei f, eins vor dem ei, zwei hinter dem ei, so schön heißt.
Besonders in den westlichen Industrienationen, in denen in den vergangenen Jahrzehnten die Problematik der Bewahrung der Besitzstandsverhältnisse einen eher untergeordneten Teil des Lebens ausmachte, kann durch eben oben aufgestellte Überlegung die Schlussfolgerung nur lauten, dass bestimmte Kreise die Oberhoheit über die Meinungsbildung wahren wollen, die wirtschaftliche stellt sich ja allgemein als relativ gesichert dar, da andere Themen von nachrangiger Relevanz erscheinen wollen.
Es herrscht also jetzt die Gier vor, nicht mehr die meisten Kühe und Ziegen im eigenen Zwinger voll anmaßendem Stolz und dabei die Habsucht und den Neid der anderen genießend, präsentieren zu wollen, sondern ausschließlich darum, die moralische Überlegenheit über den allgemeinen Diskurs zu erlangen und diesen ebenso vehement zu verteidigen, wie einstmals mit Schwert und Speer den realen Besitz gegen Eindringlinge.
Die Meinungshoheit ist also heute an die Stelle des monetären oder auch sächlichen Vermögens getreten.
Der Umgang damit hat sich aber keinesfalls verändert. Lassen wir die Technisierung dabei außen vor, die diese Verhaltensweise eher vereinfacht.
Anhand der Reaktion meiner geliebten Ehefrau, der besten Ehefrau von allen (trotz, oder weil es draußen gerade so richtig herbstelt) werde ich voller Entsetzten gewahr, dass ich mich, dieses Mal nicht allegorisch für die Allgemeinheit, von einer launigen Ausdrucksweise hin zu einer beinah sachlichen Argumentationskette bewegt habe.
Schande über mich, Asche auf mein Haupt, im Wilden Westen gehörte ich wenigstens geteert und gefedert, wir kennen das alle aus den Werken, die das Leben des Mannes schildern, der schneller schießt als sein Schatten, und mindestens eine tantalus’sche Qual, die mich läutern lässt.
Fangen wir also an, wie die Hausfrau aus Deutsch-Südwest, vor der eigenen Haustüre zu kehren, und bei uns selber einer Veränderung vorzunehmen. Weg vom Konsumterror, weg von der Vorstellung, moralischen Vorteil, aus besonders vehement vorgetragenen Wünschen und Befindlichkeiten erhalten zu müssen, weg von dem digitalen technokratischen Totalitarismus, der gerade in dieser Zeit mit riesen Schritten Einzug hält. Den ansonsten werden wir alle Untertanen des Algorithmus sein, den es nicht anficht, der emotionsfrei handelt und jeden, auch seine Erschaffer, frei von Ethik oder Anstand, allein aus einer mathematischen Formel heraus, für unnütz erachten kann.
Das isser wieder der Jöthe. Man kommt nicht weg von ihm. Wie aktuell doch zuweilen die alten Geister sind, da sie sich offenbar noch mehr um das Ganze Gedanken machen konnten, als heute, da nurmehr partikuläre Fragen signifikant zu sein scheinen.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.