von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, nun ist es ja so, dass sich dieses so merk- und denkwürdige Jahr dem Ende zuneigt.
Der Herbst, nicht der des Lebens, der ist schon lange für die Bagage haarloser Primaten vergangen, so als Jahreszeit an und für sich kriecht mit klammen grauen Fingern über und durch die Lande.
Der Nebel wandert in den Morgenstunden durch die Straßen der Hauptstadt, dass den aufmerksamen Beobachter der Eindruck einholen will, wir befänden uns alle mitten in der unkolorierten Verfilmung eines Edgar Wallace Romans.
Der Photonenausstoß des Zentralgestirns, dass sich wie selbstverständlich um unser egozentrisch identitäres Weltbild dreht, hat an Durchschlagskraft merklich verloren und schafft es nunmehr nicht, die angestaute Feuchtigkeit aufzulösen.
Doch die Brüche, die Gräben, all die tiefen Furchen und Verwerfungen, die jetzt zum Vorschein kommen, und ich mein nicht die, die aus den strassenbaulichen Verfehlungen der vergangenen Jahre resultieren, verdecken diese Schwaden nicht.
Der Satz hört sich ein wenig an wie folgende kuriose Aussage: Die Löcher in der Wand verdecken die Bilder. Subjekt und Objekt sind jedoch aus wagemutiger Verwirbelung der Syntax mit Absicht verdreht und damit zum Nachsinnen erdacht, und nicht aus purer Schlampigkeit heraus.
Sie sollten dass, wenn Sie sich würdig erweisen wollen, in den gesichtslosen Horden meinem Weg zur Weltherrsch …, haben Sie diesen Gedanken einfach immer im Hinterkopf.
Beim zarten Blick auf’s Datum werd ich mit nicht allzu großem Erstaunen gewahr, dass bereits eine Woche vergangen sein will, dass ich Dir, liebes Tagebuch, meine geheimsten Gedanken anvertraute.
Dieser Frevel, dies verwerfliche Handeln, diese Ingorans, wobei ich keinesfalls irgendeinen Ingo ignoriere, sondern ausschließlich eruieren wollte, ob Ihnen dies überhaupt auffällt, resultiert daraus, dass ich mich, wie schon so oft in meinem Leben, dem Versuch hingab, den essentiellen Einstellungen einer »Weichbare« Herr zu werden.
Darf man dies in dieser so aufgeladenen Zeit überhaupt noch auf diese ketzerische Weise formulieren?
Mir will jedoch, wenn ich den Inhalt nicht vollkommen ad absurdum führen wollte, und dazu bin ich in meiner unendlichen Großherzigkeit und Güte immerdar geeignet, keinerlei neutrale Formulierung durch den Geist huschen.
Sei’s drum.
Nichtsdestotrotz sann ich bei den mannigfaltigen Exkursionen, die Köter haben noch immer nicht gelernt, wie eine moderne Klosettspülung einzusetzen sei, in die Urstromtälerlandschaft der borealen Bezirke meiner Heimat über das Leben, das Universum und den gesamten gammeligen Rest, der sich da selbst Zivilisation schimpft, in unerquicklicher Art und Weise, nach.
Das Fest der Liebe, dieser unnachahmliche Rausch des Konsums, diese berghohe Spitze der Überforderung der Verdauungssäfte, um dies antike Wort einmal zu verwenden, findet in diesem Jahr nicht statt.
»Fällt aus, wejen is nüsch« Wie der Berliner sagt.
Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind wird, mit dem Rest der Welt nur durch die Bild- und Tonübertragung, mittels des Netzes der Dinge, mit der Außenwelt verbunden sein.
Virtuelle Kerzen werden die Kerker illuminieren, einsam die Lieder erklingen und das Geschenkpapier wird für viele Wochen die Eingänge blockieren, da ohnehin niemand mehr den selbsterwählten Karzer verlassen wird.
Wo geht sie hin, die schnöde Welt?
Ich sage nur, ich weiß, dass ich mich hierbei wiederhole, »Thanos« hat möglicherweise doch recht. Außerdem halbierte seine Handlungsweise umgehend die derzeit gültigen allgemeinen Zahlenkolonnen.
Ohne das wir es groß bemerkt hätten, scheint die Idee einer freien Gesellschaft wie mit einem nassen Schwamm von der Tafel des Bewusstseins fortgewischt worden zu sein.
Ein liberaler Diskurs, ein unvoreingenommenes Austauschen unterschiedlicher Ansinnen, will nicht mehr auftauchen, geschweige denn akzeptiert werden.
Zu groß erscheinen die Blockaden, die geistigen Firewalls, um ein wenig in den Transhumanismus abzugleiten, dies sei mir an dieser Stelle, schließlich vollzieht sich momentan eine immense Transformation, wohl gestattet, zu mächtig und zu ideologisch aufgeladen, als dass sie freiwillig gesenkt würden.
»Es gibt wohl kein Phänomen, das so viel destruktive Elemente enthält wie die »moralische Entrüstung«, die Neid und Hassgefühlen erlaubt, sich unter der Maske der Tugend auszutoben.« Wie Erich Fromm es einst formulierte. Selten schien dieser Satz zutreffender zu sein, als in diesen Monaten.
Der Satz des Alten Fritz, der mit der »Facón« und der eigenen »Selichkeit« kann und darf heute nicht mehr Verwendung finden, da er ja, also der Alte Fritz und nicht seine Aussage, in kriegerische Handlungen verwickelt war.
Teufel aber auch.
So ein »pöser Pursche« der er war, gehört er natürlich aus den Annalen der aktüllen Vordenker gnadenlos getilgt.
Ich hoffe nur, dass ich diese Geistesgrößen nicht noch mit ihren Riechkolben auf etwas stosse, das sie noch gar nicht wussten.
Aber das Risiko muss ich halt eingehen.
Da will mir ein weiteres Zitat in den Sinn kommen, von einem der größten heimischen Schriftsteller, der immer verlacht wurde, ob einer Jugendsünde, und dessen immenses Werk, ganz im Geist der Aufklärung, dem gebannten Leser die Schönheit der Welt, aber auch ihre Boshaftigkeit, sehr bildreich beschreibend, ins heimische Wohnzimmer transferierte. Zu einer Zeit, als das Reisen wahrlich noch einen Luxus darstellte, aber anderseits die eigene Phantasie zum Fliegen in ferne Länder, fremde Sitten und unbekannte Kulturen einlud. Vielleicht sogar seine wichtigste Aussage in den tausenden von Seiten, die er verfasste.
»… Aber niemals war, seiner einstigen Bitte gemäß, zwischen uns ein Wort über den Glauben gesprochen worden. Niemals hatte ich auch nur mit einer Silbe versucht, zerstörend in seine religiösen Anschauungen einzudringen. Ich wusste, dass er mir gerade das hoch anrechnete, …«
Heute scheint jedwede Debatte beinah wie der unlösbare Disput zweier oder mehr, bis aufs Blut verfeindeter, Glaubensrichtungen daher zu kommen.
Und dieser Glaubenskrieg lässt, durch die vermeintliche moralische Überlegenheit, jegliche Evidenz, jedes Faktum, jede Option einer divergenten Betrachtungsweise, wie ein gefallenes Herbstblatt im Sturm, fortwehen.
Dabei sollte der Glaube, die Religiosität, dies ist ein, wenn nicht das wichtigste Merkmal eines säkularen, aufgeklärten Staates, ausschließlich Privatding darstellen, und nicht durch Anderes, maßgeblich moralisch aufgeladene Themenbereiche, gleich einer Ersatzreligion, kommutiert werden, bei dem schäbigen Versuch, eine Zivilisation darzustellen.
»Schöne neue Welt« doch nun hab ich für heute, diesen Freitag, genug zitiert, Ihnen wahrlich einiges mit auf den Weg gegeben, dass zu überdenken Ihnen schwerfallen wird, und das geliebte Weib, das beste Eheweib von allen (hier schlagen dann die stürmischsten Vordenker entsetzt, ob meiner Wortwahl, die Hände über’m zukünftigen Getränketräger zusammen) nur beiläufig erwähnt.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.