von Thomas Günter

Nun liebes Tagebuch ist es ja so, dass ich zuweilen metaphorisch, manches Mal auch in Realiter, durch Feld und Auen wandelnd oder in meinem Elfenbeinturme hockend, das frisch geschorene Haupthaar raufend, mich dem zermürbenden Gedanken hingebe, dass eintlüsch, wie es im Idiom der Hauptstadt hieße, eben(d) schon fast alles, was durchdacht werden kann, seit nunmehr über 2500 Jahren bereits überlegt worden ist.
Werden doch ganze Bibliotheken gefüllt mit den Werken über Macht und Herrschaft, das Sozialwesen, das Ich und seine Selbsterkenntnis, die Entwicklung des Menschen im Allgemeinen aber auch im Besonderen, den Glauben, egal welcher Couleur, das Gemein- und Staatswesen, die Verfehlungen dieses Geschlechts und seine Hoffnungen und Wünsche, seien sie nur erdacht oder wahrhaftig.
Was bleibt da für mich, den Autoren, das Privattier, den alten weißen Mann, den Erbauer erkläglicher Erquicklichkeiten, noch zu sinnen?
Viel mehr, als diese Formulierungen in ein neues Kleid zu pressen, ihnen einen kuriosen Anstrich angedeihen zu lassen, sie zu verballhornen, in Oxymora zu zwingen, dadurch bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen und den HörerrinenDen*nnendenennen wie auch das Lesende zur Benutzung des eigenen Hirns zu überreden, bleibt da wohl nicht übrig.
Den partikulären Auswuchs, die überbordende Hybris in der selbstgefälligen gefühlten moralischen Überlegenheit, das aktionistische Gehabe der Tagespolitik und ihrer Akteure, stößt mich mehr ab, als das es mich, wie einen Homo girafficus beim Verkehrsunfall, auf Dauer zusehen ließe.
Wobei ich zugeben muss, damit diesem weit entfernten Vetter einer Schwarzbunten erhebliches Unrecht anzutun.
Sei’s drum.
Wer sich selber als die Krone der Schöpfung ansieht, verfällt auch dem Glauben, andere Bewohner dieses Planeten für negative Charakterisierungen missbrauchen zu dürfen.
Doch was will man von einer Art, einem haarlosen Primaten, der nunmehr eher als das schlimmste Raubtier, als Virus, als Parasit in dieser Welt existiert, erwarten. Denn nur der Homo stultus ist in der Lage, seinen eigenen Lebensraum, gleich einem Parasiten, auszuwringen- und zu pressen, zu quälen und zu foltern, zu missbrauchen und rücksichtslos die endlichen Ressourcen auszubeuten.
Da stellt sich die Frage, ob eine Zivilisation, die, obgleich sie sozial ist, also den Kontakt mit seinesgleichen sucht, dennoch nur aus Individuen besteht, nicht aus sich selber heraus so agiert, ja agieren muss.
Durch eben diese Selbstwahrnehmung ist die Vorstellung der eigenen Endlichkeit scheinbar nicht gegeben. Damit resultiert daraus offenbar der Wunsch der eigenen, wie auch immer gearteten Unsterblichkeit. Die Vorstellung einer allgemeinen Existenz, sei sie noch vor der Geburt, sei sie nach dem Ableben, ist zwar intellektuell, nicht aber für das Selbstbewusstsein erfassbar.
Religion bemühte und bemüht sich noch immer zumindest das postume Dilemma dergestalt zu lösen, dass sie bei wohlfeilem Verhalten die ewige Glückseligkeit und bei Unbotmäßigkeit die ebenso lang andauernde Verdammnis in Aussicht stellt.
Das scheint sowohl für das Individuum, wie auch für ein komplexes Staatswesen zuzutreffen. Die Beispiele in der Geschichte sind Legion.
Wenn überhaupt sind erst nach dem Point of no Return, nachdem das Unvermeidbare offensichtlich geworden ist, Anstrengungen unternommen worden, meist in Form von blinden Aktionismus, die nur zu einer Akzeleration führten, nie aber den Untergang, im günstigeren Fall eine Transformation, abwenden konnten.
So halte ich es auch für nicht wahrscheinlich, dass eine Zivilisation 2. oder gar 3. Ordnung, die Komplexität der Zusammenhänge umfassend verstehen könnte.
Schließlich wären es auch ihnen sehr wahrscheinlich nur möglich, trotz der technischen Optionen und des Energiebedarfs, mathematische Modelle der Systeme zu ersinnen, die die tatsächlichen Gegebenheiten immer nur näherungsweise, darzustellen in der Lage wären.
Wie sollte dann eine Zivilisation wie die unsere, die noch nicht einmal dazu befähigt ist, die Komplexität des eigenen Körpers, seines Gehirns, vollständig zu erfassen, die globale Systhematik verstehen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Man könnte es auch metaphysisch betrachten, dass alles Sein einem ewigen Kreislauf unterliegt, der mal einem größeren, mal einem kleineren Zeitabschnitt unterliegt. Doch das erscheint mir zu profan.
Zumal dadurch die Option, die Gegebenheiten zu hinterfragen, ihnen auf den Grund zu gehen, ihr Zusammenwirken wenigstens im Ansatz zu erleuchten, durch diese Art der Betrachtungsweise, die man durchaus als eine fatalistische bezeichnen könnte, sich dem Schicksal als etwas Gegebenes, widerspruchslos hinzugeben, von vorn herein obsolet erscheinen lässt.
Da präsentiere ich heute mal wieder durchaus schweren Tobak, der an den Grundfesten des eigenen Gedankengebäudes heftig rüttelt.
Außerdem ist das geliebte Weib, die beste Ehefrau von allen (oftmals spielt auch sie den Advocatus Diaboli, besonders wenn ich mich verrannt zu haben scheine) aushäusig unterwegens, so dass ich in ihrer Mimik nicht deduktiv neue Erkenntnisse gewinnen darf.
So beende ich diesen Exkurs für heute und lasse Sie mit Ihren Gedanken allein auf weiter Flur verloren hocken. Vielleicht finden Sie ja Aufnahme in den namen- und gesichtslosen Horden meiner Zombiearmee, um mich in meinem strahlenden Licht zur Weltherrscha …, und finden in einer stillen Minute, von denen es zur Zeit ja eine ganze Menge gibt, die Muße, darüber weiter nachzugrübeln.
Konklusionen, Schlussfolgerungen für die eigene Existenz erwarte ich ja nicht einmal.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.