von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, nun ist es ja so, dass ich, der Autor, das Privattier, der Schunkler schnöder Schnauferien, einen nicht unerheblichen Prozentsatz eines jeden Tages damit verbringe, sowohl die Exsudate der Journaille zu durchforsten, als auch der einen oder anderen Meinungsäußerung in gebundener Form, in meiner schier unendlichen Großherzigkeit und Güte, meine Aufmerksamkeit zu schenken.
Ihre Bewertung findet, ganz im privaten, beim Hüpfen und Springen, beim Schlurfen und Schleichen, beim Warten und Harren, auf das die Köter sich endlich bequemen, den Weg durch die forrestalen Areale der Hauptstadt fortzusetzen, statt.
Nun neige ich ja guterdings seit geraumer Zeit, wie lange interessiert hier nicht, außerdem dürfen Sie jederzeit in den vorangegangenen Berichten darüber forschen, dazu, mir selber unumwunden einzugestehen, ein ausgemachter Nerd zu sein.
So neig’ ich denn dazu, den Irrsinn in der Welt nicht nur aus der Sichtweise der klassischen Denker und Analytiker zu betrachten, sondern zuweilen auch die Darstellungen der Popkultur mit einzubeziehen.
Ich empfinde es als ausufernden und unangebrachten Snobismus, wenn die Geschichten, die immerhin Millionen von Zuschauern und Lesern begeistern, als dummer Kinderkram abgetan werden.
Schließlich handelt es sich bei der Schar der Erfinder dieser Welten in aller Regel um recht kluge, phantasievolle und begabte Köpfe.
Zudem gesellt sich der Umstand, dass solche Erzählungen nur die Realität mit anderen Mitteln abbilden. Im Übrigen das Kennzeichen jeder guten Geschichte.
Aber das nur nebenbei.
Deshalb sei hier ein Beispiel aus einem der von mit zur Zeit favorisierten Serienuniversen präsentiert. So neigt zum Beispiel ein rosa farbener Hüne, aus einer ehedem recht noblen, wenn auch radikalen Sichtweise auf die Umwelt seiner Heimat, die aus seiner Geschichte heraus durchaus erklärbar sein mag, dazu, sich ob der vermeintlichen Erfolge, selber, vor allem aber sein Handeln, als unvermeidbar anzusehen.
Das will ein wenig an die Unfähigkeit loszulassen manch alternder Bühnenstars erinnern, die eine Abschiedstournee für die Abschiedstournee, die die Abschiedstournee der Abschiedstournee darstellt, damit sie endlich die Abschiedstournee der Abschiedstournee, die die Abschiedstournee der Abschiedstournee darstellt, und so weiter und so fort, absolvieren können.
Der Jubel der extra bestellten Claqueure ruft im Hirn des Darstellenden nun einmal eine gesteigerte Dopaminproduktion hervor, die dazu führt, diesen Applaus nicht aufgeben zu wollen und zu können.
Ob es sich dabei um eine ehedem gefeierte Chansonniere oder einen Politdarsteller handelt, ist hierbei einerlei.
Beim einen früher, beim anderen später stellt sich unweigerlich die Verkennung der eigenen tatsächlichen Bedeutung, die irgendwo im absoluten Nichts zu verorten ist, ein, und daraus der Gedanke, man/frau/er/sie/es/sie (viele) sei eben(d) unvermeidlich.
Im Grunde tragisch, wenn nicht der Nachteil für die Gesellschaft daraus resultierte. Einmal in der Tatsache begründet, dass, frei nach Gabriel Tardes, eine in den Vordergrund gerückte Idee, alle übrigen Wege verhindert, zum Zweiten auch darin, dass die Zuhörerschaft mit dem immer gleichen Schmus gelangweilt wird und deswegen nurmehr aus Höflichkeit milde lächelnd nickt, ohne wirklich zu lauschen.
So latsch ich denn, denkend über Vergangenes, Aktuelles und Zukünftiges, gern für mich alleine, durch die Wälder, so lange es noch erlaubt ist, und hänge meinen Überlegungen nach. Ohne dabei jedoch außer acht zu lassen, dass der Italolappen nicht allzu sehr dem Coprophagieren verfällt.
Gleichsam die alte, ungarische Paprika davor zu bewahren, den Dosenöffner, also mich, das Privattier, den Autoren, den Gründer gieriger Grübeleien, aus dem merklich reduzierten Blickfeld zu verlieren und deswegen verloren zwischen Ästen und Sträuchern, zwischen Bäumen und Senken, zwischen Wasser und Land, umherzuirren.
Immerhin erhalte ich meine 15 Sekunden postulierten Ruhmes dann, wenn ich meiner geliebten Ehefrau, der besten Ehefrau von allen (das steht hier für jetzt und immerdar außer Frage) meine kleinen geistlichen Exsudate, nein, meist sind sie nur geistig, dazu greif ich zu selten auf die Heilige Schrift zurück, vortrage, und ich in einer minimalen Änderung der Mimik Anerkennung erhaschen darf.
So ganz nebenbei, als Fun Fact, wie es neudeutsch kolportiert wird, legen sich mich, den Träger eines XY Chromosoms, den alten weißen Mann, bitte nicht in Bezug auf die genaue Definition der Körperfarbe des oben beschrieben Hünen fest. In meiner okular geminderten Sicht erscheint er nun einmal rosa. Wahrscheinlich schlägt die Hälfte der Weltbevölkerung entsetzt die Hände über dem zukünftigen Trinkgefäß zusammen, ob meiner Unfähigkeit eine Nuance, eine marginale Variation richtig zu titulieren. Das sei mir bitte nachgesehen, außerdem haben Sie alle damit einen riesigen Schritt in eine neue, größere Welt getan, wenn ich endlich die Weltherrsch …, Männer sind eigentlich ganz simpel zu handhaben.
Dabei gilt es mit Schwester – oder Brudertöchtern alle alten Zöpfen einfach abzuschneiden. Die empfundene moralische Überlegenheit, das Haar heutigentags unbedingt anders zu flechten, verhindert den Blick auf die Fehler, vor allem aber die Erkenntnisse früherer Arbeiten und verstellt damit das grundsätzliche Verständnis der Frisurengebung ganz allgemein.
Welch hübsche Metapher für die überbordende moralinsaure Diskussion über die Geschichte des Homo stultus, des haarlosen Primaten, und all seines Wirkens und Verfehlens.
Und das von jemandem, der den Glatzenmacher nur aufsucht, wenn die Matte vor den Augen das Tragen des Guckophons maßgeblich beeinträchtig.
Sei’s drum. Auch ich neige dazu, floskelhaft wiederkehrende Formulierungen in die Hirne der Leserinedennedenennen und der/die/das Hörerschaft einzuimpfen. Wiederholung ist nun einmal eine der anerkannten Möglichkeiten, gleich einem alles zersetzenden Virus, subversiv vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis vorzudringen.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.