von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, nun ist es ja so, dass in diesen verrückten Tagen, die wir alle auserkoren sind, durchleiden zu dürfen, besagte Handlungsweise, die den Galan in früherer Zeit auszeichnete, den Minnesänger, den Papagallo in südlichen Gefilden an einem lauen Sommerabend am Meer, nicht ohne erhebliche Verletzung des zur Zeit gültigen Regelwerkes ausführen können.
Meine systemimmanente Misanthropie hinderte mich schon immer daran, größeren Menschenansammlungen zu frönen. Die Anzahl meiner Diskothekenbesuche lässt sich grob an einer Hand abstreichen. Zu laut, zu voll, zu alles Mögliche und irgendwas. Zusätzlich neigte ich mein Leben lang auch dazu, größerem Rumor aus dem Weg zu gehen. Kopfhörer, seien sie in den Meatus acusticus externus zu stülpen und die Sezernierung von Cerumen zu fördern, seien es kleine Hütchen, die über den Ohrwascheln platziert werden und die ohnehin enervierende Außenwelt noch weiter ausschließen, mir behagte es niemals, auf diese Weise fremdes Lautwerk zu erfahren.
Ich, der Autor, alter weißer Mann, das Privattier, Kurator kreativer Kritzeleien, zog die einsame Stille schon immer vor.
Die Sorge, die Sie ungehörter LeserSeiinnendennenden nun umtreibt, weiterhin in den Untiefen meiner eigenen Historie zu wühlen und das eine oder andere Ereignis zwecks der Katharsis heraus zu wühlen, kann ich hier mit Fug und Recht beiseite wischen. Ganz im Gegenteil, diese kuriosen Variablen meiner Existenz eignen sich hin und wieder trefflich, um den Irrsinn, der heute die Welt beherrscht, ad absurdum zu führen, ihnen ein wenig die Bedrohlichkeit zu nehmen und in dieser düsteren Epoche ein kleines Lichtlein anzuzünden. Ein Lichtlein, dass den Weg nach Haus aufweist. Ein Freudenfeuer inmitten der Wüstenei, die dieser haarlose Primat, der Homo stultus, dieser Raptor, der seit so langer Zeit versucht, sich seine Heimat untertan zu machen, und sie dabei doch nur zu Grunde richtet aus blankem Unverständnis, in seiner eigenen Überheblichkeit, Existenz nennt. Denn Katharsis brauch ich nicht, will ich nicht, krieg’ ich auch nicht wieder rein. Ich kenne meine Leichen, die in den diversen Kellern ihr Dasein fristen, darauf warten auszubrechen und die Welt mit Tod und Pestilenz heimsuchen, um mir den Weg zur Weltherr …, huch, jetzt bin ich doch schon wieder in eines, der von mir so gern genossenen Serienuniversen abgedriftet. Vergessen Sie es am besten ganz schnell wieder. Ach, das haben sie ja eh schon, kein Wunder bei der Schnelllebigkeit, dem Weiterwischen von Bildern, Fotos, Partnern, den 280 Unicode Zeichen, der Irrelevanz von Meldungen und Meinungen, denn nie verrann die Zeit schneller zwischen unseren Fingern als heute. Wer weiß schon was die Zukunft bereit hält. Wenn erst der Transhumanismus, die absolute Gläubigkeit in die digitale Aufrüstung des Menschen, noch bereit hält. Mit ein wenig Glück erleben wir das aber nicht mehr, da wir uns zuvor elegant selbst entleibt haben werden. Doch zurück zu meiner Misanthropie. Schon früher, einstmals, als Ritter noch gegen Drachen kämpften, um das Herz des Burgfräuleins zu erobern, oder kurz danach, ich bin nun mal ein alter weißer Mann, der den Schmerz des Leibes am Morgen zu schätzen weis, stellt er, der Schmerz, doch den Indikator dar, der mir beweist, noch am Leben zu sein, rief es Widerwillen aus, wenn ich, das Privattier, der Autor, das andere hatten wir eben schon, das Kaleidoskop kurativer Kapriziosen, mich dem Wahn des Shoppings hinzugeben. Dennoch ließ ich mich, metaphorisch, sonst gelänge es mir ja nicht, hier und heute diese Zeilen in meiner unendlichen Güte gegenüber den niederen Wesen da draußen in Stadt und Land nieder zu legen, breit schlagen, an einem Adventssamstag (schon wieder die Weihnachtszeit, oder deren Vorläufer, hat aber keinerlei Bedeutung, ehrlüsch!) einem mir damals gut bekannten Pärchen im weltbekannten Luxusshoppingtempel der westlichen Innenstadt Gesellschaft bei Erwerb der Konsumgüter, die unter dem Baumleichnam geschichtet werden, zu leisten. Zunächst hielt ich diese Offerte für eine nette, aber falsch verstandene Geste, eine der wenigen, kurzen Phasen meines Lebens, die ohne Begleitung eines Köters verliefen, mich aus meiner Butze herauszuholen. Dabei hatte ich doch gar nicht vor, zumal es bestimmt ein eisiger Dezembernachmittag war, die wärmende, schützende Hülle der vier Wände verlassen. Bestimmt wollte ich irgendein bewegendes Werk der Weltliteratur erarbeiten, wahrscheinlich mit lauter bunten Bildchen und Sprechblasen, Tee trinken und die unnütze Welt vor der Tür versauern lassen. Stattdessen wälzte ich meinen alabasternen Kadaver durch die kaufwütigen Massen wie ein russischer Atomeisbrecher, schob die unegalen Mengen einfach beiseite und stampfte mit einem Blick, der alle Entgegenkommenden entweder zu Salzstangen erstarren ließ oder sie in ein fortwehendes Häufchen Asche verwandelte, durch die Auslagen, Regale, Gänge und Treppenhäuser. Im Schlepptau das Paar, dann und wann gerne, ob meiner Gangart, an einer Gürtelschlaufe angekoppelt. Doch irgendwann, ein Zeitgefühl wollte sich nicht einstellen, schien die Ladekapazität der Beiden, die nunmehr eher wie Kulis auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest wirken wollten, erschöpft. Meine Belastungsfähigkeit näherte sich ebenfalls dem roten Bereich und das damals noch spärliche Sicherheitspersonal riegelte bereits in weiser Voraussicht all die Wege, die ich noch einschlagen könnte, für den gemeinen Publikumsverkehr, wirksam ab. Ja, das Bild, dass sich in Ihrer schwerfälligen Vorstellung aufbaut, Godzilla, der eine Japanische Großstadt in Schutt und Asche legt auf dem Weg zum und während des Kampfes mit King Ghidorah, kommt dem zuvor geschilderten Ereignis doch recht nahe. Aber schlussendlich waren meine Begleiter selig, hatten einen ganzen Batzen Knete für einen noch größeren Haufen Sinnlosigkeiten ausgegeben, und wir standen erschöpft vor den Pforten des Zerknalltreiblings. Die Taschen, Tüten, Pakete und Geschenke im Kofferraum zu verstauen, konnte nur noch eine Frage von Jahrzehnten sein. Schließlich war dies auch leidlich erledigt und ich stellte, ich geb es zu, mit grimmen Blick, die berechtigte Frage, was diese schlechte Komödie hatte bedeuten sollen. Mit debilen Grinsen, ohne Umstände, sie kannten scheinbar keine Hemmungen, zumindest nicht in dieser Hinsicht, antworteten sie freiwillig während dieser hochnotpeinlichen Befragung. »In Deinem Fahrwasser hat man, haben wir, nun einmal ausreichen Platz und Raum, Zeit und Muße, ganz ohne störendes Gedränge, Waren zu begutachten und käuflich zu erwerben.« Und heute? Ist es in keiner Weise besser geworden. Im Gegenteil, die augenblickliche Situation, in seiner grundsätzlichen Formulierung falsch, den der Augenblick ist mit der Zeiteinheit von etwa einer Sekunde definiert oder anders ausgedrückt, die Spanne, die unser Hirn benötigt, um die Projektion der Umwelt in das Bewusstsein neu zu generieren, lassen Sie mich also eher den Begriff Epoche anwenden, schürt meine Ablehnung gegenüber Dritten noch weiter. Ständig bin ich bestrebt, die Ausflüge in die weitere und nähere Umgebung auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Der gesundheitliche Zustand der Töle, des Italolappen, macht es einfach. Sind doch die Spaziergänge noch immer zeitlich recht limitiert. Seiner Belastungsfähigkeit sind noch immer enge Grenzen aufgezeigt. Ein knappes halbes Stündchen und er ist körperlich erschöpft. Gleichwohl täglich Fortschritte zu erkennen sind. Die Beschränkung des Gewohnten, der Verlust des Alltäglichen, das Fehlen des Normalen verändert offenbar auch meine Wahrnehmung und die Beurteilung dieser Situation. Noch mehr als früher erfüllt es mich mit großer Genugtuung, wenn endlich die stahlverstärkte Tür mit sattem Klang zurück ins Schloss fällt. Die Umwelt dann weit außen vor ist und ich sie, ganz nach eigenem Gusto, virtuell hereinlassen kann, aber ebenso schnell wieder aussperre. Wie muss es dann erst den Mitgliedern der Art des Homo stultus ergehen, die den Kontakt zu den übrigen haarlosen Primaten um jeden Preis aufrecht erhalten wollen? Welch Pein, welche Qualen erleiden sie, die nicht mehr am Abend in der Stammkneipe die Leber überfordern dürfen, die zarte Haut in der Strahlung des Zentralgestirns am Strand einer Urlaubsinsel langsam austrocknen zu lassen, die Koordination von Seh- und Hörnerv in einem Klub durch die Kombination von Ton und Licht massiv zu beeinträchtigen suchen oder ganz allgemein wie eine Horde Schafe, die zur Schlachtbank geführt wird, in dichtem Gedränge durch die Konsumtempel getrieben zu werden. Bleibt der Teil mit den Allegorien, den Metaphern, viel mehr stört mich der Umstand, Sekunden lang nach dem Begriff zu suchen, von dem ich weiß, dass er irgendwo in den Windungen des Zerebrums verborgen liegt, ich aber nicht zugreifen kann, den diversen populärkulturellen Anspielungen, die in einer scheinbar unüberschaubaren Zahl in meinen Arbeiten eingewoben werden, wie güldene Fäden in einem ohnehin extrem wertvollen Teppich. Es stört mich nicht, wenn sie nicht alle erkannt werden, es freut mich, wenn ich die HörerRinenderninneneden anregen darf, hie und da das eine oder andere in einem Nachschlagewerk, egal ob dünneberg oder bertaflunkerte, zu vertiefen. Mich stört aber die snobistische Ignoranz einzelner Individuen, die sich weigern, ihren Horizont durch Mehrung des Wissens zu erweitern und das, was vor einigen Jahrzehnten in einem sehr eng umfassten Rahmen erfahren wurde noch immer für den Kelch der Weisheit erachten und sich den Dingen, die in ihrem verschleierten Blick nicht würdig erscheinen, verachtend gegenüber stehen. Daraus resultierten einst die Hexenverbrennung und die Verfolgung Andersdenkender.
Ebenso wie diejenigen, die für den tages- und postenpolitischen eigenen kurzfristigen Vorteil die hehren Ideale der »Föderation der vereinten Planeten« perfide verraten, sich als Deus ex Machina gebärden, doch dabei nur Angst vor einer tatsächlichen Entscheidung an den Tag legen.
Kein Handkuss mehr, kein Gerangel mehr am Wühltisch um die billigsten Schlüpfer, kein Gedränge mehr beim Konzert oder im Stadion, kein Anstehen mehr bei der Flugabfertigung, nie mehr am Heiligen Abend in einer überfüllten Messe sitzen, um das larmoyante Gewissen zu besänftigen, kein Stau am kalten Buffet, überhaupt kein kaltes Buffet mehr, wenn überhaupt eine Verkostung stattfinden darf, dann nur noch unterm Bioheißpilz im veganen Hipsterrestaurant unter Ausschluss aller, die nicht einer bestimmten identitären Blase angehören.
Und ich bleibe in meinem Elfenbeinturm sitzen, erfreue mich meiner Einsamkeit, immer gemeinsam mit meinem geliebten Weib, der besten Ehefrau von allen (und natürlich den Tölen) betrachte die übrigen Existenzen da draußen voller Verwunderung, bestaune sie aber nicht, und verfasse weiter meine kleinen Texte und Geschichten, bringe Sie vielleicht zum Lachen, vielleicht zum Schmunzeln oder zum Nachdenken.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.