von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, manchmal ist es ja so, dass ich, das Privattier, alter weißer Mann, der Autor, Schaffer schauriger Schwafeleien, und meine geliebte Frau, die beste Ehefrau von allen (bei Regen, Schnee und Sonnenschein) dem unbedingten Wunsch folgen leisten müssen, Junk Food zu verzehren. Dabei geht es nicht um die in einem fragwürdigen Chemielabor jenseits des Ural, oder einer ebenso dubiosen Fleischfabrik irgendwo in Nordrheinvandalen, hergestellten Fleischersatzprodukte großer, global agierender Ernährungsbutzen, sondern um die klassische ursprüngliche Form des in Neapel erfundenen und in den USA zu wahrer Größe entwickelten Teigfladens mit Belag nach Gusto.
Erste Erinnerungen daran, also die schallplattengroßen Hefetaler, die bevorzugt in dem Schrank, in dem immer Winter herrscht, herrschen sollte, sonst ist die Geruchsbelastung gar zu penetrant, gehen in die späte Jugendzeit zurück, als die großen Lebensmittelhersteller damit begannen dieses Produkt für die Allgemeinheit im Pappkarton und Plastikfolie zugänglich zu machen. In etwa dieselbe Zeit fiel auch die Wandlung der Tanke in einen allzeit geöffneten Supermercato.
Da will mir eine putzige Begebenheit durch das Bewusstsein huschen, die sich vor mehr als 35 Dezennien am Heiligen Abend in meiner Familie, als an diesem Tag in Berlin vor allem auch die Gans neben dem Gabentisch auftauchte und die Galle trefflich zu überfordern wusste, begab.
In jener Epoche bestand meine Erzeugerin noch darauf, die Feierlichkeiten zum Jahresende mit einem ausgiebigen Kirchgang einzuläuten.
Mir oblag die Aufgabe, die begleitende Entourage darzustellen. Ob als Leibwache gegen die Gefahren, die so allgemeine beim Besuch eines Gotteshauses drohen, oder ob die stille Hoffnung mitschwang, meine äußerst kritische Einstellung gegenüber einer, durch eine Einzelperson kolportierte, heilsverkündende Verschwörungstheorie, schließlich wird eine simple Lösung für die komplexen Vorgänge des Lebens geboten, man kennt das aus unseren Tagen, sei es ein Einzelner, der permanent den Weltuntergang mittels Krankheit predigt, sei es ein junges Mädchen, die das gleiche Narrativ bedient, nur aus einem anderen Blickwinkel, abzumildern, habe ich nie durchschaut.
Mich amüsierte vor allem die Tatsache, dass ein großer Teil der Präsente bereits voll überbordendem Stolz, den neidischen Nachbarn präsentiert wurde.
Wie so manches Mal zuvor, harrten wir auch an diesem Abend, besser späten Nachmittag, dem Ende der Litanei. Liturgie ist hier unangebracht, die wird in dem Schwester- oder Bruderverein zelebriert.
Doch anstatt schöner, eingängiger, gar schmissiger Weihnachtslieder plagte der Kantor die Gemeinde, wie jedes Jahr, mit schweren, barocken, das Leid schon durch die Belastung der Ohren und der Stimmbänder darstellenden, Gesängen. Stund um Stund verging die Zeit nicht, in meinen Augen ungenutzt, es gab noch kein Wischebummensdinngens, um die ermüdende Langeweile in eine andere Richtung umzulenken, ein erquickendes Leswerk schien der Mutter unangebracht und wurde mit Missbilligung im Blick, wie nur eine weibliche Erziehungsberechtigte in der Lage ist ihn anzuwenden, abgeschmettert.
So hockten wir, eingezwängt zwischen einer schier unüberschaubaren Menge anderer Ungläubiger, zusammengepfercht auf den harten Bänken schlotternd im Zug der nicht richtig schließenden Fenster und Türen. Sicherlich um das Leid Christi, dabei handelt es sich doch um seinen Geburtstag in einer der wärmsten Gegenden dieses Planeten, eigentlich ein Freudenfest, am eigenen Rheuma und der Arthrose zu erleben.
Und noch’n Lied und noch’n Lied wurde angestimmt und verbrannte die Zeit.
Ich begann bereits zu unken, dass der Erzeuger, er blieb zu Hause, um den Garprozess des im Ofen der Vertilgung harrenden Federviehs zu überwachen und regelmäßig mit dem eigenen austretenden Fett zu überspülen, dies vergäße, da im damals noch neuartigen Farbfernsehen entweder »Die Mädels vom Immenhof« oder wahlweise auch »Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin« flimmerte.
Als Fun Fact dazwischengeschoben, ist die Information, dass das Geflügel zu jener Zeit im ein Stockwerk tiefer gelegenen Homeoffice, dem Bratvorgang zugeführt wurde. Das Muttertier misstraute in Konstanz (nicht der Ort am Bodensee!) dem heimischen Backofen. Warum wurde mir nie so richtig klar.
Doch endlich hat auch die schlimmste Dudelei ein Ende, der Segen ward großzügig durch den Pfaffen verteilt, ich, der Autor, das Privattier, Gründer gängiger Gemeinheiten, tönte noch ein unüberhörbares »Mahlzeit« in die Menge, und die gesamte Bagage eilte wieder zu festlich geschmücktem Baumleichnam und klingenden Glöcklein mit Rotwein und Schampus.
Die ohnehin schon lang andauernde Phase der Bekehrung zum Festtag ward an diesem Abend um mindestens eine Stunde überzogen. So hetzten auch wir in Richtung der heimischen Trutzburg, um endlich wie eine Horde ausgehungerter Nordmänner über den Festtagsbraten herzufallen. Klöße und Rotkohl liegen natürlich dabei, verhindern aber nur die Mehraufnahme des zarten Fleisches und sind eher geeignet, im Nachhinein die verbliebenen Reste des Bratensaftes aufzusaugen und hinterher zu schieben.
Doch das Menetekel, dass ich auf geweihtem Boden bereits kommen sah, bewahrheitete sich auf grausame Weise.
Als die kirchgehenden ⅔ der Familie um die Ecke bogen, quollen bereits blau-schwarze Rauchschwaden aus den gläsernen Öffnungen der offiziösen Räumlichkeiten.
Alle Eile war umsonst. Das Tier, einst geboren und geopfert für einen feudalen Imbiss am Weihnachtsabend, war zu einem braun-schwarzen Klumpen Kohle zusammengepresst. Nur noch wenig länger und ein strahlender Diamant, nachdem die ganze Bude abgefackelt gewesen wäre, hätte das Ergebnis sein müssen.
Der Vater selber hing, selig schlummernd, auf dem Kanapee, die Fernbedienung war schon lang zu Boden geglitten und das Schnarchen ließ die hölzernen Einbauwände erzittern.
Die Stimmung hernach lag, ganz den winterlichen Temperaturen angepasst, weit unterhalb der üblichen zwischenmenschlichen Wärme an einem solchen Festtag.
So blieb mir, dem Spross, nichts Weiteres über, als Hut und Mantel noch ein weiteres Mal über zu werfen und mich hinaus in die Heilige Nacht zu begeben.
Meine Schritte, mein Weg, führten mich vorbei an zahlreichen illuminierten Fenstern. Dahinter waren vor Aufregung gerötete Kindergesichter zu erblicken. Manches Mal waren auch die Fratzen der Eltern auf diese Weise koloriert, doch dann meist aus Ärger über die erhaltenen Gaben.
So gelangte ich schlussendlich an oben bereits erwähnter Raststatt und erwarb käuflich, nach ausgiebigem gegenseitigem guten Wunsche, eben nun schon sooft erwähnte tellergroßen Hefetaler, um wenigstens zu verhindern, dass die Familie an einem solch besonderen Anlass dem kläglichen Hungertod anheimfiele.
Und gestern Abend war es nun wieder einmal so weit. Die Lust den Kochlöffel zu schwingen hielt sich in eng umfassten Grenzen und tendierte gegen unter Null.
Flugs begab ich mich zum örtlichen Versorger und beschaffte uns besagtes Nahrungsmittel mittels Überreichung einiger Münzen. Auch Kleingeld will schließlich gewürdigt sein.
Ab in den Ofen, die Eieruhr gestellt, ab und an ein kontrollierenden Blick gewagt, ob auch der Käse schmelze und die Kruste einen ansehnlichen Farbton erlange und nach dem Bimmeln schnell geschnitten und noch schneller verschlungen.
So lautete zumindest der Plan.
Eins der unumstößlichen Naturgesetze, wahrscheinlich in jeder Dimension, jedem anderen Universum, einer beliebigen Faktizität, egal welche physikalischen Grundlagen auch sonst vorliegen mögen, lautet, dass Brot immer auf der Marmeladen-, wahlweise Nussnougatcremeseite beim Fallen landet, das andere, dass der Mozzarella, auch wenn die Pizza nach dem Backen schockgefroren wird, noch immer einen Wärmepunkt hält, der ausreicht, sich durch fünf Meter Stahlbeton zu schneiden, um den Tresor einer Schweizer Bank zu knacken.
So passierte es natürlich initial, dass so ein Klümpchen Käse sich recht hurtig, mit der Hitze eines Plasmaschneiders durch die derbe Schleimhaut des Gaumens, das Periost und den darunter liegenden Knochen brannte. Darauf folgte der freie Fall des glühenden Klumpen durch die Nasenhöhle und den dahinter gelegenen Sinus, um erst von der Unterseite der knöchernen Sella turcica aufgehalten zu werden und die Hypophyse glücklicherweise unbeschadet zu lassen.

Doch nur die Harten kommen in den Garten.



Nach einem Schluck lindernden kühlenden Nass wird ungehindert weiter gemampft.
Der Rand ist kross, er bricht nur schwer und dennoch schiebt man sich ein Stück nach dem anderen in die Kauleiste, um dem Hunger Herr zu werden.
Doch schon naht die nächste Malaise. Wenn sich so eine harte Kante in den Rachen schiebt, zu groß, um sie durch die reine Kaukraft zu beherrschen, die Gier ist hier die treibende kraft, ich geb es unumwunden zu, geschieht es so manches Mal, dass sich so ein Teil mit großer Macht ins zarte Geflecht der Mundschleimhäute hineinbohrt.
Ein Schmerz, durchdringend, ein Schrei, markerschütternd, und schon fällt mir die Szene aus der ersten Winnetou Verfilmung ein, als der weiße Bruder Scharlie, der er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ist, mit gebrochener, röchelnder Stimme der Schwester des großen Apachen, Nscho-tschi, berichtet: Winnetou gekommen, Messer gestochen, Hals, Zunge.
Mit letzter Kraft das Maul öffnend, frage ich mein geliebtes Weib, ob sich bereits heiße Blutströme herausquellend über Tisch und Teller, Besteck und Gläser ergießen.
Zum Glück verneint sie umgehend, schränkt die Aussage aber dahingehend ein, dass es ohnehin zu dunkel sei, um Genaueres zu erkennen, sie außerdem kein Nasenfahrrad trüge, somit eh nichts sähe und es außerdem wenig ansprechend erscheine, wenn ich hier den halb zermahlenen Pizzabrei, so mir nichts dir nichts in der Gegend verteilte.
Was soll ich groß berichten, ich überlebte, geradeso, schließlich ist es mir unter großer Last an diesem verregneten Mittwoch möglich, diese kleine Glosse niederzulegen, doch Schmerz und Pein schränken Denken, Handeln, ja das ganze Sein noch erheblich ein (Ein Gedicht, ein Gedicht).
So geht denn die Liebe auch durch den Magen, doch Obacht, allzu große Lust am Speisen, führt zuweilen auch zu großem Leid.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.