von Thomas Günter

Regen, Herbstwetter, Wolken ziehen hurtig über den Himmel und zeichnen ein dramatisch schönes Bild, als hätte Caspar David Friedrich persönlich seinen Pinsel angesetzt.
Reifen rollen durch Pfützen, das Laub der Wälder scheint, als wär es in einen Farbtopf gefallen.
Wind weht, Blätter rauschen, die Menschen hetzen durch die Straßen.
Zumindest in den Stunden, in denen es ihnen erlaubt ist, außerhalb der eigenen vier Wände die Simulation aufrecht zu erhalten.
Der Köter pennt. Er schläft sich schnell gesund. Sein Lagerkoller weitet sich aus. Gelangweilt schlurft er hinter mir, dem Autoren, Privattier, Generierer gutgemeinter Gaukeleien, beim Spaziergang in den Gassen der Hauptstadt her.
Er ist ja ohnehin eher von der genanten Gesinnung und verkneift sich den Ablass verstoffwechselter Grundnahrungsmittel, bis ein geeignetes Gebüsch gefunden scheint, dass seine Privatsphäre ausreichend sichert. Sein Gehabe will dem neutralen Beobachter dergestalt erscheinen, dass durchaus der Gedanke vorherrschend sein mag: Hier ist vor 10000 Jahren ein Säbelzahneichhorn entlang gehoppelt, das Ganze ist mir zu intim, da gelingt es mir nicht, mich zu entspannen.
Dem Dosenöffner bleibt also nichts anderes über, als den Italolappen mit aller gebotenen Vorsicht dorthin zu eskortieren, wo zum Einen endlich seine Neugierde geweckt wird, er, der Köter, gleichzeitig aber so viel Einsamkeit vorfindet, dass dem Toilettengang nichts im Wege steht.
Dabei stellt es sich als erstaunlich komplex dar, eine ausgewogene Bilanz zwischen ausgelassenem Herumrennen und gemäßigtem Spaziergang herzustellen. Ist doch die Töle noch lange nicht so stabil und leistungsfähig, wie noch vor einer Handvoll Tagen.
Und zwischendrin?
Also so in der knapp bemessenen Zeitspanne, die die Leere, die sich während dem Warten auf den nächsten Gassigang eröffnet? Hab ich nun die Ruhe gefunden, mich wieder dem entspannten Lesen hinzugeben, weiter in die Geheimnisse des Universums einzudringen, den Schleier, der sich als Wahnsinn getarnt, über den humanoiden Geist gelegt hat?
Abgeschmackt mit der Aussage der Schwester- oder Brudertöchter könnte ich diese Vermutung eliminieren.
Stattdessen gebe ich mich der Sucht nach einem der diversen Comicuniversen hin. Namentlich das mit den 23 Filmen, den diversen Serienadaptionen, ’nem Kerl in einer Blechrüstung, dem nordischen Gott des Donners und einem ehemaligen Bodybuilder, der auch mal den Sindbad mimte.
Doch schon bald ist auch hier jedes Pixel, jedes Bit aus dem Netz der Dinge herausgesaugt.
Nun stellt sich dem Autoren, dem Privattier, mir, dem Galan geschönter Gedanken, in diesem Fall nicht die Frage, welcher digitalen Suchterzeugung ich danach zu folgen gedenke, sondern vielmehr die Überlegung, wenn denn die Angst und die Panik weiter mit kalter Faust die Welt im Würgegriff hält, Kultur, Tourismus, Gastgewerbe, Kreativität, Film- und Theaterschaffende erneut einem Berufsverbot ausgesetzt werden, keinerlei Übersetzungen mehr angefertigt werden dürfen, so wie es sich initial für eine kleine Weile darstellte, zwar die Ideen in ungezählter Menge aus den Fesseln der Isolation herausquellen, doch niemand da ist, der sie visualisieren, vertonen oder drucken kann, weil kein Sprecher in ein Studio darf, kein Musiker, kein Techniker, niemand der neues Papier in den Magazinen nachlädt, niemand, der Server und Speicherfarmen wartet, keiner der sich bereit erklärt, die geistige Nahrung der Menschheit weiter zu produzieren.
Auch das Schreiben, meine kleine Passion, stellt einen Produktionsprozess dar. Vielleicht 10 Prozent, wenn nicht weniger bestehen aus einer Idee. Ein Satz, den ich aufschnappe, die Interaktion einer Gruppe, die ich mich behufen fühlte, für eine kleine Weile zu beachten, ein Bild, ein Foto, ein Artikel, ein Kommentar, den ich beiläufig überflog und der mich anregte, neue Gedanken zu ersinnen und zu verknüpfen. Der Rest ist harte, fleißige Arbeit. Und hierbei sprech oder schreib ich nicht von der tantalusschen Folter, die Finger in einem gleichförmigen Rhythmus, mit einer Geschwindigkeit, die wenigstens erkennbar ist und nicht den Anschein erwecken will, dass ich tage-, wochen- monatelang bewegungslos über die Tastatur gebeugt verharre, der Arbeitsspeicher der vollelektronischen Rechenmaschine in der Zwischenzeit nicht einschläft, oder schlimmer noch, wie ein Pharaonengrab in einer vergessenen Wüstenei einstaubt, zu bewegen, sondern von der Recherche, auch ich hab nicht jedes Zitat immer Wort wörtlich auf Abruf bereit, neueste Erkenntnisse, die ich noch eruieren will, eine Jahres- eine Datumsangabe, die auf Minute und Stunde genau abgefragt sein möchte, das Nachsinnen, was die Syntax einer Abfolge von Einschüben und Nebensätzen noch in der Lage ist, anzutun. Der Vorgang, weitere Verwirrung zu stiften, die Interpunktion, bei der ich ehrlich gesagt schon immer die meiste Phantasie aufwenden konnte, zu überdenken und schlussendlich alles in einen verwobenen Kontext zu pressen und dabei immer meinen inneren Thesaurus vor Augen habend, um nicht in Verlegenheit zu geraten, mich allzu häufig in Wiederholungen zu verfangen. Schließlich gefallen sie, die Wiederholungen, dem großen Sohn aus dem Geschlecht der Julier nicht. (Sehen sie, eine Repetition, die schon beinah als Endlosschlaufe läuft und mit der Zeit die Langeweile eines wahrhaft ausgewalzten Running Gag schon lange hinter sich gelassen hat)
Auch das Vertonen meiner eigenen Gedankengänge, noch mehr das meiner kongenialen Partnerin in Write, die nicht meine geliebte Ehefrau, die beste Ehefrau von allen (ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, bis sie es endlich begriffen haben werden) ist (so ein simples Wort, nur drei Buchstaben, und dennoch schließt es beinah das gesamte Sein, jede Existenz des Universums ein), stellt einen langwierigen und in meiner primären Einschätzung vollkommen unterbewerteten Vorgang im Bezug auf geistige wie körperliche Anstrengung dar. Außerdem kostet es einen Haufen Zeit, mehr als ich je erwartet hatte. Und das liegt nicht nur an meiner nur schwach ausgeprägten Befähigung, den Begriff Begabung wag ich hier, an dieser Stelle des Textes nicht einmal zu denken, tonal und verbal in der Weise umzusetzen, wie er in meinem Schädel allenthalben klingen mag. Ich sprach bereits davon, kein Schausteller oder etwas Vergleichbares zu sein (nur eine weitere Varianz dieses Wortes, das so klein und einfach klingt und dennoch so unendlich viel Inhalt aufzunehmen vermag) und deswegen nur limitiert, mit falscher Atemtechnik, die Betonung mangels Mut nie ausreizend, meinen, unseren Gedanken, Ausdruck verleihe.
Das andere Serienuniversum, das mit dem Kerl ganz in schwarzen, grauen oder blauen Klamotten, je nach Epoche, mit dem grünen Typen mit dem Flitzebogen, dem anderen Grünen mit der Bahnlampe, dem aus’m Wasser und dem der durch die Luft schwirrt, wie ein verirrter Kranich und nicht zu vergessen dessen Cousine wollen wir an dieser Stelle ebenso würdigen, vereinfacht doch die lautmalerische Untermalung allenthalben das Denkvermögen durch den Umstand, dass all die Abenteuer, die einst erdacht wurden und immer den Zeitgeist widerspiegeln, vielfach hilfreich sind, um nerdige Irrungen und Wirrungen einzuflechten, um die gebannt Folgenden in weitere Verwirrungsumstände zu teleportieren. Metaphorisch gesprochen, ich hegte niemals die echte Intention den ohnehin überforderten Geist in eine andere, sicher erschreckende, weil komplett divers angeordnet, Realität oder Dimension zu senden. Wir wissen doch alle, was mit Paketen geschieht. Sie werden irgendwo, bei irgendwem, irgendwann abgegeben und sind dann nie wieder auffindbar, obwohl oder auch gerade, weil irgendjemand sehnlich auf den Empfang wartete.
Aber das nur nebenbei, als Fun Fact sozusagen.
Den Begriff muss ich aber nun wirklich nicht erklären, hoffe ich wenigstens.
Was passiert also, wenn die Serverbanken überlaufen, niemand kommt, um sie zu warten, zu erweitern, überhaupt am Laufen zu halten?
Im schlimmsten Fall stirbt die Kultur. Nicht das was einst geschaffen wurde, noch gibt es Menschen, so wie wir, mein geliebtes Weib und ich, das Privattier, der Autor, dem Bewahrer beklemmender Begehrlichkeiten, die Bücher, echte Bücher, wie Guttenberg sie einst herstellte, in den Regalen lagern. In den Museen existieren noch die Gemälde alter Meister.
In vielfältigen Archiven ist alles bisher Geschaffene gelagert. Doch wie können Neues, bislang nicht Gedachtes, Ideen, Gedanken, Wünsche den Weg in die Welt schaffen, wenn alles blockiert ist?
Wenn nur noch die Angst vorherrscht, die Angst, aus der nichts Gutes mehr erwächst, nichts Neues, nichts Unbekanntes, sondern sich alles nur noch im Kreis dreht, in einem Kreis aus dem es keinen Ausweg mehr zu geben scheint, wenn wir nicht die Fenster aufreißen, die Türen, die Tore wieder aufbrechen und mit Mut das Leben neu beherrschen und nicht von der Furcht beherrschen lassen, dann sterben wir aus und haben es auch nicht anders verdient.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.