von Thomas Günter

Liebes Tagebuch, nun ist es ja so, dass die vergangene Woche ganz im Zeichen der Krankenpflege stand. Jedes Schnaufen, jedes Säuseln, jeder Blick und jede Bewegung des Köters unterlagen meiner, und meiner Frau, der besten Ehefrau von allen (auch nach 30 Jahren Wiedervereinigung kann dass an dieser Stelle nicht ausgelassen werden), argwöhnischen Beobachtung.
Die Streamingdienste sind leergesaugt, kaum ein Film, eine Serie oder eine Dokumentation, die ich nicht zum x-ten Male angeschaut habe. Wobei ich zugeben muss, dass ein bewusstes Sehen in diesem Fall nicht möglich war. Ja im Gegenteil, manches Mal zeigte sich der fokussierte Verstand in einem Maß erstaunt, welch hirnerweichender Krempel da gerade über das portable Flachbildsendeundempfangsgerät flimmert, das normalerweise nur die Verwunderung über ideologische Verknotung der haarlosen Primaten oder die Ankunft einer außerirdischen Invasionsflotte aus dem Innern der flachen, hohlen Erde hervorriefe.
Lesen, außer auf dem Bummensdinngenswische, zum Erfahren der neuesten Horrormeldungen, erschien nicht möglich. Kein Buch fand den Weg in meine Hand, keine Abhandlung über die Wirren der Zivilisation, welch vermessenes Wort für eine Bagage umhertaumelnder Zweibeiner, die meinen, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben, kein Werk über die Geheimnisse des Universums, keine Abhandlung über das Wesen des Homo stultus im Besonderen wurde meinerseits mit Beachtung bedacht.
Es schien nicht möglich.
Die Konzentration war fort, wie ein Herbstblatt im Wind.
Das Denken eingeschränkt, limitiert, sich nur um die eine Sache drehend, nicht fähig, rechts oder links, hinten oder vorne über den Tellerrand zu blicken.
So muss sich die breite Masse der Moralisten fühlen, die für sich den festen Glauben, dass sie die Guten sein, in Anspruch nehmen.
Eine erschreckende Vorstellung.
Non vitam, sed scuolam discimus, nicht für das Leben, für die Schule lernen wir. So lautet das Originalzitat des Seneca, dem Berater des Kaisers Nero. Die Älteren unter der Hörer- sowie der Leserschaft, ist das auch genderneutral, ich weiß es nicht, haben in diesem Fall sicher Peter Ustinov, als besagtem Fürsten, vor Augen, der mit der Lyra vor dem brennenden Rom seine Ode intoniert.
Dennoch, das Wissen, das in der Schule vermittelt wird, all die Gedichte, die Jahreszahlen, der Unfug in Mathematik, die Tatsache, dass Strom nicht nur in der Wand, direkt hinter der Steckdose produziert wird, das Auswendiglernen der Noten in Mozart’s »Kleiner Nachtmusik« bereiten uns in keiner Weise darauf vor, wie das eigentliche Leben so spielt. Es dient nur dafür, halbwegs ordentliche Zensuren nach Hause zu bringen, um hernach eine adäquate Ausbildung an einem weiterführenden, höheren Lehrinstitut oder überhaupt einen Ausbildungsplatz, zu erhalten, auf das man/frau/er/sie/es/sie (viele) danach ein bereitwillig spendender Konsument werde.
Da vernehme ich bereits die Mahner im Hintergrund, die mit weit ausgestreckten Zeigefinger und moralinsaurer Miene zu einem Empörungssturm aufbrechen.
Doch denen werfe ich voller Inbrunst entgegen, dass eine Allgemeinbildung leider nicht mehr vermittelt wird, sondern nur noch partikuläres Fachwissen, meist gepaart mit ideologischer Färbung und in die sowieso nicht aufnahmefähigen Schädel der Schülerschaft gehämmert wird.
Wenn ich mir, exemplarisch herausgegriffen, aufgrund der eigenen Präferenz, vor Augen führe, dass diejenigen der Lernenden, denen es vergönnt war, mit Latein als erster Fremdsprache einen ersten Schritt in eine größere Welt vollziehen zu dürfen, erst zum Abitur, der Matura, dem Abschluss der schulischen Karriere, die ersten Sätze des Urvaters der politischen Agitation: Gallia est omnis divisa in partes tres, dem Bello Gallico, dem gallischen Krieg des Göttlichen, des Einen, dem Julius Cäsar, der später dann endlich, nachdem Asterix und seine Mitbewohner die Herrschaft über das Imperium Romanum übernommen hatten, Rosen züchten darf und sein Altenteil mit Kleopatra, sie hat wirklich eine schöne Nase, verbringt, vorgesetzt bekommen, dann graut mir vor der Zukunft.
Ja, ich bin so frei, als Autor, Privattier, Gießer gezielter Gedanken, hier so einfach Fiktion und nicht belegte Historie in einen Topf zu werfen.
Sei’s drum, wenigstens weiß ich noch um solche Dinge. Und nebenbei, wir haben dieses Werk schon in der Quarta gelesen.
Ich stelle nicht die haltlose Vermutung auf, dass wir damals klüger gewesen sein, im Gegenteil, wir waren gegen Alles, dazu noch ziemlich blöd, ignorant, die letzten der 68er, auch wenn das vermessen klingt, in unsere Zeit vielen die ersten »Atomkraft nein Danke« Demos, der Terror der RAF, der Kalte Krieg und die ständige Angst vor der Atomaren Apokalypse. Wir waren diejenigen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben! Wir haben wider Erwarten überlebt.
Wir durften in unserem Denken freier sein, kein Dogmatismus, keine Ideologie beschränkte den Flug des Geistes.
Als alter weißer Mann bin ich natürlich ein ewig Gestriger. Ein Konservativer, Schuldiger an der Misere der Welt, Verursacher des Leids vor 200 Jahren und trage deswegen auch eine Erbschuld für die Völkerwanderung, den spanischen Investiturstreit, die Erfindung des Alfred Nobel, das nordafrikanische Fürstentum der Vandalen und den griechischen Bruderkrieg, der uns von Herodot und Thukydides analytisch überliefert ist, in mir, auf meiner Seele, den Schultern und um mich herum.
Und bestimmt ist Lysistrata deswegen genderonistikalisch zu verurteilen, da es von ’nem Kerl, nämlich Aristophanes, verfasst wurde und nicht von Sappho.
Genug angegeben.
Es geht auch in erster Linie um diesen Level, egal in welchen Bereichen, das heute nicht mehr erreicht wird, erreicht werden soll, da aufgrund der gewollten Egalisierung im Denken, in der Bildung und der Wahrnehmung der Gesellschaft, mathematisch gesprochen, der kleineste gemeinsame Nenner zum Diktum und zum Dogma erklärt wird.
Jede Überlegung darüber hinaus ist suspekt, da sie den allgemeinen identitären Blasen unheimlich ist, bedeutete sie doch, dass da möglicherweise noch mehr sein könnte, als mit dem S U V von Mama oder Papa zur Demonstration gefahren zu werden, vor allem Fremden und Neuen nur Furcht zu empfinden, in einem ewigen Weltuntergangsszenario zu vegetieren und ansonsten auf den asozialen Netzwerken um Zustimmung zu betteln und sich gleichzeitig zu empören.
Und doch, ich will kein Heilsbringer sein, nicht einer Partei als Einpeitscher voranstehen, nicht missionieren oder belehren, nur ein wenig Wissen teilen und vielleicht die eine oder andere Seele zum Nachdenken verleiten, bleibt mir dem Privattier, Autoren, Verfasser verwirrender Verflechtungen, nicht viel über, als mit der Töle, aufgrund heftigster Proteste von Seiten der ungarischen Paprika, natürlich muss es »den Tölen« heißen, meine Wanderungen durch die Hauptstadt zu unternehmen, zu hoffen, dass der Italolappen bald genesen sein wird, mich über die merkwürdigen Begehren der Übrigen zu wundern und allenthalben meine Verwunderung, und ja ich geb es unumwunden zu, hie und da auch mit einer Spur Verärgerung, die mir als stillem Beobachter von außen gar nicht gut zu Gesichte stehen mag, zum Ausdruck zu bringen.
Natürlich immer schön verwoben und verklausuliert.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.