von Thomas Günter

Es ist ja nun Mal so, liebes Tagebuch, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben sollte und damit auch die Haut des Wildschweins nicht verkaufen kann, bevor es nicht gefangen genommen wurde. Anders ausgedrückt, die Zukunftswetten, mit denen die internationalen Börsen so den Geldpreis bald nach unten, bald nach oben wenden, stellen im Grunde nichts anderes als einen globalen Beitrag zur allgemeinen Roulettementalität der infantil gelangweilten Gesellschaft dar.
Doch auch besonders im Privaten stellt diese kleine, so banale Weisheit, leider Gottes eine unumstößliche Wahrheit dar.
Da denkt man sich nichts Böses, hofft das Beste, schon entgleitet der ohnehin bedrohliche Gesundheitszustand des Köters und Italolappen in Personalunion, in ganz erheblichem Maß.
Durchwachte Nächte, angstvolles Bangen und Warten, Nikotin-und Koffeinabusus in bisher ungekanntem Ausmaß bestimmten in den vergangenen Tagen das Leben unseres kleinen Rudels.
Würde der Ablauf der letzten Woche als herzzerreißendes Melodram, als Hollywoodkitsch verfilmt werden, wäre die zurecht geäußerte Kritik eines jeden Rezensenten, dass die Darstellung viel zu übertreiben sei.
Doch das Leben schreibt nun mal seine eigenen Geschichten.
Da bemerke ich voller Entsetzen und Verwunderung, dass die heute von mir gewählte Eingangsformulierung, der die Geschichte in knappen Bildern umreißende Vorspann, die Einleitung in kurzen Worten, das orthographische Bonmot zu Beginn dieser Auslassung, bisher kaum zutreffen mag, denn meine Umschreibungen fallen bemerkenswert knapp aus.
Sei’s drum, es kommen wieder bessere Stunden, an denen das Verwirrungspotential ausgeprägter sein mag.
Nun wäre es mir, dem Autoren, Privattier, dem Schweißer schwerer Schwafeleien, ein Leichtes, ganze medizinische Bibliotheken zu repetieren, um all die Komplikationen aufzuzeigen, die die Frechheit besaßen, aufzutreten, doch hab ich dazu einfach keine Lust.
Es reicht, zu betonen, dass die Töle ziemlich weit vorne auf der Schippe saß, aber nun, dem Veterinär, eigentlich warn’s mehrere, sei hiermit höchster Dank gezollt, in erster Linie der Lagerkoller das vordergründigste Problem der Töle darstellt.
Auch und besonders mein Weib, meine geliebte Ehefrau, der besten Ehefrau von Allen (dies nur ein Hinweis, falls Sie es vergessen haben sollten, was in einer solchen Zeit, wie wir, also alle haarlosen Primaten, gerade erleben dürfen, dennoch nicht verständlich ist), die des Nächtens, die Fellnase neigt dazu, sie aus dem Schlaf zu reißen, wenn Morpheus Herrschaft die Oberhand hat, weil Darm und Blase ihr unumwundenes Recht einfordern, durch die stillen Gassen und dunklen Wege der Hauptstadt wandelt, leidet entsprechend an ausgeprägtem Schlafmangel.
Ha, endlich eine würdige Abfolge ineinander verschachtelter Aussagen, die den Lesenden, aber auch die Hörende ausreichend in Unsicherheit wiegt.
So sitz, in dem Moment, da ich diese Zeilen ins Netz der Dinge presse, sei die Vergangenheitsform die passendere, so saß ich denn auch an diesem Morgen, es mögen bereits mehrere Tassen Kaffe geflossen sein, hurtig die Zeilen im Dingenswischebummens des deutschsprachigen Blätterwaldes durchstöbernd, an der Tafel in der großen Halle, bemüht die wichtigsten Meldungen der dunklen Stunden, der Zeit, in der Helios, später dann Apollon, ja der Bruder der Artemis, den Sonnenwagen aufpolieren, bevor er erneut leuchtend über das Firmament rauscht und unser Leben zu erhellen sucht, zu erfassen und einzuordnen.
Immer hoffend, dass das Koffein, gleich einem Urknall, das Schlagen des Hohlmuskels, der dies zähflüssige, rote Blubberwasser, das das bevorzugte Nahrungsmittel des gewöhnlichen Vampirs darstellt, durch den Körper, den verfallenden Alabasterkadaver, pumpt, endlich starten möge, um wenigstens eine Illusion der Existenz zu initiieren.
Na bitte, geht ja doch.
Eine Nachricht sprang dabei heraus, stach hervor und drängte den übrigen Nonsens in den Hintergrund. Der amerikanische Präsident hat sich nun ebenfalls infiziert. Das das Gros der Schreiberlinge ihm mindestens einen Verlauf wie bei der Antonionischen Pest an den Hals wünscht, ist dabei nebensächlich. Das sorgenvoll berichtet wird, nun sei ein bedrohliches Machtvakuum entstanden, das kaum ausfüllbar sei, stellt ein gefährliches Wunschdenken dar, die Hoffnung auf möglichst viele Katastrophen, auf das die Auflagen der Nachrichtenblätter und Wochenmagazine in nie gekannte Höhen steigen mögen.
Die Tatsache, dass er seit nun mehr als 17 Stunden keinen 280 Unicode Zeichen langen Text in die Welt geblökt hat, will wichtiger erscheinen, als die gesellschaftliche Erosionen, die seit einem halben Jahr wie eine Feuersbrunst um den Planeten rauschen, als die Verschmutzung der Meere, oder die unbotmäßige Privatisierung des Wassers.
Mir aber, dem Autoren, dem Privattier, dem Kreator kläglicher Kakophonien, entrangen vor allem die Mitteilungen der Gazetten vom südwestlichen Nachbarn, dem Land der Gemütlichkeit und des Schweizer Käses ein amüsiertes Lächeln. Sie heißen in der unnachahmlichen Beschaulichkeit, dass eben dieser Mann ins Spital eingeliefert worden sei. An sich nichts weltbewegendes, also die Diktion für sich alleine, doch für uns Bundesdeutsche ungewöhnlich. Heißt doch die Bude, in die wir unsere Siechenden verfrachten, landläufig Krankenhaus. Obwohl hier auch in großem Maß auf den Wochenstationen das Leben zelebriert wird, beherrscht die Vorstellung, dass ausschließlich die dem Tode geweihten hier ihr letztes Stündlein fristen, unsere Diktion.
Spital klingt in meinen Ohren mehr nach Sanatorium. Nach Berg- vielleicht auch Seeluft. Nach gepflegtem Rasen, stillen Parks und lauschigen Orten, an denen sich Zugeneigte heimlich treffen, um verbale Liebkosungen auszutauschen. Wir wollen doch immer schön gesittet bleiben.
Damit wären wir auch schon, nach kurzem Exkurs zu Köter und Vampir (Sie haben’s schon wieder vergessen, deswegen die Erinnerung) beim Anfang. Thomas Mann’s: Der Zauberberg, fällt mir hier ein. Ein Ort in dem die Haute Volaute, die Hautevolee, sich ein Stelldichein gibt. Ein Platz, um dem Müßiggang zu frönen und sinnfreie Gespräche über die gesellschaftliche Transformation zu führen. Ein Anwesen, in dem die Schönen, die Reichen und die Wichtigen noch weiter den Bezug zur Realität verlieren. Mehr ein medizinisches Clubhotel, in dem man/frau/er/sie/es/sie(viele) unter sich sind, Bäumchen wechsle dich spielen und die Langeweile mit allerlei Firlefanz zu vertreiben suchen. Ein Platz an dem der Wahnsinn, mit dem der Gemeinsterbliche sich tagtäglich herumärgern muss, keine Bedeutung hat, da hier dem Irrsinn erfolgreich entflohen werden darf.
Stellt dies doch auch meine Einstellung gegenüber dem deutschesten aller Schriftsteller dar, der ein ganzes Buch benötigt um die einfache Aussage: Ein alter Pefferkopf nippelt am vereiterten Weisheitszahn ab und die nachfolgenden Generationen verprassen sein Vermögen und zerstreiten sich dabei, zu treffen.
Wie viel Leid würde den Schülern erspart werden, wenn dem endlich nicht mehr die Bedeutung beigemessen wird, die seitdem für die Volksseele daraus gelesen wird.
By the way, wie der großstädtische Hipster sich ausdrückt, die diversen Verfilmungen verringern das Dilemma in keiner Weise.
Zurück zum US Präsi, selbst Verschwörungen, sein Zustand sei nur fingiert, machen schon die Runde. Schließlich seien auch der Brasilianer, kein Fußballer, und der Engländer, selbstredend sind auch hier die Landesväter gemeint, gestärkt aus dem Kampf gegen die Pest, ach ne, ist es ja gar nicht, wieder gekommen.
Die Zukunft wird es zeigen, natürlich kann man auch darauf wetten, und bestimmt hat hinterher irgendwer, irgendwo wieder einen ganzen Batzen mehr Moneten.
Mir geht es aber in erster Linie darum, dass mein Köter bald wieder vergnügt wie ein Welpe durch die Weltgeschichte springen kann.

In diesem Sinne. Schönen guten Abend.