von Thomas Günter

Um das Zitat des unsterblichen Vico von Bülow ein kleines Bisschen abzuwandeln, wenn Sie mir diese Freiheit verzeihen möchten. Im Voraus vielen Dank dafür.
Nun, liebes, ist es, Tagebuch, ja so, dass mein Tagesablauf, der Tagesablauf des Privattieres, Autoren, dem Makler mäkliger Makulatur, einer kontinuierlichen Abfolge sich wiederholender Handlungen folgt, die zwar dem eigenen Rhythmus gehorchen dürfen, aber dennoch ein sich ständig wiederholender Quell der immer gleichen Vorgänge, Wege und Aktivitäten beinhalten.
Es beginnt mit dem, in aller Regel recht unwahrscheinlichen Aufwachen des Morgens, unmittelbar gefolgt von der ersten Abususwelle von belebendem Koffein, das direkt in die linke Herzkammer geschüttet wird, gleich einer Starterbatterie, um in irgendeiner Form eine verschrobene Art des Lebens zu simulieren. Darauf folgt, aufgrund ausufernder Faulheit mir den Blätterwald am nahegelegenen Kiosk zu besorgen, das Studium der gängigsten Gazetten im Wischedingensbummens, um den Anschein von Interesse am Weltgeschehen zu erwecken.
Hernach werden die Köter in den Familienzerknalltreibling verfrachtet und im dafür freigegebenen borealen Geviert zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung und der Entleerung des Gedärms und der Blasen für etwa 90 Minuten ohne Unterlass bewegt.
Nach der glücklichen Heimkehr erfolgt die regelmäßig stattfindende Raubtierfütterung und dann, ja dann kann ich mich endlich meinen Studien oder dem Verfassen kleiner kurioser Kabbeleien hingeben. Zumindest so lange, bis der Stoffwechsel der Tölen so weit gediehen ist, dass sie, strampelnd wie eine Kindergartenmeute mit defekten Klosetts, vor mir erscheinen und ihr Recht, meine Pflicht, einfordern, erneut in den Wald gefahren zu werden.
Dann, bei der Wanderung zurück in die familiäre Trutzburg, wird noch der Einkauf der lebensnotwendigen Energieträger für den Eigenbedarf im örtlichen Einkaufsladen käuflich abgehandelt.
So sieht der gewöhnliche Tagesablauf des Privattiers, mir, dem Schaffer schöner Scharaden, dem Autor, dem Lauf der Jahreszeiten und der Gestirne folgend, aus.
Derweil mein geliebtes Weib, die beste Ehefrau von allen (hierbei handelt es sich keinesfalls um einen eingeschobenen Werbeblock), sich im Home Office oder den hochöffiziösen Räumen des Arbeitgebers, mit ihrem Tagwerk herumschlagen darf, muss, soll, vielleicht auch will, meistens aber aus preußischem Pflichtgefühl heraus beschäftigt.
Und nun dies, mein ganzer Plan, ist durcheinander.
Die ganze Routine scheint über den Haufen geworfen, der sorgfältig austarierte Plan zum Auffüllen der wenigen Stunden Licht in einem ausbalancierten 24 Stundenturnus, genannt Tag, ist aus dem Gleichgewicht, die Ausgewogenheit zwischen körperlicher Lustbarkeit und Ertüchtigung im Walde, auch als Abschnitt, um über all den Wahnsinn in der Welt nachzusinnen, und der gram gebeugten Haltung beim Schreiben, des aufrecht durchgestreckten Torsos beim Einsprechen meiner niedergelegten Gedankenwelten, ist verschoben, schief gewickelt und in Unordnung gebracht.
Und das alles nur aus Sorge um den kleinen Italolappen. Schließlich wandelt er zuweilen recht blauäugig unter dem blauen Himmel und den Wölkchen, die so harmlos darüber hinweg ziehen.
So begab es sich zu einer Zeit, dass von Kaiser Augustus ein Gebot ausging, auf dass alle Welt …, ne, Entschuldigung, falsche Baustelle.
So begab es sich vor ziemlich genau drei Jahren, dass dem kleinen Kerl die Wampe aufgeknackt werden musste, um Anteile eines Tennisballs, den er aus purer Lebensfreude meinte, verschlucken zu müssen, operativ wieder zu entfernen.
Ein zugegebenermaßen durchaus lebensbedrohlicher Eingriff, muss doch in einem solchen Fall das Gedärm geschlitzt und ausgeräumt werden.
Und gestern, nachdem bereits seit einigen Tagen das Gefühl, dass mit der Fellnase irgendetwas nicht stimmte, vorherrschte, bestätigte sich das zuvor Gefühlte zur Gewissheit.
Irgendwo hatte sich, gleich einem Trupp Guerillakämpen mit boshaft hinterhältigen Absichten, ein weiterer Part des dereinst hinuntergewürgten Kautschukinnenlebens einer Filzkugel, deren einziger Zweck darin bestehen mag, dass überkandidelte Ahnungslose im Frühsommer, kurz vor den Toren Londons, Erdbeeren zu einem Wucherpreis in sich hineinschlingen und dabei zwei Multimillionären zuschauen, wie sie sich gegenseitig eben diesen Ball um die Ohren dreschen, verborgen und nun seinen Weg in den Darm gefunden.
Aus diesem nervenaufreibenden Grund wurde ein weiterer, an einen kurz vor dem dramatischen Ende erinnernden abgebrochenen Seppuku, wenn auch in diesem speziellen Fall längs der Körperachse ausgeführt und nicht quer, Eingriff notwendig.
Der Hund ist also malat, der Dosenöffner ebenso, verhindert doch eine solche Maßnahme bei einem geliebten Familienmitglied, und als solche sehen wir unsere Begleiter nun mal an, ohne dabei in übertriebene Affenliebe zu verfallen, einen erholsamen Schlaf ganz erheblich, und der ansonsten übermäßige Bewegungsdrang, den er an den Tag legt, ist massiv unterbunden.
Ein kurzer Gang um den Block, ein kleines Schälchen mit pürierten Huhn, das wars, schon verfällt er wieder in heilenden Schlaf. Mir aber, dem Autoren, Privattier, Gründer gewaltiger Geschichten, kommt dadurch und damit ein Luxus zugute, mit dem ich im ersten Augenblick gar nichts anzufangen weiß. Da ich doch, ebenso wie im zuvor so ungeliebten Leben, dennoch eine rigide Unterteilung des Ziffernblattes auf der Uhr ausarbeiten konnte. Und nun dies, Zeit, wenn auch nicht in Hülle und Fülle, doch ein erhebliches Mehr davon, steht meinem bescheidenen Denken und Handeln mit einem Mal zu Verfügung. Die täglichen motorisierten Kutschfahrten ins Boreale fallen weg, der Zeitaufwand zur Entleerung der Biogas-, Düngerproduktions- und metallzersetzenden Nierenflüssigkeitsspeichereinheiten reduziert sich somit, wenn auch zum Glück für einen eng umrissenen Zeitrahmen, auf ein absolutes Minimum.
Somit erhalte ich, um in eine fiskalische Diktion zu verfallen, brutto annähernd vier Stunden mehr am Tag, die ich erst einmal sinnvoll füllen muss.
Das stellt sich als gar nicht so ohne weiteres bewerkstelligbar heraus. Die ersten paar 60 Minutenansammlungen wanderte ich eher wie ein sibirischer Tiger im Zoo hinter der Absperrung hin und her und wusste, ich will es hier unumwunden und ganz ehrlich zugeben, nichts mit mir anzufangen, außer diversen entfernten Bekannten fernmündlich deren Zeit mit hanebüchenen Geschichten zu rauben.
Auch ein eingeschobener Besuch beim in der Nähe befindlichen Versorger der energiespendenden Nikotinflüssigkeit des Verdampfers erwies sich als ausnehmend fruchtlos, denn das kleine Lädchen wirkte dergestalt, dass hier der Rest der Welt mit Brettern vernagelt sei, umgangssprachlich auch gerne mit »geschlossen« tituliert.
Und dann die andauernden selbstgewählten Unterbrechungen, die einzig und allein aus der Tatsache heraus resultieren, dass ich im halbstunden Turnus auf leisen Sohlen zur Schlafstatt des Caniden schleiche, um einen Kontrollblick zu riskieren, ob er noch schnauft und auch ansonsten, den Umständen entsprechend, in einem akzeptablen Zustand sein Leben fristet.
Aber ganz ehrlich, so unter uns Betschwestern, lieber weiß ich nichts mit mir anzufangen, als dass der Tag in hektisch unschöne Betriebsamkeit ausartet, die aus einer Verschlechterung der gesundheitlichen Umstände diverser Rudelanteile resultiert.
Außerdem existieren da ja noch die diversen Zeiträuber mit ihrem umfangreichen Film- und Serienangebot, die gerade für einen solchen Moment recht akzeptabel daherstreamen.

In diesem Sinne.
Schönen guten Abend.