von Thomas Günter

Tagebuch es ja so liebes nun ist. Dies stellt nur eine kurze schriftliche Wissenkontrolle dar und hat keinerlei Einfluss auf die Zensuren auf dem Halbjahreszeugnis. Schließlich sollen Sie ja nicht abschlaffen, bemitleidenswerter Hörender und Sehenderinenninen.
Folgender kleiner Gedankengang trieb mich am heutigen Vormittag, als es mir vergönnt war, den Zerknalltreibling durch die überfüllten und verstopften Straßen der Hauptstadt zu bewegen, um die frisch erlegte Beute in einen großen kubischen Plastikzuber zu deponieren, auf das die Köter auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.
Während ich also so in meiner Insel der Einsamkeit, den Dampfer freudig aussaugend, wenn schon kein Koffein beim Lenken des Fahrzeugs, dann wenigstens Nikotin, um das Minimum an Lebenserhaltung zu bewahren, hockend darauf wartete, dass sich wenigstens irgendeiner der übrigen Verkehrsteilnehmer in ihren überdimensionierten, für diese Situation vor allem aber hoffnungslos übermotorisierten Fahrzeuge, ein winziges Bisschen weiterbewegen würde, um wenigstens den Anschein von Verkehrsfluss aufrecht zu halten, betrachtete ich ab einem bestimmten Zeitpunkt sowohl die Insassen, wie auch die Grundsätzlichkeit der Ausmaße der mich umringenden Fahrzeuge.
Ich muss zugeben, dass ich bisher dem Narrativ gar zu gerne folgte, dass sich in folgender Formel ausdrücken lässt: Nichtvorhandene Fortpflanzungsfähigkeit x absolute Selbstüberschätzung = Riesenkarre. Gerne in Kombination mit jugendlichem Wahn.
Doch ich gebe gerne zu, dass ich einen weiteren, sehr viel wichtigeren Aspekt dabei übersehen zu haben scheine.
Dazu, sehen Sie es mir bitte nach, schließlich kommt das nun wirklich nicht all zu häufig vor, schon gar nicht in einer längeren grammatikalisch fragwürdigen Satzkonstruktion, muss ich ein wenig ausholen.
Wir gehen also einige Schritte in der Geschichte der Menschheit zurück, so etwa dem Analogon des Fünfuhrnachmittagstees am Vortag in der Spanne der Zivilisation, seit der Zeitenwende.
In eine Zeit, als besonders das Prekariat von Seiten der Landes- oder Industriefürsten dergestalt beschäftigt wurde, wenn sie nicht unter unmenschlichen Bedingungen in den Fabriken werkelten, dass sie als Dienerschaft, Lakaien und Domestiken in den Herrenhäusern, den Schlössern und ausgiebigen Wohnsitzen herumlungerten, meist im Livree und mit gepuderter Perücke und als einzige Aufgabe neben den Türen oder im Portikus zu warten hatten, ob jemand der hohen Herrschaft hindurch wolle.
Ich stelle hier in keiner Weise die Personen, die auf diese Weise ihr Auskommen fanden, in Frage, nur die Tätigkeit, die sie ausübten. Denn der eigentliche Sinn, der dem Herumstehen innewohnte, lag darin begraben, das Selbstwertgefühl des Anstellenden in ungeahnte Höhe zu hieven, da er durch die pure Anwesenheit so vieler Untergebener, die auch noch willfährig bei jedem Erscheinen buckelten, die eigene Existenz als wichtig empfinden konnte. Aber auch um gegenüber mehr oder minder Gleichrangigen wie eine Tüte Mücken angeben zu können, wie viel sinnlos Beschäftigte er in der Lage ist zu unterhalten, also nicht als Komiker, sondern ausschließlich pekuniär.
Doch solche Arbeitsstellen werden heutigentags, bleiben wir bei der oben begonnen Zeitrechnung, also nicht der der Sternenflotte, sondern natürlich der zivilisatorischen, am späten Vormittag, so kurz vor dem zweiten Frühstück oder einer extrem frühen Mittagspause, nicht mehr geduldet. Besonders von Seiten einer bestimmten politischen Kolorierung, darf man das eigentlich noch sagen, die zwar für sich selber das Recht auf Au-pair und vergleichbare Hilfskräfte, gerne auch aus dem ehemaligen Ostblock zur Versorgung der nervenden Schwiegermutter, postulieren, aber jedem anderen diese, unter fragwürdigen Hinweisen auf Verletzung der Selbstentfaltung, absprechen.
Dazu gesellt sich der Umstand, dass die Beschäftigung eines Domestiken, also eines privaten Angestellten, und sei es ein notwendiger Sekretär zur Erledigung des Schriftverkehrs, der aufläuft, und den selber zu erledigen die Zeit oft nicht ausreicht, da man sich zu lange Zeit am 19. Loch bei Häppchen und Champagner verquatscht hatte, von einer unglaublichen Menge an Nebenkosten begleitet ist. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für Institutionen gierig die Hand aufhalten, lange bevor die erste Stunde Arbeit geleistet ist.
Meist sind es solche Anstalten, die sich ansonsten dadurch hervortun, dass immer neue Verwaltungsakte ersonnen werden, um die eigene Existenz zu rechtfertigen. Gerne wird dabei mehr als 40% der Arbeitszeit dazu verwendet, die Formulare auszufüllen, die ersonnen wurden die Effizienz zu eruieren, die benötigt wird, um in den 40% Arbeitszeit effizient abgeleistet werden zu können, um das Ausfüllen der Effizienzerfassungformulare über 40% der Arbeitszeit auszufüllen.
Ich weiß, das schmerzt, das erzeugt einen Knoten in den Windungen des wunden Gehirns, das Schlimme ist, die Prozentzahl ist korrekt und nimmt eher noch zu. Gleichzeitig werden diese Erfassungen, für die vor allem das Controlling zuständig ist, dafür benutzt, diejenigen, die tatsächlich ein nützliches Produkt erstellen, oder einen echten Dienst am Mitmenschen leisten, über diesen Erfassungswahn weiter eingeschränkt werden, um sie irgendwann komplett zum Ziele der Gewinnmaximierung wegzurationalisieren.
Aber das ist eigentlich nebensächlich, Hausangestellte werden in unserer Zeit nicht mehr, oder nur noch in sehr geringem Umfang beschäftigt.
Wie also zur Schau stellen, dass man sich in der eigenen bescheidenen Gedankenwelt für besser halten kann, als der neben einem im Stau Stehende? Da besonders dies verkehrstechnische Phänomen doch den Kurierfahrer mit dem höchsten Würdenträger eines Staates gemein macht. Schließlich gibt es kein Vor, kein Zurück, denn der einzige Ausweg wäre der in die Höhe und besonders in der Hauptstadt durch den vielfältigen Baumwuchs an jeder Straße, jeder Gasse, jedem Weg, ist die Landung eines Helikopters nicht durchführbar.
Schade aber auch.
Da bleibt, in Ermanglung eines livrierten Domestiken, nur noch die Möglichkeit, ein möglichst protziges, in aller Regel für den allgemeinen Gebrauch vollkommen ungeeignetes Fahrzeug, die Maße sind viel zu überbordend, um auch nur näherungsweise einen der begehrten Parkplätze zu erhaschen, die Lippen der Ehefrau viel zu aufgeplustert, um noch über das Steuerrad blicken zu können und die eigene Wohlstandsplautze, trotz der mehrmaligen Absaugung des gelblich zähflüssigen Breis in einer abgeschiedenen Manufaktur für sinnlose Körperschnitzereien, schon wieder so ausufernd, dass kaum noch Raum zum Luftholen ist. Beides stellt auch nur eine Varianz der fehlenden Dienerschaft dar. Und erst das Problem, wenn die lieben Nachkommen, die verzogene Brut mit diesem Vehikel zum freitäglichen Wünschekrähen chauffiert werden muss, erst da erkennt man/frau/er/sie/es/sie(viele), dass man leider nicht allein auf weiter Flur auf diese Weise sein Leben in die Öffentlichkeit trägt, sondern dass dem schaurigen Rest derselbe Exhibitionismus des protzigen Lebensstiles zu eigen ist.
Daraus die richtigen gesellschaftlichen Schlüsse zu ziehen, überlass ich in diesem Falle Ihnen, sonst artete dieser kurze Text noch in ein revolutionäres Manifest aus, und mir liegt doch mehr am Herzen, die Leserschaft durch Nachdenken dazu zu führen, mich auf meinem Weg zur Weltherr …, vergessen sie das letzte, also das mit der Weltherrschaft, einfach wieder.
Denken sie einfach über das Gelesene oder Gehörte nach, überlegen dabei für sich, wie viel Zeit sie tatsächlich mit der Selbstbeurteilung der eigenen Arbeitszeit verbringen müssen, wie viele sinnfreie Formulare sie ausfüllen, während sie doch eigentlich anderes zu tun hätten, und ob diese Form der Beschäftigungsbeschaffung in der Verwaltung nicht doch in erheblichem Maß an die behauptete Vollbeschäftigung des real existierenden Sozialismus in den ehemaligen Sowjetrepubliken und der Bruderstaaten erinnert.

Schönen guten Abend.