von Thomas Günter

Mit welcher Unverfrorenheit nehme ich mir eigentlich die Frechheit heraus, über das Leben zu schreiben?
Im Grunde habe ich doch nichts erlebt.
Ich kämpfte in keinem Krieg. Zum Glück, denn der Lärm der donnernden und schießenden Kanonen hätte ernsthaft meine Laune noch weiter verdorben.
Bisher war ich nicht den katastrophalen Auswirkungen eines Kataklysmus ausgesetzt, der entsteht, wenn unsere Heimat, die Erde, unter besorgniserregenden Blähungen leidet.
Ob meine kleinen Gedanken und halbherzigen Analysen richtig sein werden, wird erst die ferne Zukunft zeigen können. So in 100 Jahren vielleicht.
Möglicherweise werden aber auch bereits die Enkelkinder sagen müssen: Als Opa war er ganz OK, auch wenn er mit Videospielen nie zurechtkam, aber was er so schrieb …, ich möchte nicht in eine Kontakt- oder Erbschuld getrieben werden.
Meist habe ich die Welt da draußen in all ihrem Irrwitz, dem Wahnhaften, dem Getriebnen und der unermesslichen Gier nur ex Kathedra kennengelernt. Abgesehen von den dreieinhalb Dezennien, in denen ich Handlungen ausführen musste, die wider meinem Fühlen und Denken standen, habe ich keine weiteren Erfahrungen sammeln wollen.

Was soll’s

117% der Menschheit, zumindest in den westlichen Industrienationen, ergeht und erging es doch genauso.
Aber darf ich mich als alter weiser Mann überhaupt noch äußern?
Habe ich nicht jedwedes Recht verwirkt, eine Meinung zu besitzen, auf Grund der Tatsache, dass die Geschicke der Welt in erheblichem Maß von meinen Vorfahren, wenn auch nicht deren genealogischer Abfolge, bestimmt worden ist?
Wenn es nach der Generation »Z« ginge, dann wäre dem mit absoluter Sicherheit so. Am besten verschwänden wir, Mütter und Großmütter, Väter und Großväter, sang und klanglos, so als hätten wir niemals existiert, und nähmen gleich noch die gesamte Gedankenwelt der vergangenen 2500 Jahre mit uns. Ich habe kein Verlangen, von dem Paradoxon zu berichten, das sich daraus ergäbe.
Erst dann könnte das Kuddelmuddel aus unreflektiertem Wunschdenken, der künstlich erzeugten Frustration, dem ewigen Opfergedanken, wenn etwas nicht so verläuft wie gehofft, beziehungsweise gefordert, sich wie eine Feuersbrunst über die Oberfläche der blauen Perle im Universum verbreiten und jedwede Individualität hinfort brennen.
Aber meine inneren Dämonen, die eigenen kleinen Wünsche, die geringfügigen Begehren, die ich hege und die mich zuweilen quälen, befähigen die mich dazu, überhaupt einen Stift in die Hand zu nehmen? Beziehungsweise die Tastatur zu malträtieren, denn auch sie wird unterdrückt, durch die immerwährende Ungleichbehandlung der einzelnen Lettern, wie Sprache ohnehin eine einzige Diskriminierung darstellt, oder wie sonst wollen Sie die überdurchschnittliche Benutzung des Buchstaben »E« bezeichnen, gegenüber allen Übrigen des Alphabets, vor allem aber, durch die ungelenke Bedienung, der Tastatur, was denn sonst, meinerseits.
Wie darf ich von etwas Schreiben, das ich nur vom Denken, aber nicht von Angesicht her kenne?
Mir fällt in diesem Zusammenhang vor allem ein Schreiberling ein, dessen Geschichten nur durch das intensive Studium von Karten und Reiseberichten Dritter inspiriert war, und der erst mit dem Erfolg seiner Werke in die Lage versetzt war, all die Orte zu bereisen, die er zuvor so wundervoll beschrieben hatte. Das aber in hochherrschaftlicher Manier. Böser, alter, weiser Mann!
Dazu wird es bei mir aber nicht kommen, denn erstens sind meine längeren Geschichten, die ich in stiller Stunde, beim Gang hinter den Kötern, und der Kontrolle, dass sie, die Tölen, nicht allzu großen Unfug anrichten, meist in ferner Zukunft und fremden Welten angesiedelt sind, aber und das stellt den zweiten und entscheidenden Punkt dar, ich will meinen Elfenbeinturm gar nicht verlassen, sondern weiter von oben abschätzig auf die Taten der haarlosen Primaten hinabblicken, um meine Misanthropie zu hegen und zu pflegen.
Bietet sie doch Schutz vor den zerstörerischen Gedankenwelten der breiten Massen, die mich eigentlich zur Weltherrsch …, die ich doch eigentlich nur, gleich einem Entomologen mit dem Brennglas auf einen Ameisenstaat blickend, studieren möchte.
Mein geliebtes Eheweib, die beste Ehefrau von allen (ein Hinweis, der eigentlich nicht mehr von Nöten wäre), ist dennoch die klügere von uns beiden wundersamen Personen.
Wir leben in einer glücklichen heterosexuellen Beziehung mit streng verteilten Rollen. Sie lenkt und ich darf hübsch sein, zumindest für die fünf Minuten, wenn die einmal jährlich stattfindende rituelle Waschung meins alabasternen Kadavers vollzogen wurde und ich nicht als klägliche Parodie eines Hobbit, sondern ebenfalls als haarloser Primat erkennbar bin.
Und gerade aus diesem Grund hab ich nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, all das Wissen, dass ich die Gnade hatte, mir in meinem ereignislosen Leben aneignen zu können, für nachfolgende Generationen zu bewahren, wenn die political correctnes dazu geführt haben wird, durch das technische Analogon der verwerflichen Vernichtung von Wissen, dass sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und die Geschicke des Menschengeschlechts zieht, dass Vieles verschwunden ist.
Das Netz vergisst nie etwas, damit ist zwar auch die Entscheidung, was wirklich erinnernswert wäre, aufgehoben, doch der kleineste Funke kann ein Buschfeuer auslösen, auf das die Welt wieder in strahlendes Licht eintauche. So viel zur Pathetik, die mir eigentlich fremd ist. Sie dürfen meine zuweilen ausufernden syntaktischen Ausflüge, oder wie ein enger Freund es gerne formuliert, gegen mich sei Thomas Mann ein abgekackter Stenograf, nicht mit Pathos verwechseln, es stellt ausschließlich ein stilistisches Mittel dar, um den Hörer sowie den Leser im Versuch des Gedankenganges zu verwirren.
So äußere ich mich weiter, lese, führe die Fellnasen Gassi, banne den Augenblick durch die Verschlusszeit der Kamera für die relative Ewigkeit und wundere mich weiterhin, was der Homo stultus in seiner immer stärker werden Angst und Panik vor dem bisschen, dass er selber, in überbordender Großmannsucht, Leben nennt, so alles veranstaltet.

Schönen guten Abend.