von Thomas Günter

Will ich das wirklich? Eine Frage die sich mir, besonders in den letzten Wochen, einer Zeit in der die Menge und Heftigkeit ideologisch aufgeheizter Debatten, die vielfach jedweder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, explosionsartig in die Höhe schießen, immer wieder aufdrängt.
Das Bildungsbürgertum, Keimzelle der linksliberalen Bewegung, sich selber damit aber auch als größter Feind ansehend, stellt den Ausgangspunkt vieler dieser Debatten dar.
Gleichwohl sie von einer Minderheit initiiert werden, der aber, in einer aus sich selber heraus immer mehr an Fahrt aufnehmenden Blase, das meiste Gehör geschenkt wird.
Kommunist sein, muss man sich leisten können, hieß es bereits in den Tagen der Russischen Revolution, denn nur wer sich der Muße hingeben kann, sich keinerlei Gedanken über das Morgen machen zu müssen, ist auch in der Lage, über die mannigfaltigen Ungerechtigkeiten Dritter nachzusinnen. Dabei radikale Einschnitte zu ersinnen, die nur so lange wünschenswert erscheinen mögen, so lange sie die eigene Komfortzone nicht betreffen.

Auch das Privattier, der Autor, Urheber und Ersinnender

dieser kleinen Exkurse in sein ureigenstes Leben, begründet seine Herkunft vom unteren Rand dieser Gesellschaftsschicht. Geboren in einer Zeit, als Helden noch Helden waren, die Musik noch gut und die Autos noch Charakter und Individualität ausstrahlten.
Der dümmste Spross der Familie hatte Medizin zu studieren, und da ich der Einzige bin, oblag mir diese Aufgabe, bin ich nicht stolz drauf. Auf dem Abiturzeugnis sind noch das Große Latinum und das Große Graecum aufgeführt, bin ich sehr stolz drauf.
Und dennoch, trotz dieser Sozialisation, vielleicht auch gerade deswegen, sehe ich mich selber nun mal als Beobachter von außen, und möchte nicht in diese Diskussionen hineingezogen werden, denn sie ermüden mich auf das heftigste, da sie, wie oben bereits erwähnt, maßgeblich aus einem negativen Nichtwissen, manches Mal sogar aus einer gewählten Ignoranz der tatsächlichen Fakten heraus geboren sind.
Diese beide Faktoren verbinden sich oftmals mit einer neuerdings im totalitären Gewand einherschreitenden Ideologie. Ich habe keine Ideologie und bin damit den meisten sehr suspekt.

Trotzdem bezeichne ich mich nicht als Idiot,

hier bezugnehmend auf die eigentliche griechische Definition des Begriffs, der keinesfalls, wie es heute oftmals fälschlicherweise eingesetzt wird, ein mangelnder Geisteszustand innewohnt, sondern die Ignoranz gegenüber den Belangen des Staates und der Gesellschaft unterstellt wird.
Aber, und als solches definiere ich mich nun einmal selber, als Beobachter von außen eben, der Kopf schüttelnd über die Auswüchse und Veränderungen, die dieser Planet heutigentags erfahren muss, nachsinnt. Nicht der Planet, den interessiert es glücklicherweise nicht, was diese verhuschten Zweibeiner auf ihm veranstalten, sonst hätte er uns wahrscheinlich schon längst mit Hilfe einer eleganten Schüttelbewegung in die leeren Weiten des Universums gekippt, sondern die soziologischen Umbrüche der Gesellschaft beschäftigen mich.
Doch nur, weil ich mich von keiner der heute gängigen Ideologien einfangen lasse, heißt das nicht, dass ich keine Meinung hätte. Ich bin auch in der Lage, diese, meine Meinung eben, durch Erkenntnisgewinn, neu zu justieren und zu verändern. Das setzt aber voraus, dass man allen Quellen gegenüber offenbleibt und nicht dogmatisch in der eigenen Blase, wie eine Kaulquappe in der Suppe, schwimmt und nicht willens ist, den Blick über den Tellerrand zu richten.

Ich bin jetzt gerne bereit, mehrere 5 Mark Stücke in die Phrasenkasse zu transferieren.

Die heutige Empörungsgesellschaft, jederzeit bereit in einen überbordenden Sturm der Entrüstung zu verfallen, ergötzt sich, seitdem Ende des Kalten Krieges einer entsprechenden Reibungsfläche beraubt, wie die Gesellschaften des Mittelalters lieber an dem digitalen Analogon der Hexenverbrennung, als die eigenen kognitiven Fähigkeiten zu nutzen und somit alle verwendbaren Informationen in einen sinnvollen Kontext zu setzen.
Oder anders formuliert, wenn man gewillt erscheint, alles falsch verstehen zu wollen, dann gelingt das auch mit jedweder noch so unpolitischen Äußerung, besonders, wenn man in der Lage ist, jede gegenteilige Information, jedes Faktum, jedwede Evidenz zu ignorieren, das eigene erlangte Wissen komplett auszuschalten und nur einen Zusammenhang zwischen der immanenten Ideologie und der Umwelt herzustellen. Das Leben kann so einfach sein, wenn man auf jeden Zug aufspringt und niemals selber nachdenkt. Dann muss auch die eigene Unkenntnis nicht wahrgenommen werden, sei es aus purer Faulheit zu denken oder der Tatsache geschuldet, sich selber gut zu fühlen, wenn man das vermeintliche Unrecht Anderer anprangern kann, um mich selber besser zu fühlen, ohne dabei das eigene Verhalten hinterfragen zu müssen.

Waren wir schon immer so?

Zumindest seit der Erfindung der Protostaaten, der damit einhergehenden Entwicklung der Trinität der Gesellschaft, und der daraus resultierenden Abgabe der Eigenverantwortlichkeit an den selbst ernannten Adel, sei er nun klerikal oder säkular. Auch erst durch diese Entwicklung fanden die Xenophobie, der daraus resultierende Rassismus, die Misogynie und die Vorstellung, dass der Mensch sich seinen Ursprung, den eigenen Planeten, zum Untertanen machen solle, ihren Ursprung.
Was davor geschah, ist uns nurmehr in religiösen Schriften, Sagen und Mythen sowie den Märchen überliefert, immer gefärbt, durch die Darstellung der Sieger, derjenigen, die die Geschichte aufzeichneten, und dadurch verdreht, verleugnet und gewertet, also ideologisch verändert, genauso, wie es heute in einer Form, die nur durch die Verbreitung und Nutzung des Internets effektiver genutzt wird, Usus ist.
Damit wird die eigentliche Idee, der absolut freie Zugang zum Wissen im Netz, der Wunsch die Ideologisierung abzubauen, konterkarikiert, ja sogar pervertiert.
Die Hoffnung, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die Geschichte endete (Francis Fukuyama), stellte einen mehr als frommen Wunsch dar. Die Chance einer echten soziologischen Weiterentwicklung in den kurzen Jahren nach dem Ende der Drohung der atomaren Selbstauslöschung, bevor der Turbokapitalismus, initiiert bereits zu Beginn der 70er Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts durch die Abkopplung des Dollars vom Goldpreis durch den US Präsidenten Nixon, fröhlich Einzug hielt und auch besonders, aber nicht speziell, in den zuvor relativ egalitären Industrienationen westlicher Prägung, den Abstand zwischen den verschiedenen soziologischen Schichten der Gesellschaften erheblich zu steigern wusste, wurde verschenkt, oder nicht erkannt, weil sie nicht erkannt werden wollte.
Stattdessen wurde die einende Furcht vor der gemeinsamen Vernichtung ersetzt durch eine spaltende Angst einzelner Gruppen vor der, bereits in den Protostaaten erfolgreich etablierten Angst, des sozialen Abstiegs und des Verlustes der wirtschaftlichen Potenz.
Was früher Staaten geeint hat, spaltet sie heute in immer kleiner werdenden Gruppierungen, die in einer geschlossenen Identität ihr heil suchen, dabei sich dogmatisch vom Gegenüber abzuspalten suchen und die eigene eingeschränkte Meinung vehement als Wahrheit verkaufen wollen.

Kein spaßiger Text,

kein kurioser Exkurs, keine absurden Ausformulierungen der Umstände und auch keine mysteriösen Abstecher in die Untiefen und Fallgruben der Syntax und der Grammatik, nur der Versuch einer Analyse der derzeitigen Situation, einer Darstellung meiner Meinung, begründet aus dem, was ich mir als Wissen anzueignen in der Lage war, der wertfreien Interpretationen desselben sowie die bescheidene Hoffnung, den einen oder anderen Leser und Hörer meiner Ausführungen zum Überdenken und Hinterfragen der eigenen festgefahrenen Meinung zu bewegen.

Doch ich bezweifele, dass mir, als altem Weißen Mann, der doch, wenn auch nicht persönlich, an allem Übel dieser Welt Schuld haben soll, nochmal einen Heiermann in die Phrasenkasse, ausreichend Gehör geschenkt wird.