von Thomas Günter

Schon dem großen Cäsar, ja genau, den ollen Julius, der sich nicht nur mit Pompejus, dem Senat, seinem Ziehsohn Brutus, und vor allem mit einem kleinen Gallier inklusive einem Dorf voller Unbeugsamer an der Küste Aremoricas rumärgern durfte, gefielen Wiederholungen nicht. Um also den Göttlichen, den Vernichter der Republik und der 500 Jahre dauernden erfolgreichen Geschichte der Großen Wölfin, den Wegbereiter des Kaiserreiches und damit in letzter Konsequenz dem Untergang Roms, nicht zu verärgern, unterlasse ich es heute, an diesem regnerischen Freitagnachmittag weitestgehend Geschichten aus dem Leben eines verhätschelten Italolappen zu berichten.
Doch was stattdessen schreiben? Meine geheimsten Gedanken, denen mich zu stellen, ich bisweilen selber kaum wage? Aus welchem Grund sollte ich sie dann hier, in diesem doch öffentlichen Tagebuch verbreiten und den Rest der Welt, so er denn überhaupt an meinem Leben teilzunehmen bereit und in der Lage ist, mit einbeziehen?
Der Weg, den ich bisher gegangen bin, strotzt dagegen vor öder Langeweile. Das ist in keiner Weise ein Vorwurf an das Universum, ganz im Gegenteil, denn schließlich habe ich es mir so ausgewählt und gewünscht. Doch seitenweise die immer gleichen Spaziergänge und der Hinweis, dass ich bereits wieder eine nicht geringe Zahl an Büchern durchgearbeitet habe, um meinem Ziel, dem Erkennen des tiefsten Grundes dieser Realität endlich nahegekommen zu sein, egal wie fürchterlich der Anblick auch sein möge, zu beschreiben, deskriptiv mich darüber auszulassen, gerne in sich immer weiter verzweigenden und verästelnden Satzkonstruktionen, würde in letzter Konsequenz den Geist des Großen Eroberers aufs Tapet bringen und mich durch seinen jupiterschen Blick in den Hades hinabfahren lassen, wo meine ganz persönliche Hölle nicht die Qualen des Tantalus, sondern wahrscheinlich eine sich auf ewig wiederholende Schlagzeile einer banalen Begebenheit irgendeiner Z-Prominenz darstellte. Auf diese Weise bestraft der Sohn der Großen Erdmutter, nichts anderes bedeutet sein erster Name, Gaius, all die, die er für unbotmäßig erachtet.
Zumal die vorhergehenden Texte bereits alles wissenswerte über das Auslaufgebiet, die dort umher wandelnden Zeitgenossen, seien sie zwei- seien sie vierbeinig, in ausufernder Art und Weise in die Welt, die Wahrnehmung ja die Realität einiger Individuen und des gesamten Internetzes verteilt haben, es in jedem Moment, der zwischen der Vergangenheit und der Zukunft liegt, jene kleineste Zeiteinheit, die, obgleich doch ihre Existenz gleichzeitig noch nicht geschehen wie auch bereits vergangen erscheint, für den winzigen Augenblick, die Wahrnehmung unseres Selbst im Hier und Jetzt darstellend, nur Hoffnung auf das, was kommt und Reflexion auf das, was bereits war, erzeugend gleichermaßen existiert, denn die allumfassende, globale Vernetzung von allem und jedem vergisst niemals.
Und ja, ich formuliere es mit Absicht so, also nicht den voranstehenden Satz, sondern ausschließlich diesen einen Begriff: Internetz, denn die Anglisierung, besonders die oftmals falsche oder irreführende, finde ich, der Autor und das Privattier in Personalunion, als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums, zuweilen zumindest unglücklich.
Somit habe ich mir auf diese elegante und einfache Weise eine Vielzahl Möglichkeiten für den Moment ausgeräumt und die bescheidene Anzahl verfügbarer Themen auf ein absolutes Minimum einzuschränken gewusst.
Über welches Thema kann ich also auf diesen Seiten sinnieren, das neu erscheint, dennoch einer launigen Betrachtung standhält, gerne einer absurden Auseinandersetzung in verwinkelten Konstrukten, indes althergebracht ist, um auch schwächeren Gemütern nicht den Spaß am Leben, besser am Lesen zu vergraulen und gleichzeitig so viel Neues beinhaltet, dass auch so altehrwürdige Geister wie eben dieser große Stratege, Populist, Autor, Politiker und Quäler unzähliger Generationen, die in der Tertia seine Auslassungen, die mit den Worten begann: Gallia est omnis divisa in partes tres, …, zu bearbeiten hatten, erfreuen würde.

… Sternzeit2020,200CaptainslogNachtrag …

Und dann spielt einem, mir, dem Privattier und Autoren all dieser umfassenden Auslassungen, mit einem Mal das Universum, das Schicksal, Kismet, die große Vorsehung einen steilen Pass vors leere gegnerische Tor, der nur noch mit einem leichten Abpraller versenkt werden muss.
Mitten in der globalen Krise, viele Menschen auf diesem Planeten wissen kaum noch, wie sie am nächsten Tag noch etwas zu essen bekommen sollen, posaunen bestimmte Kreise in der Bundesrepublik eine althergebrachte und bisher immer wieder vom Tisch gewischte Forderung hinaus, die ausschließlich ideologisch begründet scheint.

Der Ruf nach einer allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Bundesdeutschen Autobahnen.

Mir war es durchaus vergönnt in meinem bisherigen Autofahrerleben den einen oder anderen Zerknalltreibling zu bewegen, dessen Endgeschwindigkeit weit jenseits der 200- ja sogar weit jenseits der freiwilligen Selbstkasteiung von 250 km/h lag.
Es gab auch einige Momente, in denen ich, im Tiefflug, auf diese Weise, den Asphalt fressend wie ein hungriger Alligator, Kilometer um Kilometer zurücklegte. Zu meiner Verteidigung, es beschleicht mich nun mal der Eindruck, dass ich dies begründen sollte, doch ausschließlich in Situationen, die es erlaubten. Will sagen, die Bahn war leer, ich bedrängte niemanden und die Wetterverhältnisse ließen es zu.
Erstaunlich wie sich die eigene Wahrnehmung durch das ausgiebige Framing der vergangenen Jahre dahingehend änderte, dass ich dieses Verhalten glaube, entschuldigen zu müssen, ganz so, als hätte ich eine wahrlich frevelhafte Tat, ein Vergehen, das mindestens mit einem Genozid, wenn nicht sogar mit einer misogynen Äußerung gleichzusetzen wäre, begangen hätte.

Dabei ist doch Deutschland, abgesehen von einigen unbedeutsamen Nebensächlichkeiten,

auf diesem Planeten vor allem dafür berühmt und, ganz in der positiven Bedeutung dieser Formulierung, berüchtigt für die Möglichkeit, seinen grenzenlosen Geschwindigkeitsrausch auf einem großen Teil seiner Verkehrsadern ungezügelt ausleben zu können. Sogar der mehrfache Oscarpreisträger Tom Hanks berichtete dereinst in einer der überregionalen Talk Shows im amerikanischen Fernsehen von seinem Erlebnis im Auto von seinem Chauffeur von Dresden in die Hauptstadt schneller als mit einem Düsenjet transportiert worden zu sein, und das auf nur vier Rädern. Das blanke Entsetzten war ihm noch immer in das, durch die unglaublichen, fernab jeglicher physikalischer Vorstellungskraft liegender, G-Kräfte verzerrte, Gesicht genagelt.
Nun muss ich, als alter weißer Mann, der ich mit den Jahren geworden bin, dennoch gestehen, dass auch ich in der Zwischenzeit durchaus den Gedanken an eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung für nicht mehr so abwegig halte.
Doch bestimmt nicht aus verbrämten ideologischen Gründen, sondern aus einer vollkommen pragmatischen Sicht der Dinge.
Es beginnt mit dem Umstand, dass es mir mittlerweile, die Augen werden immer tauber, die Ohren immer blinder, zusehends schwerer fällt, jenseits der zweihundert Stundenkilometer längere Strecken mit dem, heute noch im hellen Lacke glänzenden, morgen schon im Roste auf der Halde ruhenden Vehikel, entspannt, ohne umgehend einer mittleren Genervtheit anheimzufallen, von A nach B zu rauschen.
Dann lehrt die Erfahrung vieler Dezennien hinter dem Steuerrad, gleich einem Piratenkapitän, der seine Schaluppe sicher durch die Stürme, Untiefen und rauen Klippen vor Kap Horn navigiert, dass das heiß ersehnte Ziel auch mit einer gleichmäßigen Geschwindigkeit von 130 km/h in etwa einer gleichen Zeiteinheit zu erreichen ist.

Warum also rasen?

Und schlussendlich, wenn der geneigte Herren- oder die Damenfahrerin endlich die Mathematik hinter dem Verkehrsfluss verstanden haben, dann folgt die Epiphanie, die Erleuchtung, eine Erkenntnis, das unbedingte Ziel und Ergebnis jeder philosophischen Auseinandersetzung, jedes gut geführten Diskurses, dass die Minderung der eigenen Geschwindigkeit, wenn ein vorausfahrendes Fahrzeug langsamer über die graue Narbe in der Landschaft kriecht, umso geringer ausfallen darf, je langsamer man selber durch die Gegend luftverpestet.

Doch das stellt nur die praktikablen Gedankengänge eines alten weißen Mannes dar, der ja angeblich an allem Unbill dieser Welt die Hauptschuld tragen soll.