von Thomas Günter

»Die Bienen summen in der Luft, verbreiten ihren Honigduft …« so sang einst Balu der Bär und dieses Lied »Probiers mal Gemütlichkeit« entsprungen aus der unendlichen Ohrwurmfabrik des Unterhaltungskonzerns, der eine stilisierte Maus als Logo auswählte, gemeinsam mit dem dazu gehörenden Film, begeistern seither, Jahr für Jahr, unzählige Menschen auf diesem Planeten.
Ich, als das Privattier, darf mir den Luxus gönnen, am hellerlichten Vormittag, nachdem die notwendigsten Erledigungen abgearbeitet scheinen wollen, unabdingbares Lesematerial ist unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen heim in die eigenen vier Wände transportiert worden, neues Futter für die Carnivoren, die ansonsten mit dem Sägemesser in der Pfote durch die Wohnung rennten und laut, mit knurrenden Mägen, nach Brot schrien, ist ebenso sicher, in einer verschlossenen und hochgradig versiegelten Transportbox mittels Auto, im Stau stehend auf der Stadtautobahn, Verwunderung über das Verhalten der umgebenden Verkehrsteilnehmer und langem Nachhängen komplizierter Gedankengänge, die ich selber nicht verstehe, in den Gefrierschrank gebeamt, auf dem Balkon zu sitzen, zu lesen und die Umgebung gedankenverloren auf das Genaueste zu beobachten.

Auf einem überlichtschnellen interstellaren Raumschiff wäre dies wohl kaum schneller vonstattengegangen.

Wir, meine Wenigkeit und vor allem meine geliebte Ehefrau, die beste Ehefrau von allen (eine Information, die ich Ihnen weder vorenthalten darf, noch kann, noch will), frönen nur bedingt der allgemeinen Praxis, Jahr für Jahr (gleich oben genannten Film) neue Erde käuflich im nächstgelegenen Heimwerkermarkt zu erstehen und mühselig die vielen Stufen nach oben zu buckeln, gleich einem Sherpa, der dem degenerierten Mitteleuropäer den ganzen Expeditionskrempel im Himalaya hinterherträgt, wie eine Mama das Frühstückspaket auf dem Weg zum Kindergarten, und dabei noch wie ein drittklassiger Jongleur die eine oder andere Schale mit vorgezogenen Geranien balancierend, immer wieder die Blumenkästen neu zu bepflanzen.
Die eben aufgeführten Personen, natürlich wir, nicht die Sherpas, schmeißen lieber eine Handvoll Samen hinein, in die Kästen, warten und hoffen darauf, dass etwas passiert und wenn ja, wie denn das Ergebnis erscheinen will.
Dabei achten wir darauf, ganz der Umwelt, der Natur, der Flora und Fauna zuliebe, dass diese Aussaat in erster Linie bienen- und insektentauglich ist.
Um es gleich vorweg zunehmen, das Ergebnis hat uns umgehauen. Kornblumen, Mohn, Sonnenblumen und viele andere Blumen, deren Namen ich nicht kenne, die aber bunt sind, erfreuen unsere alten, trüben Augen.
Und zwischendrin, da tummeln sich all die Insekten, die so wichtig sind für unsere Natur, die Bestäuben, die Samen weitertragen, die so sehr für die Artenvielfalt auf dem gesamten Planeten tun und nie ein Wort des Dankes dafür verlangen.
Und ich, das Privattier, darf mittendrin sitzen und mich an dem Summen und Brummen, an dem Huschen und Fleuchen, an dem Suchen und Finden erfreuen.
Da ich mich still verhalte, außer dem gelegentlichen Umschlagen einer Buchseite, empfinden mich die keinen Apiformes und Bombus glücklicherweise nicht als störendes Element, so dass ich dem Treiben mit Begeisterung folgen darf.

Lassen wir für einen kurzen Augenblick Dave Goulson’s wunderbare Betrachtung: Und sie fliegt doch, außen vor, dann fällt mir dennoch eines auf.

Seit Urzeiten geistert der Begriff der fleißigen Biene durch den indogermanischen Sprachraum. Nimmermüde sammeln diese kleinen Insekten Pollen, um daraus dann den Honig für den ganzen Staat zu erzeugen, damit das Überleben aller gesichert ist.
Für die, die nun eine explizite wissenschaftliche Betrachtung erwarten, eine wasserfeste Beweisführung, basierend auf unwiderlegbaren empirischen Daten, angefüllt mit hunderten von Diagrammen in Balken- oder Tortenform, Statistiken, denen nur ich Glauben schenke, da ich sie selber gefälscht habe, einer unglaublich aufwendigen PowerPoint Präsentation, Livevorführungen und einer Vortragsreihe, die mich nach Corona nicht nur über den gesamten Planeten, sondern durch das komplette Sonnensystem führt, dabei die Aufmerksamkeit anderer Zivilisationen erregt und zu einer großen, glücklichen und vor allem friedlichen interstellaren Familie führt, fällt nun eine Welt zusammen.

Leider, ich muss es so hart sagen.

Die Hummeln, jene tief brummenden, beinah pelzig anmuteten Verwandten der Bienen tun dies genauso.
Also nicht die Sache mit der kosmologischen Veranstaltung, sondern das ganz simple Zusammensuchen der notwendigen Nahrung.
Das Folgende gewinnt meines Erachtens in der Audiodatei erheblich an Wert, da ich mich bemühe, eine außerordentliche Modulation meiner Intonierung aufzubringen, um die beschriebenen Unterschiede recht deutlich hervorzuheben, aber dies soll nur ein kleiner Hinweis sein, niemand hat dabei die Absicht, Sie in die eine oder andere Richtung gewaltsam zu zerren, lese- sowie hörtechnisch.
Während ich also so dasitze, den einen oder anderen faszinierenden Text aufsauge, fällt mein Blick immer wieder, ich kann mich gar nicht dagegen wehren, auf die Blütenpracht und die sich in ihr tummelnden Pollensammler.
Die Bienen, hetzten dabei von Blüte zu Blüte, das hintere Beinpaar bereits weit über jede vom TÜV erlaubte Menge an Blütenstaub überfrachtet, aber noch immer sehr fleißig, den nächsten Stempel anfliegend, so dass ich den Eindruck bekomme, dass folgender Gedanke sie antreibt: Einer passt noch, diese eine Blüte noch und dann flieg ich zurück. Oh, da ist ja noch eine, die kann ich auch noch mitnehmen, dann habe ich mein Soll für heute mehr als übererfüllt. Und wenn ich die dahinten auch noch aufsammeln kann, dann ist es gut. Aber vielleicht geht ja noch ein bisschen mehr. Flugsicherheit ist jetzt nicht mehr von Belang, ein bisschen was geht noch drauf.

Fleißig, wahrlich, aber zuweilen auch ein wenig getrieben, fast hektisch und nie auch nur einen Augenblick verweilend, um nach Luft zu schnappen.

Dass wir, meine liebe Frau und ich, bereits einige Male, wie in einem hochorganisierten Katastropheneinsatz, gleich einer THW Staffel, anrücken mussten, einen Teelöffel voll Honig in den aufgeregten Fingern, um einer notleidenden Biene, die ihr Tagwerk offensichtlich übertrieben hatte und nicht mehr in der Lage war weiterzufliegen, feilzubieten, stellt nur eine Anekdote am Rand, dar. Ebenso wie die Tatsache, dass das kleine Tier, nach Genuss desselben, eifrig, eine stolze Runde um unserer Häupter drehend, ganz so als wollte sie uns sagen: Danke, tausend Mal Danke, seht es geht wieder, vollbeladen von hinnen und dannen flog.
Ganz anders ihre nächsten Anverwandten, die Hummeln. Die brummen gemütlich von einer Blüte zur anderen. Aber jedes Mal, wenn sie ein neues Ziel erreicht haben, gönnen sie sich erst mal eine kleine Verschnaufpause. Dann sitzen sie am Rand und lassen, in einer unerschütterlichen Gemütlichkeit, erst mal sprichwörtlich die Beine baumeln. Und wenn sie so eine kleine Weile dort verbracht haben, krabbeln sie, ohne Hast, ja fast außerhalb der Zeit, gemütlich hinein, und laben sich an den vorgefundenen Pollen. Irgendwann schauen sie wieder heraus, und überlegen, ob nun noch mal ein kleines Päuschen angebracht wäre, in der sie nachdenken, wann sie sich zum nächsten Ziel aufmachen. Und erst danach spreizen sie bedächtig ihre Flügel und fliegen, in aller Gemütlichkeit, dabei die eine oder andere torkelig erscheinende Kurve beschreibend, weiter. Ganz so all wäre ihr Denken ein Ausbund an Gelassenheit. »Hey Dude (nicht das Lied von den Beatles) guck mal, da hinten, da ist noch eine Blüte. Ich glaub, da flieg ich nachher mal hin. Aber erst genieß ich noch ein wenig das Leben. So viele Blumen und so viel Zeit. Hier muss ich mich gar nicht anstrengen. Komm, lass uns ein Pläuschchen halten und danach sehen, was weiter so passiert.«

So taumeln sie, vollkommen entspannt, durch unsere Wiesen, die extra nur für ihren Lebenserhalt gepflanzt wurden.

Und so beschleicht mich der unbedeutende Gedanke, dass jenes Lied, dass uns Balu einst sang und das uns lehrt, dass Leben nicht zu eng zu sehen, vielleicht eine winzige Ungenauigkeit aufweist. Möglicherweise hätten es nicht heißen sollen. Die Bienen summen in der Luft, sondern viel eher: Die Hummeln summen in der Luft.

Denn wenn ich ihnen so hinterherschaue, wie sie beide, Biene und Hummel, ihrem Tagwerk nachgehen, dann scheinen mir Letztere erheblich entspannter mit ihren Aufgaben umzugehen, das Leben viel mehr zu genießen, und trotz ihrer kurz bemessenen Lebensspanne von gerade einem Monat, in dieser Zeit, in vollen Zügen, in der ihnen dargereichten Blütenpracht zu schwelgen.