von Thomas Günter

Es ist Sommer. Die Bienen summen umher auf der Suche nach Honig. Die Blumen blühen, sanfte Schäfchenwolken streichen über den blauen Himmel. Die Nordhalbkugel dieses Planeten, also alles was sich oberhalb eben jener Linie befindet, die in ihrer Länge die ungefähre Laufleistung der durchschnittlichen Lebensdauer einer handelsüblichen Kupplung eines Kleinstwagens definiert, feiert das Leben. Diese gedachte Grenze, die beim ersten Todesstern des Imperiums durch einen tiefen, tiefen Graben, der sogar einem hurtigen Fliegerlein ausreichend Platz selbst für die gewagtesten Manöver bietet und doch, aufgrund einer einfachen Ventilatoröffnung ebenso verwundbar ist, wie ein Benzinmotor, der mit Diesel gefüttert worden ist, die unsere schöne blaue Perle, die im weiten Rund des Universums ihre Bahnen zieht, auf der Suche nach sich selber, in zwei unterschiedliche Welten teilt.

Auf der Südhalbkugel herrscht nun Winter.

Keiner, wie er uns bekannt wäre, mit Schnee und Eis, mit kahlen, grauen Wäldern und einer ruhenden Natur, die schläft und sich erholt, um im folgenden Frühjahr erneut in ganzer Pracht zu erblühen und den Blick des Menschen von Neuem zu erfreuen.
Eher Regen, Stürme sowie Feuchtigkeit stellen die vorherrschenden Witterungsbedingungen dar.
Gleichzeitig erzeugt diese Unterscheidung, diese Trennung, das Paradoxon, dass der Süden Weihnachten im Sommer feiert, am Strand, mit Sonnencreme und festtagsgeeigneten Schokoladenhohlkörpern, die bei jeder Gelegenheit zu schmelzen drohen, wenn sie unvorsichtiger Weise aus dem Schrank, in dem immer Winter, das Klima einer der beiden Polregionen, vorherrscht, vorzeitig und unvorsichtig entrissen wird.
Ich nehme mir das Recht heraus, ganz unverfroren, mit Hobbitfüßen, ohne Socken nur in bequemen Plastikschluffen, durch Zeit und Raum zu wandeln.
Irgendeine Kamera, sei es moderner Schnickschnack, der den Augenblick digital umwandelt und für die Nachwelt festzuhalten weiß, sei es die gute alte chemische Reaktion, ausgelöst durch die Photonen, die reflektiert werden durch die nur scheinbar unendlich große Anzahl der Atome, die uns umgibt und in ihrer kleinsten Auflösung verschwimmen will, so dass der Unterschied zwischen Materie und Energie, zwischen Welle und Korpuskel nicht mehr fassbar ist, ist immer mit dabei.

Das Licht ist schön, besonders in den Morgenstunden.

Das Spiel von hell erleuchteten Arealen hin zu den Bereichen, die im Schatten laubbesetzter Baumriesen liegen, lädt dazu ein, Kontraste, die beinah wie eine Allegorie unseres Lebens wirken, abzubilden. Durch die Temperatur der Farbe, die im Sommer bei etwa 5300 Kelvin liegt, erscheint uns unsere Umwelt in einem strahlenden Blau. Farben wollen satter, leuchtender wirken, als in den Wintermonaten. In dieser Zeit steigt der Rotanteil in unserer Wahrnehmung dann erheblich an. Dennoch heißt es nicht deshalb Rotwild, obgleich es mehr in dieser Jahreszeit, zusammen mit einer guten Portion Rotkraut, verspeist wird.
Bei meinen alltäglichen Spaziergängen, nein alltäglich sind sie wahrlich nicht, denn dauernd warten neue Dinge der Entdeckung, der Erkundung und der Ablichtung, nennen wir sie also wiederkehrende Spaziergänge mit den andauernden Begleitern, den Fellnasen, Tölen, Kötern, Hunden, Mitbewohnern, heimlichen Herrschern, Pfotengängern, Badefreunden, gönn ich mir den Luxus, im Wald zu baden, die eigene Nase in die Sonne zu halten und damit statt einer adligen vornehmen Blässe eine eher robuste Erscheinungsform entgegenzusetzen.

Will ich das?

Ganz ehrlich, mir ist es eins, ob mein Gesicht und der zerfallende Körper die blassgraue Farbe eines umherwandelnden Zombies aufweist oder den Eindruck hervorruft, direkt von einer, durch einen gestrengen Bademeister, der durch scharfen Pfiff, den Zeitpunkt kundtut, an dem der Leib zu wenden ist, um weiter gut am Badestrande durchzubraten, Ferienzeitdestination zurückgekehrt zusein.
Der Wunsch meiner selig verblichenen Eltern, in der Sommerfrische doch endlich mal die Nase aus den Büchern zu ziehen, um auch erkennbar eine merkwürdige Form der Erholung anzuzeigen, wirkte auf mich schon immer zutiefst befremdlich. Meist wischte ich dies Begehr unwirsch hinweg und zog mich stattdessen tiefer in gut gekühlte Örtlichkeiten, gerne mit direkter Nähe zu einem Standort, der in der Lage sowie Willens war, mich mit ausreichenden Mengen aus Rubiaceae hergestellter Flüssigkeit zu versorgen.
Dazu mag sich der Umstand gesellen, dass das Konzept der kollektiven Anbetung des Zentralgestirns, bis zum Zustand von Verbrennungen ersten Grades, nicht nur aufgrund meiner systemimmanenten Misanthropie, sondern ganz allgemein, recht fragwürdig erscheint.
Warum sollte ich mich in eine fragile Aluminiumröhre begeben, wieder den Naturgesetzen, nur mit Hilfe des einen oder anderen technischen Winkelzuges, um die von Newton erfundene Schwerkraft zu überwinden, damit ich an anderer Stelle auf diesem Erdenrund, in einer unpersönlichen Kammer, zwar mit Satellitenfernsehen ausgestattet, neuerdings sogar mit einem kabellosen Zugang zum Netz der Dinge, um den gleichen hirnerweichenden Content aufzusaugen, der auch in den heimischen vier Wänden schon keinen Sinn ergibt, dabei, wenn möglich die entopische Küche in den Verdauungstrakt zu transferieren, aus Angst vor dem Neuen und Unbekannten, dabei ist der Mensch, als Urlauber und so, während der Sommerfrische nicht auf einer Fünfjahresmission in unbekannten Gefilden der Galaxie, meine knapp bemessene Zeit totschlagen soll, wenn all diese Begebenheiten auch auf dem, durch vertrackte Statik an der Außenfläche der Wohnstatt angebrachten Plattform, genießbar sind und sein dürfen.
Soll Reisen nicht der Erweiterung des Horizontes dienen? Wie kann es das, wenn, außer ein anderer Winkel unserer Sonne, ein divergenter Salzgehalt des Meeres, das käufliche Erwerben des immer gleichen Billigtands, hergestellt im Reich der Mitte, vielleicht auch in einer Sonderproduktionsregion des letzten echten absolutistischen Systems, nichts in den Verstand einzudringen vermag, außer die Gedanken an optimale Positionierung des bildschirmbestückten Telekommunikationsapparates für die immer gleiche Schnute, die der kleinen, weniger differenzierten Linse und dem dahinterliegenden photonenempfindlichen Sensor präsentiert wird.

Allein mir fehlt auch noch der Mut,

bin ich doch kein zweiter Alexander von Humboldt, kein Marco Polo, kein Cristóbal Colón, kein James Tiberius Kirk und auch keine Kathryn Janeway, kein Commander Adama, kein Captain Future und auch kein Adolar, um nur die bekanntesten Entdecker, seien sie nun fiktional oder in vergangenen Epochen tatsächlich um die Welt gereist, sie dabei vermessend und erkundend, entdeckend und begreifend.
Mir liegt es fern, neue Kontinente zu bereisen, andere Planeten zu erkunden, gar neue Galaxien zu erforschen.
Denn mir erscheint es sicherer und auch bequemer, in meinen Elfenbeinturm zu hocken und die Welten, die da draußen auf uns warten, ex Kathedra zu explorieren.
Auch wenn ich nun mal wie ein Hobbit, wenngleich von viel längerer Statur, durch die Weltgeschichte wandele, Dritte, inklusive der eigenen Brut, kolportieren es gerne auf diese Weise, so wackel ich doch nicht, mit Schmerbauch, kurzer enger Shorts, weißen Sportsocken, gepresst in Sandaletten aus echt imitiertem Imitatkunstlederimitat, in meiner eigenen Hybris gefangen, dass die heimischen architektonischen Scheußlichkeiten, der lange, verkaufsoffene Adventssonntag, ein im kollektiven Alkoholkoma endendes Schützenfest, die ultimativen zivilisatorischen sowie kulturellen Highlights eines gesamten Planeten darstellten.

Was wollte ich eigentlich erzählen?
Ich fürchte, ich hab’s vergessen.