von Thomas Günter

Mir gefällt diese Idee ausnehmend gut, ich muss es unumwunden zugeben. Da fühle ich mich doch direkt zu höherem berufen. Vielleicht bleibe ich ja wirklich dabei, zukünftig die Texte meines Tagebuches, des Tagebuches eines Privattieres, auf diese Weise beginnen zu lassen. Und wer damit nicht zurechtkommt, kann ja weghören, oder diesen Part einfach überlesen. Dann allerdings, vor allem bei der auditiven Negation der Einleitung, entgehen dem ungeneigten Hörenden all die Fehler, die ich als ausschließlich schulisch sprechendes Englisch Praktizierender so verzapfe. Allein dies stellte jedoch eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit dar. Wollen Sie sich das wirklich selber verwehren?

Ich frag’ ja nur.

Wir befinden uns auf einer bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter währenden Mission, auf der Suche nach neuen Informationen, Lebenserkenntnissen und fremden Denkweisen dorthin, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist.
Bei der Meldungsvielfalt dieser Tage, die den verwirrten und gestörten Leser und Hörer all der News und Neuigkeiten überflutet, erscheint es mir, als stillem Beobachter von außen, ganz so, als sei die ganze Menschheit nun verrückt geworden. Der Wahnsinn will, so scheint es mir, Methode haben.
So geruhte mir zum Beispiel, eine Meldung an diesem Morgen besonders in die Augen zu springen. In Stuttgart, diesem Ausbund an Ordnung und regulierter Existenz, dieser weder in die eine noch in die andere Richtung jemals ausschlagenden Nulllinie des Lebens, da wo, wenn alle Vorurteile über den Schwaben an und für sich in einen Topf geworfen werden und zu einer geschmacklosen Suppe verrührt sind, der Mensch am Samstag in seiner Einfahrt das Fahrzeug aus der landesinternen Herstellung wienert und poliert, putz, abschäumt und entstaubt, das jeder Computerreinraum, jeder Operationssaal weltweit vor Neid erblasst und dann, am Sonntag, natürlich nach dem Kirchgang, der Rasen mit Hilfe einer Mikrometerschraube sowie den frisch geschärften Schneiden einer Präzisionsnagelschere in einer Akkuratesse gestutzt wird, dass jeder Vulkanier, auch die führenden Mitglieder der Wissenschaftsakademie, vor ungläubiger Demut die Luftschleuse eines interstellaren Warpforschungsschiffes öffneten und sich in dem Bewusstsein, niemals eine solche Perfektion zu erreichen, hinausstürzten, dort wo selbst die Borg sich fürchten zu assimilieren, da sie niemals diese höchste Form der Ordnung erreichen werden und es aus diesem Grund als ihr eigenstes Nirwana, Himmel, Paradies oder Schlaraffenland ansehen, zogen in der Nacht von Samstag auf Sonntag marodierende Horden durch die Innenstadt.

Und das nicht zum ersten Mal, wie es gleich weiter kolportiert wird.

Wenn nun schon die Schwaben auf die Straße gehen, dann ist die Revolution, der Aufstand der Massen, die globale Umwälzung, der Aufstieg der Menschheit zu einer höheren Lebensform, die ultimative Transformation, der Sieg der Materie über den Geist(vielleicht auch umgekehrt), dass von den Maya (nicht die Biene, das Volk natürlich, obgleich ein von Willi gehecheltes: Maja, Maja, flieg nicht so schnell, auch passend erscheinen will (das ist nur in der Audio wirklich lustig, geschrieben geht viel von diesem Witz verloren)) prophezeite Ende aller Zeiten, der Kollaps des Universums, der Rücksturz Richtung Urknall, damit Alles von vorne beginnen kann, der Tag des Jüngsten Gerichts, die große Abrechnung, High Noon oder 12 Uhr Mittags, wahrlich nicht mehr fern.
Es geht mir auch gar nicht so sehr um die politische und soziologische Großwetterlage dabei, sondern ausschließlich darum, eine verworrene Satzkonstruktion zu entwerfen, in der Schwaben, Vulkanier und Borg in einem Atemzug genannt werden konnten. Auch wenn der Bewohner aus Deutsch-Süd-West nicht unbedingt mit Logik zu punkten weiß, dann doch aber mit Spätzle und Sauerer Lunge.

Doch, nach einem solch furiosen Entrée ist es recht schwierig, die Schlagzahl aufrecht zu erhalten.

Natürlich könnte ich mich, es wäre mir ein Leichtes, weiter in immer verklausuliertere Nerdigkeiten verwickeln, die noch so manches Bonmot an sprachlichen Ausrutschern bereithielten aber für den gemeinen Leser und die entsprechende Hörerin, würde dieses Gebrabbel sich ab einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich ungefähr jetzt, nurmehr anhören, wie das immergleiche Summen und Rauschen, das durch das ewige Vorbeijagen von hochmotorisierten Rennkraftfahrzeugen auf einem langweiligen Rundkurs irgendwo im Südwesten der Vereinigten Staaten der USA (ja, soll so sein) entsteht.

Schade, da ist mir dieser Satz doch glatt hinten an der Tischkante runtergefallen.

Doch auch an einem Sonntag, inmitten der Sterne, schließlich existiert unser Sonnensystem ja nicht irgendwo außerhalb, auch wenn einige verworrene Geister in der Vergangenheit an eine Geozentrik und blinden Aktivismus glaubten, und dieses Denken, Wissen kann man es ja nicht nennen, erstaunlich effektiv in die heutige Zeit zu transferieren wussten, und so gerne den Mittelpunkt von wirklich absolut allem darstellen wollen, besonders fußballmanagende Fleischfabrikanten und Moralapostel, die sich als Erben eines Torquemada ansehen, zu Beginn des Sommers mit Bienenblumenwiese und den Strahlen unseres Zentralgestirns vor Nase und Augen (dadurch ist, so finde ich, der Bogen zu der weiter oben erwähnten Kindheits- und Jugenderinnerung sehr schön gezogen) komme ich nicht umhin, mir über das eine oder andere Gedanken zu machen.
Doch Summa summarum würde es an dieser Stelle und als nicht erklärbare Folge der obigen Einleitung zu weit vom Thema ablenken, als dass all die Überlegungen und Gedankengänge hier an dieser Stelle und vor allem heute weitergeführt werden könnten.
Stattdessen ergehe ich mich lieber weiter in den von mir so präferierten Verwindung einzelner Phrasen und der tatsächlichen Unkenntlichmachung des eigentlichen Inhaltes durch allzu verworrene Unterbrechungen im Lese-, Hör- und Erkenntnisfluss.
Gleichzeitig sinke ich hineine, lasse mich gefangen nehmen, fesseln und dabei dennoch die Phantasie fliegen lassend, in diverse Serienuniversen. Seien sie nun erdacht von einem ehemaligen Polizisten, der sich dazu berufen fühlte, den Zuschauern eine glorreichere Zukunft aufzuzeigen, beziehungsweise entstanden aus dem Leid der großen Depression, in der Hoffnung ein Stählerner erreichte die Erde und fegte alles Böse hinweg, oder eben auch typisch amerikanisch, Selbstjustiz im Namen des Guten sei gerechtfertigt, trotz aller seelischen Konflikte.
Aber egal, welche Realitäten sich der Mensch aussucht, in ihnen zu versinken, sie zu erleben, ihnen nachzustreben, wenn Ironie, Humor, selbst Sarkasmus darin nicht mehr verstanden werden, ja im schlimmsten Fall gegeißelt und angeprangert werden, dann ist die Gefahr groß, zurück in eine Zeit zu fallen, in der das Denken, die Meinung, der freie Wille, die Entscheidungen darüber, was gefällt wem, und was nicht, nurmehr von einer kleinen Gruppe bestimmt wird.

Und wenn das, was war, verboten wird, weil es ins aktuelle so gar nicht hineinpassen möchte, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis einer neuer Tomás de Torquemada mit einer Fackel in der Hand durch die Straßen dieser Städte, die so aufgeklärt sein wollen, zieht, an Türen klopft und sein hartes Urteil nach eigenem und eingeschränkten Gutdünken darüber fällt, was der übrigen Bevölkerung konvenieren soll.