von Thomas Günter

Da wacht man, Schriftsteller, Autor, zum Schreiben und Verfassen kleiner und absurder Anekdoten sich selbst berufen Fühlender, des morgens, nicht verkatert, ich huldige nicht diesem oder anderen Lastern, außer dem überbordenden Kaffeekonsum und einer zugegebenermaßen schon seit den Dinosauriern, wenn nicht noch viel länger bestehenden Nikotinsucht, langsam auf, meist eher ruckartig, ausgelöst durch einen wilden Tritt des Vierbeiners, der noch eine Runde zu träumen sich auferlegt haben mag, und während die bleischweren Lider, der erstaunlichen Auswüchse unserer Gehirne, behäbig, wie die verrostet knarrenden Tore einer zerfallenen Schleuse, mühselig nach oben krauchen, dabei den Sand, der sich vom Vorabend noch auf beider Hornhaut freudig tummelt, auf schmerzhafte Weise in den Tränenkanal zu transportieren suchen, und bemerkt voller Entsetzen, dass der Gedanke, dieser Lichtblitz, eben jene Epiphanie, die das Geschick der ganzen Erde auf immer zu verbessern wüsste, entfleucht wie eine Seifenblase auf dem Jahrmarkt.

Das war jetzt aber mal ein wirklich langer Satz.

Aber als Einleitung doch recht geeignet, stellt sie doch die bildliche Darstellung des eigentlichen Gedankenganges trefflich dar. Natürlich nur, wenn Sie, ungläubiger Leser nicht nur der Audiodatei folge leisten, sondern auch tatsächlich den Mut aufbrächten der wahrlich abenteuerlichen Interpunktion durch den Urwald all der Nebensätze, Einschübe und Gedankensprünge, wie ein Zeitreisender auf der Suche nach den Anfängen des Urknalls, seiner Voraussetzung und Initialisierung, dieser unglaublichen Melange aus Zeit, Materie und Energie, aus kuriosen Teilchen, Wellen, Strahlung und dem, was zuvor nicht existent gewesen sein kann, weil es nicht sein darf, da sich unser beschränktes Hirn nicht vorstellen will und kann, dass es einen Anfang aus dem Nichts heraus gegeben haben soll, zu folgen und die einzelnen Fäden zu einem farbenfrohen Teppich zusammenfügen wollen.
Noch so ein Satzmonster, dass ehrlicherweise nur dann Sinn ergibt, wenn man dem Text Buchstabe für Buchstabe, mit dem Finger bedächtig an der einen oder anderen besonders vertrackten Stelle ausharrend verweilt und den tieferen Unsinn und die ihr dennoch innewohnende Schönheit in einem ausufernden Akt der Verzweiflung entdeckt.
Stattdessen gleitet der Griff ins Leere, ins Nichts. Verzweiflung macht sich breit, die Brille fort, der Dampfer, jenes unabdingbare Untensiel, zur Aufrechterhaltung eben jener, weiter oben schon beschriebenen Sucht, stürzt, fortgewischt durch eine noch verschlafene und dadurch recht ungeschickte Hand, mit lauten Poltern auf den selbstgelegten Laminatfußboden.
Der Hund, die Töle, eben jener canis familiaris, der, wenn schon nicht mehr für die Jagd, so dennoch ständiger, andauernder Begleiter meiner Tage sein will, fährt erschrocken und entsetzt durch diesen ungebührlichen Krach, durch des Menschen schicksalhafte Ungeschicklichkeit erzeugt, aus seinem süßen Traume, der bestimmt nur wieder von einer seiner diversen Liebsten handelte.
So manches Mal will er, der Hund, wer sonst, mir vorkommen, wie ein Matrose aus der alten Zeit, da die Seefahrt noch ein Unterfangen war, das viele Opfer forderte. Wie die, die auf den Seelenverkäufern über die Meere dieser Welt zu schippern sich wagten, um den Tee aus dem fernen und unsereins so unbekannten Indien und China in unsere, aus Meißen, oder sonst wo, wo es mit der alchemistischen Herstellung von güldenem Tand nicht so recht funktionieren wollte, stammenden Tassen, einzubringen.

Er hat in jedem Hafen eine Braut.

Doch eigentlich nicht von ihm will diese, heutige Moritat so salbungsvoll berichten.
Erst durch die erschwerte Atmung werde ich gewahr, dass das Band, das eben jene Hilfe, die es mir so manches Mal ermöglicht, meine Umwelt unverschwommen wahrzunehmen, in aller Regel um den Nacken baumeln lässt, sich unschön um die Gurgel, den Kehlkopf, durch die vielfältige Bewegung, die man, Mensch, im Schlafe so vollzieht, zu wickeln wusste.
Nach kurzem und zum Glück nicht heftigen Kampfe mit dieser Schlange, der Liane, dieser Schlinge, die normalerweise eine recht hohe Praktikabilität aufweist, sitzt das Guckophon endlich auf dem Rücken der noch verstopften Nase.
Die Schultern sind verkrampft, mit Buch und Brille auf dem Riechkolben einzuschlafen, fördert nun mal nicht eine physiologisch korrekte Position, um den REM Phasen des müden Geistes, diesem Mehr als der Summe seiner Teile, eine ausreichende Zeitspanne zu ermöglichen.

Dazu gesellt sich die krude Vorstellung der Fellnase: Ein Hund braucht Raum.

Sie können sich gar nicht, wenn Sie nicht auch in Begleitung eines eben solchen Vertebraten befinden, vorstellen, wie viel Platz ein schlafender Köter einzunehmen vermag. Ab dem Moment, da er eine ihm zusagende Position gefunden zu haben glaubt, wollen Kontinente scheinbar nicht mehr ausreichen, um aller Beine, Rute, Haare, Ohren in irgendeiner Weise Platz zu bieten.
Auch dieser Umstand ist einem erholsamen Schlaf doch eher abträglich.
Im Grunde wollte ich ja nicht von seinem so beschwerlichen Leben berichten, schließlich besteht eine seiner vornehmesten Aufgaben darin, der Umwelt, die ihn für sehr putzig hält, unmissverständlich klar zu machen, dass hier nurmehr die Astralprojektion seiner selbst, als bereits verhungerte Welpe, wahrnehmbar wäre.
Der verspannte Schultergürtel führt also dazu, dass die Lymphe noch nicht so richtig abgeflossen ist, daraus resultiert eben jene, meine, verstopfte Nase.

Das allmorgendliche Leid des alten weißen Mannes.

Um nur eine der mannigfaltigen Unbilden zu erwähnen.

Ein Stift, ein Blatt Papier, um wenigsten die letzten, eben noch so leuchtend vor dem inneren Auge schwebenden, Gedanken aufzuzeichnen, will sich just in diesem, für die Menschheit doch so entscheidenden, Augenblick, in näherer wie weiterer Umgebung auch nicht finden lassen.
Was bleibt, ist nur mehr der Griff zum Handy, dem Smartphone, der mobilen Telekommunikationseinheit, die uns so aussaugend und Zeit verschlingend mit der ganzen Welt verbinden möchte, um die Idee ins Speicherwirrwarr einzutippen.
Ein Finger nach dem anderen sucht verzweifelt die passende Position, um den Bildschirm, über den Erkennungssensor, endlich zu entsperren.
Zu guter Letzt hilft nur die Eingabe des richtigen und vollständigen Passwortes.
Noch immer in einer bedauernswerten Form des Halbschlafes gefangen, bemüht, den eben noch gedachten und für so genial befundenen Gedanken in irgendeiner Weise festzuhalten, erweist sich dies als nicht zu unterschätzendes Unterfangen. Ist doch nach dreimaligen Versuch die Chance auf Erleuchtung der fragilen Oberfläche aus stabilem Corning Gorilla Glass, auf null zurückgesetzt.
Mit viel Fortune, Mut und einer großen Portion Unbedarftheit will es mir am Ende doch gelungen sein, die Mattscheibe zu einem erkennbaren Leuchten gebracht zu haben und all die Apps, die das Internet uns zur Verfügung stellt und die zum Kaufen, zum Konsum anregen wollen, harren freudigst erregt einer Strom und Datentraffic fressenden Eingabe.
Ich aber, ich versuche krampfhaft und enttäuscht, diesen Gedanken, jene Epiphanie, die Erleuchtung, den Gedankenblitz in irgendeiner Weise zu rekonstruieren. Doch gelingen will es, nach all den verzweifelten Schlachten, die ich zuvor geschlagen hatte, die mir aufgezwungen wurden, vom Brillenband, der Zugangsmöglichkeit zu meinem eigenen Gerät, dem verwesenden Kadaver aus glanzvollem Alabaster, der einmal meinen geschundenen Corpus darstellte, dem Widerwillen, die meine ach so verzweifelten Aktionen bei dem heimlichen Herrscher, dem Hunde, auslöste, leider nicht mehr.
Nur noch eine verwehende Erinnerung will bleiben und wie ein Herbstblatt, das sich, bei trüben Lichte, von seiner Position am Aste löst und fortgetragen wird, durch die Bewegungen der Luft, verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen in der Unendlichkeit der Zeit und des Vergessens.

Doch morgen früh kann ich das gleiche Spiel zum Glück wieder voll Inbrunst und mit neuer Hoffnung auf mich nehmen.