von Thomas Günter

Die direkte Auseinandersetzung, der geistig intime Kontakt mit einzelnen oder sehr überschaubaren Gruppen meiner Art, dieses merkwürdigen Zweibeiners, der so unbeholfen durch die Lande zu stolpern weiß und dabei denkt, er sei der Nabel der Welt, zählt nicht zu den präferierten Handlungen des Tages.
Das Nachsinnen, das Ergründen des Antriebs vieler, großer und jedweder Individualität beraubter Zusammenrottungen eben dieses so merkwürdigen Geschöpfs, dieses Fehlschlages der Evolution und von Mutter Natur, dieses Virus und Parasiten, der sich, ungeachtet seiner selbst erklärten Intelligenz, auf diesem Planeten wie Rost auf einem Metallstück, das im Meer herumdümpelt, ausbreitet, bereitet mir zwar ebenso wenig Entzücken, dennoch gebe ich mich ihm hin, gleich einem Unbeteiligten, der doch nicht den Blick abzuwenden vermag, wenn er eines verheerenden Verkehrsunfalls ansichtig wird.

Da les ich nun, auch an einem solchen Tage,

wo doch die Sonne vom Himmel herab scheint und alles in ein verklärendes Licht zu tauchen vermag, die Kommentare und Essays, die Meldungen und Nachrichten der diversen Gazetten und des allgemeinen Blätterwaldes. Wühl mich danach durch alte Meister, nicht die der Malerei, damit hab ich nun gar nichts an meinem Hut, mir liegt halt mehr an der Momentaufnahme, dem einfangen des Augenblicks, sei’s mittels reiner Elektronik, sei’s mittels Chemie und ihrer vertrackten Reaktionen auf dem analogen Film, les’ Philosophen, Soziologen, folg’ den schwerwiegenden Worten manch eines Historikers gespitzter Feder, der Theoretiker des Staates und der Wirtschaft, und doch, ob sie nun alle denken, es verstanden zu haben oder nur mehr, neuerliche Fragen aufzuwerfen, in der Lage sind, auf des wahren Pudels Kern, auf die condition humaine, die conditio humana, wie der Lateiner es so gerne formuliert, will keiner so recht kommen.

Mir dünkt, sie alle, inklusive meiner Frau,

der besten Ehefrau von allen (ich bestehe darauf, dass diese Information sowohl inhaltlich wie auch syntaktisch in diesen Gedankengang gehört) glauben fest daran, dass eben dieses Wesen, sich selber Homo sapiens schimpfend, dabei kann niemand von uns behaupten, wirklich auch nur ein wenig von dieser Welt, dem Universum, zu wissen, geschweige denn zu verstehen, sei es in Formeln, Regeln, sich andauernd wiederholende Muster einzuzwängen und damit zu erklären und ohne weiter zu hinterfragen, bis ins dunkelste Geheimnis unserer Seele, bis in die tiefsten und finstersten Gewölbe unseres Geistes hinein, ausgeleuchtet sei.

Welch eine Anmaßung, was für ein Gotteskomplex.

Dabei beschreiben sie doch nur Momentaufnahmen, Augenblicke, gleich einer Fotografie, einen engen Ausschnitt einer ungleich gewaltigeren Szenerie.
Gleichwohl schildern all diese Schlaglichter das allgemeine Denken zuweilen recht genau.
Doch auch der Kommentator, der Chronist, ebenso wie der pflichtbewusste Redakteur, verfangen sich im immer gleichen Netz des viel zu engen Blicks der eigenen, verkümmerten und kleinen Welt, der eigenen Identität. Denn was ihr nicht passt, nicht in den beschränkten Kosmos will, das wird negiert, verweigert, ausradiert.
Gemeinsam mit der immergleichen, oftmals laut gekrähten, Forderung, dass alle Übrigen, es gleich zu tun hätten, ob’s denen denn dann auch gefällt, ist dabei nebensächlich.
Und die, die sich strikt weigern auf den dahinrasenden Zug aufzuspringen, werden mit der geballten Macht des Netzes der Dinge niedergebrüllt und totgeschwiegen.
Nurmehr die Meinung, eine Richtige, scheint das, was zählt, zu sein. Dabei kann sie, der Ausdruck eigener Gedanken, niemals als falsch oder richtig angesehen werden. Schon bei den rein naturwissenschaftlichen Fakten wird es schwierig.
Ändern doch sie sich auch zuweilen, bei verwandelter Umgebung.
Eine Meinung aber, stellt eben immer nur den momentanen Status der Gedanken dar, nicht mehr, doch auch nicht weniger. Denn ein jeder setzt die Informationen, derer er zuteilwerden kann, nun mal in einer anderen Reihenfolge für sich zusammen, und so interpretiert er sie eben auch verschieden.
Wenn aber der Fall eintreten will, wie wir ihn zur Zeit erleben müssen, dass die Meinung, die Gesinnung, bereits als Ergebnis für die Probleme postuliert wird, dann ist der Weg zur Totalität nur noch ein kurzer.
Denn nicht mehr Faktum, nur noch die Auffassung erklärt uns dann, was falsch und richtig sein soll.
Die Menschheit will sich neu erfinden, 2000 Jahre des immer gleichen Denkens wollen wohl genug erscheinen. Ein neuer Mensch, ein Homo novus, soll als strahlender Typus das Heil die nächsten tausend Jahre bringen.
Was war, wird ausgemerzt, Geschichte zählt nicht mehr, nur noch die Fragen nach Moral und Schuld.
Die Identität der kleinen Gruppe, je winziger umso bedeutender, will der breiten Masse, dem Gros, das wie die Lämmer auf der Wiese nur noch darauf zu warten scheint, zur Schlachtbank geführt zu werden, erklären, wie diese Erscheinung, dieses Neue, in der kurz bemessenen Spanne, die uns als Mensch auf dieser Welt gegeben ist, mit allerlei Tun zu füllen sei.

Wer dem nicht folgt, fliegt raus.

Da halt ich es doch lieber mit dem alten Fritzen, der sich, ganz lapidar, als ersten Diener seines Staates sah »Hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden«.
Die simpelste Beschreibung der Toleranz, die allerorten heut gefordert wird, doch niemand bereit ist, auch nur einen winzigen Funken davon, zu gewähren.
Denn die Freiheit des Einzelnen endet nun einmal dort, wo die des Nächsten beginnt.

Doch der Mensch, als Ganzes, in seiner überbordenden Identität, gewachsen aus der nimmersatten Hybris, mehr hat er nun mal nicht zu bieten, will sich ungeniert und ungehindert überall hin ausbreiten, kostete es auch, was es wolle.