von Thomas Günter

In den vergangenen 24 Stunden ward ich einer unschönen Entdeckung gewahr. Den lieben langen Tag trugen mich, nicht die eigenen Füße, sondern die vier, prall mit dem putzigen Gasgemisch, dass wir, die Menschheit, gemeinhin so lapidar als Luft bezeichnen, gefüllten und vulkanisierten Gummiräder des Automobils, jene Erfindung aus dem vorletzten Jahrhundert, die heutigentags gern für alles Übel dieser Welt als Synonym gebraucht wird, hierhin und bald dorthin.
Ich bewegte das Fahrzeug ganz unökonomisch, ebenso wie jeder Ökologiegläubigkeit abhold seiend, durch den nimmer enden wollenden Verkehr der Hauptstadt, der sich an so mancher Stelle recht enervierend zu stauen weiß.

Die Ideologie,

dass der Individualverkehr auf jeden Fall aus unseren Innenstädten zu verdammen sei, will hier nicht weiter trübsinnig hinterfragt werden. Es reicht schon, dass man/mann/frau/kind sich ihm hingeben muss, um das eine oder andere Reiseziel innerhalb der nunmehr geschleiften Stadtmauern, an die nichts mehr zu erinnern vermag, zu erreichen.
Vielmehr beschlich mich die befremdliche ebenso wie verstörende Erkenntnis, dass ich hernach, am späten Nachmittag, als es mir endlich gelang, wieder die heimische Trutzburg zu erreichen, wie es im Neusprech so schön heißt, »echt platt« war.
Bin ich nun alt und auch verbraucht? Zu keiner Leistung mehr befähigt, außer den einen oder anderen Text zum Besten zu geben? Hab ich meinen Zenit an Schaffenskraft schon so weit überschritten und schleppe mich nur noch vom zu Bett gehen, übers Aufstehen, um danach die Zeit herbeizusehnen, wann ich den ausgemergelten Leib und den erschlafften Geist endlich wieder auf einem bequemen Kissen zur Ruhe betten darf?
Wie sah es doch früher anders aus. Als noch die Werktätigkeit mich eng umklammert hielt. Da wollte immer noch ein Terminchen dazwischen passen, in den enggefassten Zeitplan, die Taktung, die über jede Sekunde des Tages ein allzu strenges Regime zu führen wusste.

Und sollte dies nicht reichen,

so konnte man noch immer die Nacht dazu benutzen, um der Dinge, die Mann, ich, in den 160 Stunden des normalen Arbeitstages nicht erledigend zu schaffen in der Lage war, abarbeitend weiter der selbst auferlegten Fron wie ein Esel hinter der Karotte an der Angel her hechelnd, Herr zu werden.
Und jetzt, so als Privattier, wie sieht es da aus mit der Belastungsfähigkeit? Sie ist dahin geschmolzen, wie alter Schnee im grellen Licht der Sommersonne.
Und während ich so über abstruse Formulierungen grübelnd einen weiteren Kaffee direkt in die linke Herzkammer befördere, um das Schlagen, dass endlose, klaglose, niemals vom Organ hinterfragt werdende, aufrecht zu erhalten, um nicht mit dem Gesichte, dieser Fratze, der von der Zeit und all dem Irrsinn, der uns umgibt, zerfurchten Visage, direkt auf die Tastatur zu knallen und eine noch unsinnigere Abfolge aus Buchstaben- und Zahlenkombinationen auf dem Bildschirm zum Leben zu erwecken, beschleicht mit einem Mal ein anderer, divergenter Gedanke das, was gemeinhin als Bewusstsein tituliert wird.

Nicht die Tatsache,

dass alleine die Erinnerung an den Starschnitt einer weiblichen Vergötterung des Menschengeschlechts aus der lang vergangenen Jugend zunächst reflexartig eine Hand in einem kurzen Augenblick der Überlegung verharren lässt, um danach zu entscheiden, ein Stückchen Kuchen, ein Käsebrot oder noch eine weitere Tasse des belebenden Gesöffs, das die Venezianer einstmals in die Welt zu bringen wussten, nun mindestens genauso recht, wenn nicht noch angenehmer wäre.
Nein vielmehr dreht sich die Überlegung, die sich mühsam durch einen Dschungel aus verworrenen Gedankengängen einen Weg zum Tageslicht zu schlagen sucht, vor allem darum, dass der zuvor begangene Raubbau am eignen Geist und Körper, diese Art der vollkommenen Selbstausbeutung, der wir uns alle, gar zu bereitwillig, hinzugeben in der Lage sind, einen allzu hohen Preis, einen niemals zu erstattenden Kredit, aufs eigene Leben, Wohlbefinden, das Vegetieren in der analogen, wie auch der digitalen Welt, einfordert.
Schlussendlich gab doch auch bei mir vor allem die Tatsache den Ausschlag, mein Dasein so radikal zu wandeln, dass der Körper, der in längst vergangenen Zeiten sogar mal so etwas wie Sportlichkeit aufwies, der Geist eines Nerds, gefangen in einer durchaus begabten Bewegungsmuskulatur, dem rabiaten Siechtum anheimfiel. Die Zahl der Ausfälle wurden Legion, kaum mehr aufzuhalten, nachdem der erste Damm gebrochen war, der so lang und mühsam aufrecht erhalten wurde.

Heutigen Tags wird es gern als Work–Life–Balance tituliert.

Doch stellt diese Formulierung nichts anderes dar, als die Option, auch diesen Aspekt des menschlichen Lebens, seiner unbedeutenden Existenz, der einzigen Religion unterzuordnen, zu der der Homo sapiens in dieser Zeit noch fähig scheint, dem Kapital.
Es will egal sein, um welchen Aspekt des Daseins es sich handeln mag, sei’s die Bekanntmachung der Bürger gegen den Rassismus, ein Happening, aus dem Gewinnmaximierung generiert wird; die politisch korrekte Ausdrucksweise, eine Buch- und Bilderflut, mit gleichem Ziel; die Solidarität in Phasen, wie der jetztigen, der Pandemie, da sie vom Bürger, weltweit, eingefordert wird, allein das Kapital wischt es mit kaltem, eisigen Lächeln beiseite, verlangt sie aber wohl von allen, um die eigenen Erträge noch weiter in unvorstellbare Höhen zu befördern.

Doch diejenigen, die, in einer nachgerade berserkerhaften Wut,

am heftigsten dieser Art des Glaubens folgen, erkennen noch weniger, dass durch dies Tun das eigene Lebenslichtlein viel schneller ausbrennen will, durch andauernde Belastung weit über ein verträgliches Maß hinaus, gleich einem Motor, der ausschließlich im roten Drehzahlbereich überlastet wird.
Und dennoch scheinen sie Vorbild, Wunschdenken für die Massen, die ihnen nachzueifern suchen, in der Hoffnung, selber ein kleines, winziges Krümelchen vom nicht mehr weiter teilbaren Kuchen, diesem Planeten, abzugreifen.
So kommt denn für mich, als alten weißen, manchmal auch weisen, Mann, die Erkenntnis wie ein Donnerschlag, der Kirchenglocken tönend dröhnender Gesang, die schmerzhafte Erkenntnis, dass so ein Tag, wie der vorangegangene, für eines Menschen Geist an Anregung, an Überforderung, an Belastung und auch Handlung, als Maß der Dinge wahrlich ausreichend erschien. Und das, was ich in früheren Zeiten leistete, ja leisten musste, ein Wahnsinn, eine Idiotie, gleich einer Geisteskrankheit, dem unwirschen Wegwischen der eigenen Existenz, gleichkam.

So will mir denn diese neue Mode,

das Hinterherrennen jeder Bewegung, jeder Gedankenströmung, das Hecheln nach Betroffenheit, die überbordende Moral, das als verwerflich Anprangern der Handlungen Dritter, Unbeteiligter, nur als ein weiteres Ausbeuten der eigenen Existenz, um das verlorene »Ich« zu finden, das doch an ganz falscher Stelle gesucht wird, erscheinen, in der kruden Hoffnung, auch daraus Kapital zu schlagen.
Und ja, ich halt nicht viel von dieser Menschheit, ganz unabhängig von meiner Misanthropie, gebärdet sie sich doch meist, die Analogien aus dem Tierreich wollen nicht zutreffen, beleidigte ich doch damit all die übrigen Vertebraten, wie der Malstrom, der um den Ereignishorizont einer ausgebrannten Sonne tobt, der alles, wirklich alles mit sich reißt und unwiederbringlich im dunklen Nichts auf immerdar verschwinden lässt.

Ich aber, ich will nur noch ein Beobachter von Außen sein.