Caterina di Montebasso

Der Worte sind schon so viel gesagt, doch noch lange nicht genug.
Erst war Corona in der Welt, nun beschäftigt uns der strukturelle Rassismus.
Es will schon dem Betrachter von außen merkwürdig erscheinen, wie hier, im Umgang mit den Demonstrationen sehr deutlich mit zweierlei Maß gemessen wird.
War das Zusammenkommen der Menschen, die, ob berechtigt oder nicht wird erst die Zukunft zeigen, in Sorge um ihre Bürgerrechte und die Verhältnismäßigkeit der weltweiten Einschränkungen getrieben, auf die Straße gingen, sehr schnell als wirres Denken, als Verschwörungstheorie abgestempelt worden, so werden nun die viel größeren Demonstrationen gegen den Rassismus wohlwollend durchgewunken. Gleichwohl die Ersteren sich an die verordneten Regeln hielten, trotz ihrer Skepsis, die Letzteren jedoch im wahrsten Sinne des Wortes darauf pfiffen und es noch immer tun.
So fragt denn heute in der Berliner Lokalpresse ein Kommentator nicht ganz zu Unrecht, warum nicht auch gegen China und sein Vorgehen in Hongkong, genau wie zum Beispiel gegen die Uiguren, demonstriert wird.

Ich glaube, dass hier zwei Dinge zusammenkommen,

die eine offene Mahnung gegen chinesische Maßnahmen nicht opportun erscheinen lassen, weder in den Köpfen weiter Teile der Bevölkerung noch in der überregionalen Presse.
Einmal stellt das Reich der Mitte mittlerweile den größten Außenhandelspartner unserer Industrie dar. Zum Zweiten, und das halte ich für eminenter, beherrscht ein starker Antiamerikanismus die Köpfe. Er resultiert aus der Zeit der 68er Bewegung, in der alles Übel dieser Welt ausschließlich über den Großen Teich zu kommen schien.
Damit verbunden tragen viele der heutigen Eliten, durch ihre Sozialisation, die »Mao-Bibel« wenn schon nicht mehr in der Manteltasche, so doch noch immer verborgen in ihren Herzen.
Das wird sehr deutlich in einem Gespräch, das Richard David Precht mit Robert Habeck im Zweiten Deutschen Fernsehen vor gut Jahresfrist führte. Hier schwärmt der Politiker der Grünen davon, dass, wenn die Menschen nicht dem Glauben seiner Partei folgen, dann müsse man sie, nach chinesischem Vorbild, eben dazu zwingen.

Eine erschreckende Vorstellung.

Und dennoch bezeichnend für unsere Zeit. In der Folge der sozialen Netzwerke hat sich eine Form der Meinungsbildung herauskristallisiert, die nur mehr entfernt an unser Grundgesetz erinnern möchte. Freie Meinung besteht nur noch dann, wenn sie kein Iota von der eigenen Lebenseinstellung abweicht. Ansonsten wird sie umgehend, laut schreiend, an den Pranger gestellt, verurteilt und, das stellt in meinen Augen das eigentliche Übel dar, diskreditiert.
Dies wird auch angestachelt durch eine falsch verstandene Akzeptanz und Toleranz gegenüber divergenten Lebensvorstellungen, die besonders in der Bundesrepublik, gerne soweit geführt werden soll, dass die eigene Identität am liebsten negiert werden würde.
Dabei ist es mittlerweile egal ob das Thema, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Feminismus, Gender Pay Gap, den Dieselmotor, Massentierhaltung das Klima oder und, und, und … betrifft. Sie alle gehen in der Betrachtung auch ineinander über, vermengen sich und bilden auf diese Weise eine entzündliche Melange.
Es steht hier nicht zu Debatte, dass diese eben erwähnten Inhalte alle von einer großen Relevanz sind. Stellt doch die Lösung dieser Probleme einen essentiellen Schritt zum Forterhalt der Gattung Mensch dar.
Viel erschreckender stellt sich dem Beobachter von außen jedoch dar, mit welcher Vehemenz die Auseinandersetzungen geführt werden. Gleichzeitig ist keinerlei Kontinuität in den Forderungen erkennbar. Ständig wechselnde Allianzen der Befürworter oder der Gegner lassen es in meinen Augen zunehmend schwerer erscheinen, wer noch wofür oder wogegen zu sein scheint.

An dieser Stelle sei noch einmal das Beispiel der freien Meinungsäußerung erwähnt,

ich darf gegen Rassismus demonstrieren, aber nicht dafür, dass ich überhaupt, oder wieder demonstrieren darf. Fast will es wie eine dissoziative Identitätsstörung erscheinen.
Vielleicht sind aber die Demokratie, die freie Meinungsäußerung, die Willensbildung eines jeden Einzelnen nach bestem Wissen und Gewissen ab einer gewissen kritischen Masse für die Menschheit gar nicht mehr möglich.

Möglicherweise bestimmt nurmehr die Angst unsere Erkenntnis.

Die Furcht davor, in der Uniformität der Masse unterzugehen und uns somit selber zu verlieren. Die individuelle Vorstellung, eines jeden Einzelnen aufrecht zu erhalten, in der Menge von mehr als 8 Milliarden Menschen, die um uns herum auf diesem Planeten ebenso ihr Dasein fristen. Zwar erscheint jeder von uns einzigartig, doch so sehr wir uns auch bemühen, keiner unterscheidet sich von seinem Nächsten so sehr, wie er es gerne hätte. Die Varianzen im Phänotypus sind nur marginal. Das Übrige ist bestimmt durch den genetischen Code, der bei uns allen gleich ist, sonst wären wir untereinander auch nicht kompatibel. Und somit scheint nur noch die Möglichkeit der weltweiten Konformität zu entfliehen, sich jedem Protest anzuschließen, der gerade en vogue erscheint.
Gerade die Angst ist ein starker Motivator, beinhaltet er doch automatisch die Sorge, das eigene Leben zu schützen und aufrecht zu erhalten. Furcht ist ein viel mächtigerer Antreiber, als die positive Bestärkung. Schließlich bedarf es bei Letzterer ein erhebliches Mehr an Zeit.

Mich interessiert auch viel mehr der Umstand, wo der Ursprung dieser Emotionen verortet war oder immer noch ist.

Fremdenfeindlichkeit stellt seit Jahrtausenden eine immanente Einstellung gegenüber allem Neuen dar. Sie, wie es heute gerne geschieht, mit dem Rassismus gleichzusetzen, stellt in meinen Augen einen Denkfehler dar. Der Rassismus mag eine Folge der Fremdenfeindlichkeit sein, diese hat aber ihren Ansatz in den Ursprüngen der zivilisatorischen Veränderung, die vor etwa 7000 – 10000 Jahren diesen Planeten komplett umwandelte.
Der Mensch veränderte seine Lebensweise radikal. Als Gegenentwurf zum Nomadentum, dem Jäger und Sammler, erwuchs die Idee der Sesshaftigkeit.
Bereits in den ersten protostaatlichen Siedlungen änderte sich die Wahrnehmung dahingehend, dass die noch immer nomadisierenden Stämme nunmehr eine Bedrohung darstellten. Weniger in Bezug auf Krankheiten, denn die wurden erst durch das enge Zusammenleben von Mensch und Tier ermöglicht, sondern in Hinblick auf einen ganz anderen Faktor.

Offenbar erzeugte das dauernde Leben an einem festen Platz eine soziologische Umprogrammierung.

Die Fremdenfeindlichkeit bezog sich also nicht auf die Jäger und Sammler an sich, sondern vielmehr resultierte daraus eine neu gewachsene Furcht vor der Freiheit, dem Fremden, dem Neuen und Unbekannten, der Möglichkeit, jederzeit dahinzugehen, wohin man wollte.
Besonders bei der herrschenden Schicht schürte dies Angst, bedeutet doch die Freiheit Dritter einen Verlust von Kapital, dahingehend, dass eine Abwanderung bereits Sesshafter zurück zum nomadischen Lebensstil häufig drohend bevorstand und damit die eigene wirtschaftliche Leistungskraft zu schwinden drohte. Um dem entgegenzuwirken, wurde ein streng hierarchisches Kastensystem etabliert, dass einerseits kaum Durchdringungsmöglichkeiten bot, andererseits aber dennoch die ständige Hoffnung und die Gier nach Aufstieg förderte und auch forderte.
Damit konnte ein weiterer angsterzeugender Faktor generiert werden, der vor dem sozialen Abstieg und damit den Verlust der bisher uniformen Gruppe.

Als Einzelperson sind wir uns dessen durchaus bewusst.

Als breite Masse hingegen verschwimmt die Wahrnehmung des Einzelnen. Die Fähigkeit zur Rationalität schwindet, je größer die Menge der Umgebenden ist. Das atavistische Herdenverhalten bricht aus den tiefen des Stammhirns hervor und beherrscht dann unser Handeln, denn das Denken ist in diesem Moment ausgeschaltet.
Sehr schön kann diese Verhaltensweise im Straßenverkehr beobachtet werden. Ein Einzelner wird nur sehr selten auf die Idee kommen, an einer belebten Straße, abseits einer entsprechenden Übergangsstelle, die Fahrbahn zu Fuß zu überqueren. Sammelt sich jedoch an dieser Stelle eine gewisse Menge weiterer Fußgänger an, so laufen diese, ohne sich als Einzelner seiner Individualität noch bewusst zu sein, auch bei starkem Verkehr, einfach los.
Ebenso will es bei den Massenprotesten gegen den systemischen Rassismus in den USA vorkommen.
Auch hier will mir, besonders bei den außeramerikanischen Demonstrationen, eher die Angst davor, sozial ins Abseits gedrängt zu werden, der antreibende Faktor als Motivation sein, als die tatsächliche Sorge um diese, seit langer Zeit bestehende Betrachtungsweise alles Unbekanntem.
Denn die Furcht, mit einem Mal allein zusein, bestimmt seit Jahrtausenden das Denken der Menschen. Die Angst vor dem ehemals Erstrebenswerten, beherrschet heute unser aller Sinnen und Streben, denn nur in der Menge fühlen wir uns in trügerischer Art und Weise sicher, sicher vor dem Unbekannten da draußen in der Welt. Somit scheint nicht die Ablehnung der verwerflichen Handlungen der Antrieb, gegen sie auf die Straße zu gehen, sondern viel mehr die Sorge darum, sozial von der Gruppe ausgeschlossen zu werden.
Gleichwohl ist damit auch die Missbilligung der Infragestellung der Pandemiemaßnahmen zu erklären. Bedeutet doch eine kritische Auseinandersetzung mit diesen, dass der Mensch sich einer Freiheit hinzugeben versucht, die er schon vor Jahrtausenden abgegeben hat. Die Freiheit zu Denken und zu Tun, wonach ihm gerade der Sinn steht.

Auch hierin zieht die Angst vor dem Fremden, dem Neuen, dem Unbekannten dem Geist die Fessel fester an, die er sich selber vor so langer Zeit, mit der Sesshaftwerdung, freiwillig um den Hals legte.