von Thomas Günter

Nach ausgiebigen semantischen Ausflügen in den vorangegangenen Elaboraten dachte ich so bei mir selber, dass es doch mal an der Zeit wäre, für eine ernsthaftere Betrachtung, eine eingehendere Reflexion meines Lebens als Privattier.
Bin ich dazu überhaupt in der Lage?
Wird das Schreibprogramm irgendwann akzeptieren, dass wenn ich »in der Lage« zu texten beabsichtige, mit keinem Wort die Lage in »Indien« kommentieren möchte, und aus diesem Grunde auch diesem Vorschlag weder jetzt noch in Zukunft jemals einwilligen werde.

Vielleicht beschließt der Algorithmus aber auch,

sollte mir doch die Idee zu einer indischen Geschichte kommen, diese niemals umsetzen zu können, weil er genau in diesem Text dann den »Inder« nurmehr als »in der« abzubilden willens sein wird.
Im Nachsinnen über das soeben Geschriebene, bemerke ich zutiefst bestürzt, dass mir schon wieder der eine oder andere syntaktische Winkelzug aus den Fingern quillt.
Dabei beabsichtigte ich mich doch in einer Rezeption, nicht die, die im Hotel den Eintritt ermöglicht, des selbstgewählten Lebensstils zu ergehen.
Des Morgens, lange nach dem ersten Hahnenschrei, erhebe ich den inkomplett vergammelten Kadaver, der einstmals in jungen Jahren einen recht ansehnlichen Anblick abzugeben vermochte. Der Versuch, das Schlagen der linken Herzkammer durch einen Koffeinschock zu starten, wird von einer fifty/fifty Chance begleitet.
Erst hernach greif ich mir die Tölen, um auch ihnen eine artgerechte Lebensweise zu ermöglichen. Der Gang bringt uns ins nahegelegene Auslaufgebiet. Nicht am Nasenring, gleich einen Zuchtbullen auf dem Jahrmarkt, eher in der Art der Löwin Elsa, die, frei geboren, in Kenia zum allgemeinen Vergnügen auf Celluloid gebannt werden konnte, werden die Vierbeiner dorthin geführt.
Sie, die Hunde, nicht die Löwin, dürfen unbeschwert herumtollen, ihre Nasen bald hierhin, bald dorthin in unterschiedlichste Duftkompositionen pressen, schwimmen, so ihnen der Sinn danach steht und mit gleichen ihrer Art ungehindert dem ausgelassenen Spiele frönen.

Erst danach beginnt für das Privattier die lustvolle Aufgabe,

all die Verwicklungen, derer sein verschwurbelter Geist zuvor durch intensives Nachdenken ansichtig werden durfte, der Korrekturfunktion der Textverarbeitung unterzujubeln; mit das Nervenaufreibenste an der Tätigkeit des Schriftstellers, will doch die Applikation andauernd die Neuschöpfungen in vermeintlich verständlichere Worthülsen umwandeln.
So muss denn manchmal die Entertaste den ganzen aufgestauten Zorn abfedern, der sich nach schier endlos wiederholter Gegenkorrektur so ansammelt.
Wenn danach, endlich befriedigt, der Text über den flimmerfreien Bildschirm wabert, die ärgsten Kalamitäten der Rechtschreibung ausgemerzt scheinen, dann steht bereits der nächste Ausflug mit den Fellnasen auf dem Kalender.
Auch ihre Därme und Blasen sind nicht bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter ausdehnbar, sondern wollen, genau wie die unsrigen, und mit zunehmenden Alter steigert sich die Frequenz erheblich, in schöner Regelmäßigkeit entleert werden. Dazu gesellt sich der Umstand, dass der Canide so an und für sich, ja doch ein recht ausgeprägtes Sozialleben an den Tag legt. Er ist bestrebt, in unserem Fall vor allem der vielbesungene italienische Lappen, der er gar nicht ist, aber das Vorurteil birgt so viele Variationsmöglichkeiten in sich, von einer ausgeprägten Kontaktfreude beherrscht wird. Ja sein ganzes Streben liegt scheinbar darin, möglichst viele andere Rüden zum herumtollen zu finden und gleichzeitig die Zahl der gestohlenen sowie gebrochenen Herzen in der Damenwelt gegen unendlich zu erhöhen.

So latscht denn das Privattier, tagein tagaus,

bei Wind, Sturm, Regen, Sonne oder Schnee geduldig den umherwirbelnden Mitbewohnern hintendrein.
Ganz nebenbei, das fördert den positiven Umgang mit Viren, Bakterien und all dem anderen Unbill, dass die Umwelt für dies zerbrechliche Wesen, dass wir in unserer Hybris Krone der Schöpfung zu nennen meinen, bereitzuhalten weiß, in erheblichem Maße.
Anders ausgedrückt, Hundebesitzer werden selten krank, also so die alltäglichen Malaisen, die den gemeinen Büroarbeiter immer wieder zwingen, seine Tätigkeit zu unterbrechen und mit entzündeter Nase, Kratzen und Beißen im Hals sowie unschön erhöhter Körpertemperatur die heimische Liegestatt außer zum Toilettengang, nicht zu verlassen.

Da merke ich voller Entsetzten,

dass ich schon wieder abdrifte und mich in endlosen Bandwurmsätzen zu verlieren drohe, die doch nur dem, der Spaß am Spiel mit Worten, Sprache, Texten hat, gefallen wollen.
Des Weiteren, außerdem klingt so profan, beschloss ich doch, ein gutes Stück weiter oben in diesem Text, dass ich einer Betrachtung meiner Selbst und des sich daraus ergebenden Lebens willig wäre.
Stattdessen ergehe ich mich ausschließlich in einer unoriginellen Aufzählung des Tagesablaufs.
Als schulischer Aufsatz abgefasst, stände sicherlich darunter, in hässlichem rot gekrakelt, Stil zu aufwendig, Thema verfehlt.
Doch mir solls recht sein, versuche ich doch bei meinen Romanfiguren eher eine psychologische Aufarbeitung ihrer Antriebe, Qualen und der daraus resultierenden Handlungsweise, mehr recht als schlecht, wie ich zu hoffen wage. Und wer das Gegenteil behauptet, der hat’s halt nicht verstanden.
Doch der Spaß, in einen vordergründig ernsten Sachverhalt, eine kleine absurde Explosion zu implementieren, zu sehen, dass dadurch nicht nur die Semantik, auch die Syntax durcheinanderwirbeln, und dadurch dem Wahnwitz unserer gesamten Existenz ein wenig der Glanz abhandenkommt, ist so viel größer, als sich in kurzen, ja abgehackten Sätzen, gleich einem Cäsarischen »veni, vidi, vici«, auszudrücken.

So ist’s denn für heut’ genug, mit der schöner Worte kurioser Narretei.