von Thomas Günter

Die Isolation macht mich fertig.

Komme ich mit der Einsamkeit doch nicht zurecht?
Der Schneesturm, der vor meinem Fenster und meiner Türe wütet, wird die Welt für immer verändert haben. In der Ferne glaube ich, Geräusche und Stimmen zu hören, vielleicht geschieht das aber auch nur in meinem Kopf. Das behaupten zumindest die fünf Fremden, mit denen ich die ganze Nacht gepokert habe. Erstaunlich dabei ist nur, dass, obwohl wir alle gesoffen haben, als gäbe es kein Morgen mehr, heute früh nur ein benutztes Glas auf dem Tisch stand.

Vorsichtshalber habe ich noch einmal die Reiskörner in den Beuteln gezählt.

Das Ergebnis ist noch immer dasselbe. Ich weiß noch nicht, ob es sich um eine Verschwörung der reisverarbeitenden Industrie handelt, oder ob die Verkäufer in den Supermärkten eine international verstrickte Mafiaorganisation bilden, aber in dem einen Beutel sind 14378 Körner, in dem andern nur 14356 Körner vorhanden. Das will mir doch sehr unheimlich vorkommen. Ich werde auf den geheimen Seiten von NSA, CIA, ARD, ZDF, den Illuminaten und den Bilderbergern nachforschen, worin der tiefere Sinn, der vor der gesamten Menschheit verborgen werden soll, liege könnte. Oder sind es doch die außerirdischen Reptiloiden aus dem Inneren der flachen und hohlen Erde, die versuchen mich von den eigentlichen Problemen abzuhalten.
Obgleich ich es mir immer gewünscht habe, dass ich auf dem Hauptweg im Wald urinieren kann, ohne dass mich jemand stört, ängstigt mich doch nun die Tatsache, dass ich diese so unwürdige Handlung endlich vollziehen kann. Vorsichtig, wie ein Reh im Winterwald, äuge ich dabei um mich, ob irgendwo schon die angedrohten Horden der Zombies und Untoten um eine Ecke gestürzt kommen, doch heute früh schien noch alles ruhig.

Nur die Insekten, die Unzahl an Vielfüßern,

die immer wieder auf meinem Körper und unter der Haut rumkriechen verstören mich zusehends.
Und wer ist der Fremde, der mich morgens im Spiegel so verstört anstarrt? Kenne ich ihn, will er mir etwas antun oder sollte ich ihm zuvorkommen und zuerst handeln? Ich weiß es nicht, diese Einsamkeit erzeugt zu viel Angst.
Ist heute Montag oder Dienstag, vielleicht auch Donnerstag? Wer kann mir diese Frage beantworten? Doch da draußen ist niemand mehr. Alle sind verschwunden. Keine Menschen nur noch wilde Tiere streifen auf der Suche nach Beute und Toilettenpapier auf dem Boden schnüffelnd und grunzend herum.

Oder bin ich das vielleicht selber? Bin ich überhaupt noch?

Was sagt das über meinen Zustand aus, wenn ich beginne, soziale Kontakte einzufordern?
Wahnsinn und Illusionen sind nun meine ständigen Begleiter. Der Videochat über WhatsApp erscheint auf einmal erstrebenswert. Ein anderes Gesicht eine andere Stimme, scheinbar real und doch nur virtuell und digital.
Und überall diese rote Flüssigkeit, die an den Wänden herunterläuft. Ist es Ketchup, ist es Blut oder handelt es sich um Himbeersaft? Mag ich Himbeersaft? Ich kann mich nicht mehr erinnern.
Diese Folter, diese Qual, dieses Alleinsein, wie lange werde ich es noch aushalten müssen. Die Striche an der Wand sprechen eine beredte Sprache, es sind schon 136800 von ihnen. Jeder einzelne von ihnen mit dem blutigen kleinen Nagel, den ich mühsam aus dem schwedischen Holzregal gezogen habe, in den Putz geritzt. So lange dauert bereits die qualvolle Isolation, die Einsamkeit, jedwedes fehlen von Kontakten, 136800 Sekunden oder 38 Stunden. Lebe ich noch, oder bin ich nur noch die Erinnerung einer Existenz …?

So oder so ähnlich sieht es nun in den Wohn- und Schlafzimmern weltweit aus.

Kaum einer kann mehr mit sich selber umgehen. Da wird sich mit lustigen Kleinkriegen, teils humorig, teils ernst, gegenseitig das Leben aus purer Langeweile schwer gemacht. Negative Kommentare, Anprangerung, Vorwürfe oder sinnfreie Aktionen werden mit der gesamten Welt geteilt. Der schwierige Umgang mit den neuentdeckten Mitbewohnern, die angeblich eigenen Kinder, der Typ oder die Frau, die nun ebenfalls jeden Tag auf dem Sofa rumhängen, und die die unhaltbare Behauptung in den Raum stellen, man sei verheiratet, bergen einen zusätzlichen sozialen Sprengstoff in sich.
Unabhängig davon, dass ich ja nun als Privattier mein kärglich Dasein friste, war auch ich einmal vor langer, langer Zeit ein Kind und ein Jugendlicher. Und soweit mich meine Erinnerung nicht allzu sehr trübt, was ich vermute, denn die gesammelten und mittlerweile eingescannten Fotografien aus dieser Zeit beweisen das recht deutlich, dann konnten wir uns damals, in der guten alte Zeit wars, kurz nach dem Aussterben der Saurier, sehr wohl und gut mit uns selber beschäftigen und spielen. Damals hatte niemand die Idee, dass wir als Kinder andauernd bespaßt und damit auch bevormundet werden mussten.

Vielleicht sollten also alle da draußen,

denen mittlerweile der Lagerkoller droht und die tatsächlich angefangen haben, die Teebeutelsammlung nach Farben zu sortieren, einfach mal den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen, die Kinder einfach spielen oder mit den Plastikbausteinen ein paar Stunden in Ruhe lassen, ein Buch nehmen, oder ein eBook und die Zeit dazu nutzen, mal wieder auf den Boden des Lebens zurückzukehren und verstehen, dass hektisches Business und irres Wischen durch die sozialen Netzwerke keinen Lebenszweck darstellen. Stattdessen, wenn man nicht zu den Infizierten gehört, ein wirklich soziales Werk vollbringen und der Nachbarin, die im Stock darunter wohnt, den Müll wegbringen, die Einkäufe erledigen und wenigstens durch die Tür oder am Telefon deren Einsamkeit ein wenig zu verringern. Und vielleicht hört man nach dem Ende dieser Situation nicht unbedingt damit auf, denn Geben ist tatsächlich Seeliger denn Nehmen. Vor allem ist es nicht so hektisch.

Aber das Privattier sitzt ja nur in seinem Elfenbeinturm und betrachtet die Welt voller Verwunderung von außen und möchte eigentlich gar nicht in Kontakt mit Dritten seiner Art treten. Es reicht mir fast immer, nur darüber nachzugrübeln.