von Caterina di Montebasso und Thomas Günter

Und Apollon, der Gott des Lichts,

der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung saß auf dem Bug eines Schiffes und schickte seine Pestpfeile unter die Griechen, die seit zehn Jahren die Stadt Troja belagerten.
Eine merkwürdige Koinzidenz, dass der Gott des Frühlings und der Mäßigung auch uns zu eben dieser Jahreszeit eine Krankheit sendet, die die Weltbevölkerung zur Mäßigung zwingt.

Das Tragische war,

dass der große Baumeister und Staatslenker Perikles, der Begründer der griechischen Klassik, die wir heute so mühsam in der Schule erlernen, eines der letzten Opfer der Pest war, die so heftig hinter den Befestigungen zwischen dem Piräus und der Stadt Athen während des peloponnesischen Krieges wütete.
Würde Markus Söder ein solches Schicksal am Ende dieser Viruswelle ereilen, wären die Geschehnisse vergleichbar, vergleichbar dramatisch. Aber von einem Trekkie zum anderen wünsche ich ihm viel Kraft und Gesundheit in dieser schweren Zeit.
Nun ist sie also da, die Ausganzbegrenzung. Nicht in allen Bundesländern im gleichen Umfang, aber doch vergleichbar. Dennoch gewinnt man den Eindruck, dass weite Teile der Bevölkerung den wirklichen Sinn noch immer nicht erfasst haben, warum nicht nur die Bundesregierung, sondern annähernd alle Staaten weltweit diese massiven Eingriffe in das Leben der Menschen vorgenommen haben.

Bei einem Teil wähnt man eine irrationale Panik

vor einer drohenden Apokalypse durch das Virus, ganz so wie wir es aus diversen Hollywood Blockbustern kennen. Nach kürzester Zeit ist die Hälfte der Weltbevölkerung dahingerafft. Bei den Übrigen gewinnt man den Eindruck, dass sie beleidigt, ob der Androhung des Hausarrestes, in ihre Wohnungen zurückkehren und die ganze Geschichte als überlange Zwangsferien ansehen.
Immer wieder kommen die Meldungen durch den Ticker, dass nur bestimmte, eng umrissene Bevölkerungsanteile erhebliche gesundheitliche Probleme bekommen und dem Rest kann ja nichts passieren.
Das ist richtig und das ist auch gut, denn so bleibt uns die Zombieapokalypse erspart.
Natürlich, da sind die Bilder aus Italien, die dramatisch sind, Militärlaster müssen die Menge an Leichen abtransportieren, schon über 4000 Menschen sind gestorben.
Jeder einzelne stellt eine tragische Geschichte dar, hinterlässt trauernde Angehörige, die sich nicht mal verabschieden konnten. Diejenigen, die ob des Kollapses des Gesundheitssystems in den eigenen vier Wänden sterben, werden wahrscheinlich noch nicht einmal erfasst.
Aber Italien ist weit, da liegen die Alpen dazwischen und der nächste Urlaub an den Stränden der Adria ist noch so lange hin.

Da ist die dramatische Bekanntmachung des New Yorker Bürgermeisters,

dass die Krankenhäuser der Stadt, die niemals schläft, dem Finanzherzen der Welt, schon nach wenigen Tagen ihre Kapazitäten erreicht haben, aus allen Nähten platzen und die zu erwartenden Opfer nicht mehr angemessen werden behandeln können.
Der Big Apple ist noch weiter entfernt, und die nächste Shopping Tour mit einem Billigflieger war doch sowieso erst für den Dezember geplant.
Und hier in Deutschland sind die Zahlen noch viel geringer. Einige Tote, mit dem Datum des Textes etwas mehr als 20.000 Infizierte, was ist das schon.
Ein Fliegenschiss, wie manche Politiker es wahrscheinliche gerne formulieren würden.
Eine etwas andere Form der Grippewelle, die trifft uns sowieso jedes Jahr, warum also dieser Aufstand, warum diese Maßnahmen, warum die Einschränkung des öffentlichen Lebens und die Beschneidung der Freiheit? Vor allem viele Jüngere denken so, da sie sich ohnehin geschützt und gewappnet fühlen.
Die Wahrheit, warum diese rigiden Entscheidungen unbedingt zu treffen waren, sind viel banaler und doch tiefgreifender, als die meisten es sich vorzustellen vermögen.

Es handelt sich um simple Mathematik.

Die alljährliche Influenzawelle trifft auf eine in weiten Teilen bereits vorimmunisierte Gesellschaft. Das führt dazu, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit eher linear verläuft, also 2, dann 4, danach 6, 8, 12 Infizierte und so weiter.
Diesen Anstieg an Erkrankungen des Atemwegssystems kann ein Gesundheitssystem, besonders das deutsche, dass über eine große Anzahl an Intensivbetten verfügt, ohne große Probleme oder Aufmerksamkeit verkraften. Es mag in Teilbereichen zu Einschränkungen kommen, die mögen auch für einzelne Personen ein Ärgernis darstellen, weil vielleicht eine Dienstleistung nicht in dem Zeitrahmen erbracht werden kann, wie es gewünscht wird, doch mehr geschieht nicht.
Durch die fehlende Immunisierung verbreitet sich dieses Virus jedoch exponentiell, das heißt in Zahlen 2, 4, 16 und dann bereits 256 infizierte Personen.
Wenn man diese Steigerung fortführt, dann wäre zu Beginn des Sommers ein Viertel aller Bundesdeutschen infiziert. Das stellte noch immer kein Problem dar, da diese Infektion ja leichter als, die klassische Grippe zu verlaufen scheint.
Doch ein Viertel der Bevölkerung stellen 20.000.000 Millionen Menschen dar. Wenn nur 5% davon erkranken, ist das bereits eine Millionen. Rechnen wir weiter, 10% dieser Erkrankten müssen intensivmedizinisch versorgt werden. Wir sprechen hier von nur 0,5% der Gesamtinfizierten. Und das sind sehr vorsichtige Schätzungen. Das wären dann 100.000 Patienten, die auf eine entsprechende Behandlung angewiesen wären. Und damit steht das System bereits vor dem Kollaps. Eine solche Zahl Erkrankter ist selbst das deutsche Gesundheitssystem nicht in der Lage zu versorgen.
Denken wir an den nächsten Schritt. Ein Staat stellt im Grunde genommen genau das gleiche dar, wie jedes andere System. Ob es sich dabei um ein biologisches, ein physikalisches, ein technisches oder eben ein soziales handelt, ist nebensächlich.
Wenn in einem solchen System ohne Vorwarnung eine Stellgröße eine erhebliche Änderung erfährt, dann brechen die Regulierung, der Zusammenhalt mit einem Mal auseinander. Die ihn umgeben Strukturen würden wie die Dominosteine einer nach dem anderen unaufhaltsam fallen.
Vielleicht begänne es mit Ausschreitungen, da der Behandlung eine Triage vorgeschaltet wäre, das heißt, die Entscheidung, wer überhaupt noch behandelt werden würde. Die Kassen könnten den Aufwand nicht mehr bezahlen, das zöge den Geldmarkt nach sich, Kredite für die Industrie würden platzen und das wahrscheinlich erschreckende Endergebnis wären bürgerkriegsähnliche Zustände. Nicht nur in Deutschland, sondern, da es sich um eine Pandemie, also ein weltweites Ausbreiten handelt, eben auch überall sonst auf diesem Planeten. Nicht sofort aber auch hier fielen die Staaten einer nach dem anderen wie die Dominosteine. Denn der Planet Erde stellt auch nur ein in sich geschlossenes System dar. Größer zwar als die, die wir aus unserer direkten Umgebung kennen, aber dennoch nicht davon verschieden.

Um also den Kollaps aus einem Teil des Gesamtorganismus fernzuhalten,

blieb den Politikern nichts anderes übrig, als so viele Steine wie möglich gezielt aus dem Spiel zu nehmen, damit eben eine solche Kettenreaktion nicht stattfindet. Am Ende der Entwicklung können sie wieder aufgestellt werden, ohne dass sie gefallen sind.
Doch wie soll es weiter gehen? Wie lange kann ein Staat, auch ein so reicher wie die Bundesrepublik diesen Ausnahmezustand ertragen? Wie viel Geld kann das System ausspucken ohne, nicht nur in eine Rezension, sondern in eine erhebliche Inflation zu geraten? Das hängt zum einen erheblich vom Durchhaltevermögen der Bürger ab.
Auch dafür schreibe ich diesen Text, um das eigentliche Problem hinter einer vermeintlichen harmlosen Viruserkrankung darzustellen.
Wie diszipliniert verhält sich die Bevölkerung und wie lange kann sie dies aufrecht erhalten? Der Frühling steht vor der Türe, das Wetter wird besser, viele werden, spätestens nach den Osterferien, wieder vor die Türe wollen. Die Geschäfte müssen weitergehen. Existenzen sind bedroht. Auch der Staat kann eben nicht unbegrenzt alimentieren.
Dazu wird sich ein wieder verstärkt auftretendes Gefühl gesellen, es ist doch gar nichts passiert, warum soll ich mich noch immer in den eigenen vier Wänden aufhalten.
Die Aggressivität wird zunehmen, da keine Bedrohung mehr erkennbar ist, kein Feind ist offensichtlich am Horizont erschienen, denn der wohnt noch immer in uns.
Das Ziel dieser Aktion ist auch ein anderes. Das Virus ist nicht zu besiegen, es geht ausschließlich darum, die Zahl der Infektionen auf einen sehr viel längeren Zeitraum auszudehnen, um damit die Anzahl der gravierenden Fälle in einem Maß zurückzuhalten, die es dem System ermöglicht, nicht weit über die Grenzen seiner Kapazitäten hinaus belastet zu werden. Flatten the curve, der Satz, der die Runde macht. Das Abflachen der Kurve ist das Ziel all dieser Maßnahmen. 100.000 Patienten sind zu behandeln, das stellt ein Leichtes dar, das ist kein Problem, wenn sie über einen entsprechend viel längeren Zeitraum auftreten und nicht alle auf einmal.
Zusätzlich wird dadurch Zeit gewonnen, ein bei jedem medizinischen Notfall essentieller Faktor, der über Gelingen oder Versagen entscheidet. Zeit, die die Forschung benötigt, um einen Impfstoff zu entwickeln, der in der Tat wirksam ist, Zeit um unkonventionelle Denkansätze in der Behandlung zu ermöglichen. Denkansätze, die aber evaluiert werden müssen. Erfolge bei einem Patienten bedeuten nicht zwingend, dass es bei nächsten auch zu einer Heilung führen wird.
Das alles können wir erreichen, wenn wir uns für einen kurzen Zeitraum disziplinieren. Unsere Großeltern haben viel schlimmeres durchgestanden. Sie wurden zu Millionen in Lagern ermordet. Sie wurden zu Millionen ausgebombt. Sie sind, auf allen Seiten, zu Millionen in zwei schrecklichen Kriegen gestorben, verreckt im Dreck und im Elend.
Wir dagegen müssen nur für ein paar Wochen zu Hause auf dem Sofa sitzen und nichts tun, damit wir nicht in die Umstände abgleiten, die die Generation unserer Ahnen so grandios weltweit gemeistert hat.
In unserer hypertrophen Zeit wird auch gerne vor schweren psychologischen Problemen gewarnt, die uns durch die augenblickliche Situation drohten.

Vielleicht besinnen wir uns alle einfach nur darauf, dass niemand von uns eine Sonne darstellt, um die sich ein gesamtes Universum zu drehen hat, sondern dass wir uns, alle gemeinsam auf einem Planeten lebend, um eine Sonne drehen, und nicht so wichtig sind, dass unsere Freiheit die Freiheit der anderen massiv einschränken darf. Dann funktioniert das auch wieder mit dem Zusammenleben und der Solidarität.