von Thomas Günter

Das Ende ist nahe!

Reinigt Eure Seelen vor dem jüngsten Gericht …
So oder so ähnlich unken die Weltuntergangs- und Verschwörungstheoretiker.
Tatsächlich huscht nur eine recht unschöne Virusepidemie über den Planeten.
Die Erde rächt sich endlich!
Na ja, das nun auch wieder nicht. Da will mir doch vor allem der alte Witz einfallen: Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine zum anderen »O Gott, ich hab homo sapiens.« Antwortet der andere »Halb so wild, hatte ich auch mal, geht von alleine wieder weg.«
Mein heimliches Lebensziel bestand darin, alleine in meiner Bude hocken zu dürfen, meine Gedanken in die Festplatte des Computers zu pressen, schweigsam mit meinen Hunden im Wald und auf der Wiese spazieren zu gehen, zu lesen, und zwar die großen Werke der Welt, nicht den Quatsch wie, Liebe in den Zeiten der Cholera oder auch vom Winde verweht, nein ich spreche von den wirklich wichtigen Büchern wie Platon, Plutarch, Thomas von Aquin, Kant und wie sie alle heißen mögen.

Na ja, weitestgehend schaff ich das auch für mich.

Also zumindest die Chose mit den Spaziergängen und dem zu Hause in der Bude hocken. Einen Lagerkoller hab ich auch in den zwei Jahren nicht bekommen. Das liegt zu einem gerüttelt Maß auch daran, dass ich mir die meiste Zeit selber genug bin.
Den Rest erledigen dann Netflix, Amazon und Sky für mich. So viel zumindest zum Thema Lesen. Ja, ja, Schande über mein Haupt, Asche auf die Seele und am besten noch von einem Piratenkapitän, der ein knurriges »Harrrr« von den Lippen presst, kielgeholt werden, für all die verschwendete Zeit mit den Streamingdiensten.
Gleichzeitig nimmt es mich immer wieder Wunder, wie groß der Stapel gelesener Bücher in dieser Zeit geworden ist, der nirgendwo mehr in die ohnehin prall gefüllten Bücherregale hineinpassen möchte.
Vielleicht hab ich ja Heinzelmännchen in der Wohnung, die des Nächtens das Vergnügen des Lesens und Lernens von und über die Welt für mich erledigen? Wer kann das schon wissen?

Und nun das. Das Virus ist da.

Die Leute sterben, zwar nicht wie die Fliegen und auch nicht in allzugroßer Zahl, aber die, die es trauriger Weise erwischt, die rafft es dahin. Beachtenswert ist dabei vor allem die Tatsache, dass sie alle sehr reinlich gepflegte Hintern haben, zumindest in Deutschland.
Um aber die Ausbreitung zu minimieren, denn das Gesundheitssystem wird über kurz oder lang an seine Grenzen stoßen, ist es opportun, mal für eine kleine Weile nicht andauernd jedes Event mitzunehmen und in, mir ohnehin zuwider seienden, großen Horden blökend durch die Lande zu streifen.
Mein bisheriger Lebensstil, der von den meisten im Bekanntenkreis skeptisch beäugt wird, die Begriffe schrullig (immer mit einem krampfhaft freundlichen Lächeln versehen) und skurril stellen noch die harmlosen Kommentierungen dar, war eher einzigartig.
Wenn ich mit der Kamera durch die Gegend eile, kann ich mich ja zumindest hinter dem Sucher verstecken und damit die Kontaktaufnahme Dritten gegenüber vermindern. Die dumme Fragerei nach dem Ansehen des Bildes kann ich glücklicherweise in meiner mir eigenen Art, ich bezeichne sie als »noch« freundlich, meine geliebte Ehefrau (die beste von wirklich allen, das muss hier auch gesagt werden dürfen) interpretiert es eher in der Weise »Wenn Du ihn tötetest wäre es gnädiger!«, verhindern, da es sich meist um eine alte, analoge Knipse handelt.

Nun aber, in den Zeiten der Coronakrise,

soll diese meine Haltung für einen gewissen Zeitraum in ganz Europa, ja weiten Teilen der Welt, den Standard darstellen.
Da habe ich also nun seit Jahren als leuchtendes Vorbild für die Menschheit gedient, und niemandem scheint dies aufgefallen zu sein. Im Gegenteil, ich werde auch noch mit der Frage belästigt, wie ich den mit der drohenden Isolation umgehen werde.
Meine Antwort »Gar nicht, für mich ändert sich doch nichts«, wird wiederum nur mit skeptischen Kopfschütteln beantwortet. Die Höflicheren meiner Zeitgenossen fügen noch ein »Du warst ja schon immer anders« hintendrein.
Und? Wird diese meine Vorbildfunktion entsprechend gewürdigt? Werde ich lobend in den Nachrichten erwähnt, zum neuen Superhelden dieses Planeten gekürt, darf ich, wenn alles vorbei ist, kleinen Kindern über Kopf streichen und Hunde küssen? Schenken mir junge Damen Blumen und ihre volle Aufmerksamkeit? Werde ich von Talkshow zu Talkshow herumgereicht werden? Immer mit der Aussage, dass mein Stil es ermöglicht haben wird, diesen Planeten zu retten? Nein, nicht im Geringsten. Stattdessen bin ich nun umgeben von Nachahmern, schlechten Plagiatoren, von Copyrightklauern und all dem anderen Gesindel, das nun ebenfalls zu Hause bleiben muss.

Die einzige Freude, die nun noch für mich übrig bleibt,

besteht in der Tatsache, da sich für mich nichts ändert, ich weiterhin meine ungezügelte Freude an diesem Lebensstil genießen darf, mich meinen Texten widmen kann, das Internet mit sinnlosen Botschaften überflute, dass vor allem und das stellt für meine Person den wichtigsten Fakt dar, der Rest der Welt keinerlei Spaß hat an der Misanthropie, die ich so pflege. Sie alle werden leiden, sie werden sich zerfleischen, sitzend in ihren Wohnungen, wenn Netflix fertig haben wird, sie werden jammern und heulen, die Fingernägel abknabbern und das Internet leerkaufen (falls sowas überhaupt geht), und dann, ja dann, wenn alles vorüber sein wird, werden sie bewundernd zu mir aufschauen und ehrfurchtsvoll flüstern, so wie Goethe im Jahre des Herren 1808 zu Napoleon sagte, als sie sich das erste Mal trafen: Voilà un homme!

Na ja, man wird ja wohl noch mal träumen dürfen, oder etwa nicht?

All denjenigen, die nun zwangsweise zu Hause sitzen, ein wenig Home- office machen dürfen, aus der Jogginghose nicht mehr raus kommen, den wünsche ich viel Erfolg im Umgang mit sich selber. Und ein Ratschlag: Beschäftigt Euch nicht zu sehr mit Euch und denkt über das eigene Leben nach, Ihr werdet nur enttäuscht sein von dem, was ihr vorfinden werdet. Fangt lieber bei Netflix wieder von vorne an, das Meiste habt ihr sowieso schon wieder vergessen. Das ist nun mal so, wenn man den ganzen Tag nur ins Handy starrt, die wenigen Informationen von dem kleinen Bildschirm schränken mit der Zeit auch die restliche Kognition sehr stark ein. Ach ja und singen auf dem Balkon stellt keinesfalls eine Ruhestörung dar, es verbindet euch mit der Welt, ohne dass ihr körperlichen Kontakt haben müsst.

Ich jedenfalls genieße mein Leben als Eremit weiter, so als wäre für mich nichts geschehen. Und außerdem genieße ich die abendliche Ruhe auf den Straßen der Stadt.