von Caterina di Montebasso und Thomas Günter

Vor allem in der Partyhauptstadt ist es offenbar unmöglich,

sich für einen gewissen, im Vergleich zur Lebensspanne wirklich kurzen Zeitraum, mal zurückzunehmen und den Empfehlungen der Regierenden zu folgen.
Besonders die Fridays for Future Generation, die sich doch auf die Fahnen geschrieben hat, einen alle Ungläubigen vernichtenden Feldzug zur Rettung des Weltklimas zu führen, gebärdet sich nun wie der bereits im letzten Text erwähnte Prinz Prospero.
Sie machen Party. Die Schließung der Schulen gewährt ihnen die Möglichkeit, in großen Gruppen überall in der Stadt »abzuhängen«, wahrscheinlich benutze ich diesen Begriff als alter weißer und ein wenig weiser Mann im falschen Kontext, doch überall wo man hinsieht, entdeckt man Gruppen von ihnen, häufig mit alkoholischen Getränken, die auch noch die Runde machen. Alle nehmen einen tiefen Zug aus derselben Flasche. »Was will mir der rote Tod schon anhaben, ich bin jung und gesund.«

Ist unsere Schulbildung bereits so schlecht, dass sogar die auditive Kognition nicht mehr greift?

Das die jungen Menschen damit das Risiko der ungebremsten Vermehrung einer solchen Viruserkrankung noch potenzieren und damit geradezu die Ansteckung ihrer nächsten Verwandten fördern, scheint in der Weltrettungswolke keinen Platz mehr zu finden.
Hier tut sich besonders Berlin, wie bei so vielen schlechten anderen Gewohnheiten, wieder einmal besonders hervor. In der Nacht zu Mittwoch, also heute, dem 18.03.2020, musste die Polizei mehrere Etablissements schließen, da die Betreiber auf die grandiose Idee gekommen waren, einfach die Scheiben abzukleben und nur Einlass gegen ein geheimes Klopfzeichen zu gewähren. Wie in Amerika zu Zeiten der Prohibition. Und gezahlt wird wahrscheinlich mit Toilettenpapierstreifen!
Gleichzeitig setzt der Senat der Hauptstadt die Empfehlungen der Bundesregierung nur halbherzig um. Kinderspielplätze dürfen geöffnet bleiben, ebenso das Tempelhofer Feld.

Party all the Time.

Die Kinder sollen nur von ihren Eltern aufgefordert werden zu den anderen Halbwüchsigen mindestens 1,5 Meter Abstand zu halten.
Sicherlich ist das dem Umstand geschuldet, dass Verbote die freie Entwicklung eines Kindes behindern könnten. Und sie sollen sich doch alle zu kleinen Diktatoren entfalten dürfen. Die Sojalattemacchiato Fraktion in den einschlägigen Bezirken, die sicherlich schon damit beschäftigt ist, wirtschaftlich ihr Scherflein ins trockene zu bringen, wäre sonst in ihrer Selbstverwirklichung zu eingeschränkt.
Die Solidarität, die nun aller Orten von Nöten wäre, gilt halt nur solange, wie meine persönliche Freiheit die Unfreiheit meines Nächsten auch wirklich einzuschränken vermag.
Eine wirkliche Empathie für diejenigen, die ununterbrochen um das Überleben der, zum Glück noch immer geringen Anzahl, schwer Erkrankter in Deutschland, kämpfen interessiert mich nicht, ich will meinen Spaß, ich will ihn sofort und ich habe eine UNBEDINGTES Anrecht darauf. Nach mir die Sintflut. Und schön wars wieder in Ischgl in diesem Jahr! Und weil die Schulen geschlossen sind, hab ich mehr Zeit dafür.
Wo bleibt eigentlich Frau Neubauer, selbsternannte Wortführerin der Weltenretter in Deutschland, mit einem mahnenden Aufruf an alle ihre Jünger, nun in dieser Zeit, ich möchte den Begriff Krise nicht inflationieren, sich zu mäßigen, um die exponentielle Ausbreitung des Virus erheblich zu minimieren?
Bisher hat man von ihr noch keinen Ton vernommen, genauso wenig wie von den Grünen oder der Linken.

Schweigen im Walde.

Aber vielleicht ist das auch besser so, denn je weniger sie sich zu Wort melden, desto geringer ist durch sie die Verbreitung des Virus durch Tröpfcheninfektion zu erwarten.
Möglicherweise liegt deren beredte Schweigsamkeit auch darin verborgen, dass die momentane, weltweite Situation nicht in ihr faschistisches Weltbild, das keinerlei Dissens zulässt und erträgt, passt.
Bleibt noch immer die Frage, warum besonders in Berlin die Maßnahmen nicht oder nur teilweise realisiert werden.
Hie und da ist zu vernehmen, dass der Senat entspannter mit der Situation umzugehen vermag. Ich halte diese Einstellung für ebenso fatal, wie die Tatsache, dass sich niemand in der Hauptstadt Gedanken zu machen scheint, wo der Weg hinführt.
Es geht dabei nicht um möglicherweise 10 Millionen oder mehr infizierte. Solange keiner von ihnen einem Blutdurst erliegt und wild um sich beißt, ist das alles kein allzu großes Problem. Und mit grippeähnlichen Symptomen kommen wir alle ganz gut zurecht. Es geht hierbei um die Tatsache, dass die, die schwer erkranken in einem unheimlich wirkenden kürzeren Zeitraum in eine lebensbedrohliche Situation sinken, die nurmehr schwer händelbar zu sein scheint. Und diese Infizierten sind es, die die Sozialsysteme, namentlich die Krankenhäuser in kürzester Zeit, ob ihrer Zahl, an die Grenzen der Behandlungskapazitäten bringen und damit auch weit über die menschenmöglichen Anstrengungen, die dennoch vollbracht werden, hinaus belasten.
Berlin und die Berliner gehen also wie immer viel zu lax mit dieser Konstellation um, denn mittlerweile regiert eben in der Hauptstadt nur noch der Gedanke an das eigene Wohlgefallen. Ob ich den Nebenmann infiziere oder er mich, ist dabei anscheinend vollkommen egal.
Vielleicht sieht es die Stadt in ihrer »Arm aber Sexy« Selbstwahrnehmung, die über die Jahre immer gestörter erscheint, auch alles nur als ein großes Spiel an, das nicht so viel Aufmerksamkeit verdient, wie die Jagd nach den Pokémons auf dem Smartphone.
Ich verstehe dabei die Ängste der Menschen, die Ängste um den Arbeitsplatz, die Ängste um das eigene kleine Geschäft, die Ängste um die Existenz. Diese Ängste führen, als conditio sine qua non, zu irrationalen Reaktionen auf die Bedrohung, und sie werden durch den Turbokapitalismus des letzten Jahrzehnts noch befeuert, in dem es nur hieß, schneller, mehr, teurer, doch die Angst um das eigene Leben sollte bei all den Unwägbarkeiten und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die uns bevorstehen, dem anderen unbedingt voranstehen.
Und wenn die Bundesregierung schon reagiert, langsam aber immerhin, dann sollte eine der ersten wirtschaftlichen und vor allem solidarischen Maßnahmen darin bestehen, nach italienischem und spanischen Vorbild, die Leerverkäufe am Aktienmarkt, am besten rückwirkend, zu unterbinden, damit nicht die üblichen Verdächtigen aus einer globalen Krise auch noch einen unverschämt hohen Gewinn ziehen können und dürfen.
Doch ich fürchte, dass die deutsche Regierung auch hier, wie bisher schon, zu ängstlich und zu zögerlich agieren wird, nur an die Solidargemeinschaft appelliert und erst zu spät bemerkt, dass dieser Aufruf ungehört, wie Zigarettenrauch in einer Frühlingsbrise, verhallt und verweht.

Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Selten traf dieser Satz mehr zu, als in diesen Tagen, besonders in der Hauptstadt.

Auf diese Weise bereitet sogar die Beobachtung von außen, die unser Autorenkollektiv so gerne aus sicherer Entfernung zu anderen Menschen betreibt, kein Gefallen mehr. Es macht nur aggressiv. Hat es aber dennoch geholfen diese Zeilen zu verfassen? Nein, denn die Meldungen über die Dummheit der Menschen reißen nicht ab.