von Caterina di Montebasso

Sowohl ich für meine Person,

wie auch mein kongenialer Partner in Write, eine mehr als passende Umschreibung für unser Kollektiv, verbringen, ausgelöst durch unseren ausgeprägten Hang zur Misanthropie, ohnehin viel Zeit alleine, zu Hause vor dem Bildschirm sitzend, die Welt, bei mir das Universum, ex Kathedra betrachtend, und wollen uns doch immer wieder die Agen vor Verwunderung reiben, was so vorgeht auf diesem Planeten.
Sei es der angeheizte Generationenkonflikt, der schon lauernd hinter der Türe wartet, die Krallen wetzend, wann er endlich zuschlagen kann, um sein mörderisches Gebiss in den zuckenden Leib der Gesellschaft zu schlagen und es auszuweiden.
Soweit sind wir zum Glück noch nicht ganz gekommen, doch wenn ich mir die neuste Entgleisung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten betrachte, dann wir mir Angst und Bange. Die Jüngste bin ich ja nun auch nicht mehr, die 60 steht vor der Türe und damit scheine ich für die nachfolgende Generation als Schuldige, wenn mich das Virus nicht rechtzeitig beseitigen sollte, bald zum Abschuss freigegeben zu sein.
Uns und vor allem unseren Eltern wird schließlich vorgeworfen, wir hätten den Planeten die letzten 50 Jahre vor die Wand gefahren. Dabei waren die und wir es, die nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges in weiten Teilen eine liberale Gesellschaft etablieren konnten und durften.

Doch die, die heute am lautesten schreien sind die eigentlichen Übeltäter.

Sie sind es, die im Halbjahresturnus die Wohnung beim schwedischen Möbelhändler neu einrichten, sie sind es, die andauernd neue elektronische Spielzeuge fordern und damit den Energieverbrauch in die Höhe treiben. Sie sind es, die jede Art von Solidarität über Bord werfen, unter dem Deckmäntelchen der Weltenrettung, und ihre eigenen Wünsche und Begehrlichkeiten mit der Effizienz eines riesigen Abraumbaggers durchsetzten. Sie sind es, die jeder Modeerscheinung hinterherrennen und damit die Möglichkeiten der Bekleidungsindustrie auf astronomische Gewinne steigern.
Und mit Astronomie kenn ich mich nun mal aus. Aber hierbei werden Dimensionen erreicht, die meine kühnsten Träume bei weitem übersteigen.
In Asien, vor allem in Südkorea und in China geht die Zahl der neu Infizierten seit einigen Tagen rasant zurück. Waren die Maßnahmen, die die Regierungen beider Länder ergriffen haben, zu brachial? Das werden erst spätere statistische Auswertungen des gesamten Geschehens belegen können.

Noch feiert die Erkrankung in Europa und dem Rest der Welt fröhlich Urstand.

Warum in meiner Heimat eines der schwersten Epizentren existiert ist noch nicht geklärt. Vielleicht wird es das auch nie. Meine Landsleute neigen zum Glück dazu, nach einer überstandenen Krise aufzustehen, den Staub abzuschütteln, in die Hände zu spucken und weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Solange die Gameshows auf RAI laufen, Inter, Juve und der SSC international ihre Spiele gewinnen und Ferrari in der Formel 1 die vorderen Ränge belegen kann, werden der Papst und der liebe Gott schon das ihrige dazutun, dass die Sonne wieder scheint und der Furor teutonicus im Sommer die Strände belegt. Vielleicht noch nicht in diesem Jahr, aber im nächsten ganz bestimmt wieder.
Doch haben die Maßnahmen in Südostasien den Virus in den Griff bekommen, oder liegt es nicht viel eher an der Art des Kollektivverhaltens auf Seiten der Bevölkerung, dass das Schlimmste relativ glimpflich abgegangen ist?
Ich denke ja. Denn die Bewohner jener Länder neigen eher dazu, angeordneten Maßnahmen, ohne dabei in Panik und Hysterie zu verfallen, umzusetzen und dennoch dabei, so gut es geht, den Alltag in einem geregelten Gang fortzuführen.
Es ist also eher der Disziplin der Menschen zu verdanken, als wirklich den drakonischen Maßnahmen, besonders der chinesischen Staatsführung.

In meiner Heimat gehen die Menschen mit Gesängen auf den Balkonen mit der Krise um.

Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen, alle sind beisammen, ohne zusammen zu sein.
Und hier in Deutschland? Abgesehen davon, dass es wahrscheinlich eine Unzahl an Klagen wegen Lärmbelästigung gäbe, würde sicherlich auch sofort der mahnende Zeigefinger erhoben, dass solche Aktionen doch sehr an die Fackelmärsche der Nationalsozialisten erinnerte und aus diesem Grunde unbedingt unterbunden gehörten.
Gleichzeitig käme in einem Land, deren oberstes Ziel mittlerweile ausschließlich die Selbstverwirklichung der jungen Menschen zu sein scheint, ohnehin niemand auf die Idee, dass man sich aus solidarischen Gesichtspunkten auf den Balkon begäbe, damit die übrigen Leidtragenden, genauso wie man selber, sich nicht so alleine fühlen müssen.
Dagegen sprechen auch die Hamsterkäufe, die nun die Regale leerfegen. Hauptsache ich habe Seife und Toilettenpapier für die kommenden einhundert Jahre, ist mir doch egal, ob mein Nächster im Dreck versinkt. Dass diese Handlungsweise auch noch zu einer Vermehrung führt, scheint in die Köpfe bei all der Irrationalität nicht mehr zu passen. Denn wenn sich niemand mehr die Hände waschen kann, dann freut sich nicht nur das Virus, dann freuen sich auch eine Menge anderer Tierchen, Pilze und Keime, die so in unserer Gesellschaft existieren können.

Nach dieser langen Einleitung nähere ich mich nun der Frage,

die mich eigentlich umtreibt. Wie werden die Folgen der Gesellschaft, besonders in der Bundesrepublik aussehen? Die bereits deutlich erkennbaren Sprünge und Risse, die entstandenen tiefen Furchen die sich kreuz und quer durch die Gesellschaft ziehen, verharren für einen kurzen Augenblick in einer erwartungsfrohen Spannung, wie es weitergehen wird. Schaffen die Deutschen es, die Brüche wieder zu kitten und zurückzukehren zu dem, was Deutschland nach dem Krieg zu einer der wichtigsten Wirtschaftsmächte auf die diesem Planeten gemacht hat, die Solidargemeinschaft? Oder bricht das Land endgültig in eine Vielzahl kleiner und kleinster Inseln und Interessengemeinschaften auseinander, die dem Betrachter von Außen das gleiche Bild vermitteln werden, das einst das lose Sammelsurium aus Kleinststaaten nach dem 30-jährigen Krieg aufzeigte?
Nach solchen vermeintlich satirischen Texten, die der Staatsfunk verbreitet, fürchte ich, dass die Umwälzungen und der Streit ebenso wie die Auseinandersetzungen zwischen Arm und Reich genau wie die, zwischen rechts und links, mit einer Heftigkeit ausbrechen werden, dass die Europäische Union sich zukünftig Gedanken machen muss, ob dieser Staat überhaupt noch in das Gesamtkonzept passt, dass ihre Gründerväter einstmals vorgesehen hatten.
Bisher ist jedenfalls von einer kollektivistischen Solidarität in der Bundesrepublik nichts zu spüren, sondern nur das eine, Hauptsache meine Bedürfnisse werden befriedigt und dann nach mir die Sintflut.
Kein Singen, kein Teilen zeichnet sich am Horizont der hausgemachten Krise ab. Dafür werden wir mit Beleidigungen und einem Liveticker überflutet, die weder einem echten Informationsfluss dienen, noch einen gemäßigten Umgang mit einer Erkrankung, die im Gegensatz zum allgemeinen Leben längst nicht so gefährlich ist, wie es viele gerne hätten.

Da schaue ich doch lieber weiter in die Sterne, vielleicht habe ich ja das Glück ausgerechnet den Planetenkiller zu entdecken, der dem Drama ein Ende zu setzen vermag. Aber der Weltraum ist so unermesslich riesig und dieser Planet darin so winzig, dass es ohnehin niemandem auffallen würde.