von Caterina di Montebasso

Die Liebe ist langmütig und freundlich,

Die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird. So heißt es im 1. Korinther Brief 13; 4-8.
Gerne wird dieser Satz zitiert, in der Populärkultur, in ernsthaften Betrachtungen, in Fernsehserien und vor allem als Taufspruch oder Ehegelöbnis.
Und neuerdings auch in einer Trash Serie des amerikanischen Streaming Senders Netflix. Natürlich ist die deutsche Übersetzung schon wieder falsch, denn sie heißt: Liebe macht blind. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der dennoch den gesamten Tenor verfälscht.
Obgleich sich diese Show als Mischung und Zuspitzung aller bisherigen Kuppel- und Datingshows, die uns von den Privaten als verdummender Zeitvertreib in die heimischen Wohnzimmer gedrückt wird, präsentiert, ist sie doch anders und interessanter als ihre Vorgänger.
So lernen sich die Teilnehmer in diesem Format zunächst nur verbal kennen. Sie verbringen die Zeit miteinander in blickdichten Kabinen, so dass alle Vorurteile bezüglich des Trainingszustandes, der Hautfarbe, der falschen Wimpern oder der Haarpracht keinerlei Rolle spielen können.

Es ist erstaunlich,

in welcher Weise die Kandidaten sich wildfremden Menschen, derer sie nicht ansichtig werden können, öffnen und ihre geheimsten Wünsche und Ängste offenbaren. Menschen, die sie aufgrund ihrer Sozialisation niemals getroffen, geschweige denn angesprochen hätten. Gleichzeitig ist es faszinierend, zu beobachten, wie gerade dadurch Wünsche und Hoffnungen geweckt werden, Unsicherheiten zu Tage treten und, das ist in meinen Augen das Erstaunlichste, der gesellschaftliche Konsens des Kennenlernens oder des Datings, der in den Vereinigten Staaten differenzierter auftritt als bei uns in Europa, in Frage gestellt wird. Regeln wie diese, dass nach einer dritten Verabredung eine koitale Vereinigung erforderlich sein sollte, ebenso wie der festgeschriebene Kanon über das Gestalten der Hochzeitsfeierlichkeiten, die wir zur Genüge aus diversen romantischen Komödien zu kennen glauben. Doch das harsche Korsett, das den zeitlichen wie den soziologischen Ablauf regelt, scheint ungleich komplexer zu sein, als noch so verwirrende Verstrickungen, gepresst in einen Zeitrahmen von 90 Minuten, auch nur Ansatzweise darzustellen vermögen.

Hier nun greift diese Dating Show,

dieses faszinierende soziale Experiment ein. Gezielt und ohne Möglichkeit sich zu präsentieren, oder auch Ablenkung von außen, sei es durch den übermäßigen Genuss von Fernsehen, Kino oder der diversen sozialen Netzwerke, werden die heiratswilligen Kandidaten aufeinander losgelassen.
Die einzige Möglichkeit zu kommunizieren besteht in Gesprächen mit einem Gegenüber, von dem sie außer der Stimme und der Bereitschaft sich zu öffnen nichts weiter erfahren.
Binnen kurzer Zeit beginnen Mauern und Fesseln, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, die das Puritanische des öffentlichen Lebens in Amerika bestimmen, nicht nur zu bröckeln, sondern werden nahezu pulverisiert.
In gleichen Maße müssen die Probanden sich vom ersten Moment an mit ihrem Inneren auseinandersetzen, denn alles Äußere, Aussehen, sozialer Status, Trainingszustand und Haar- oder Hautfarbe stellen sich in einer solchen Situation als obsolet dar.
Das erstaunliche Ergebnis dieser Gespräche besteht jedoch darin, dass die Teilnehmer dieses Experiments begannen ihre gesamte Sozialisation zu hinterfragen.
Das vor dem Hintergrund der zu gleichen Zeitpunkt wie die Veröffentlichung der Serie auf Netflix stattfindenden Vorwahlen in den USA mag eine launige zeitliche Koinzidenz darstellen, jedoch die Auswirkungen dieser Selbsterkenntnis, aufgrund des überwältigenden Publikumserfolg sind sicherlich sehr interessant und einer weiteren unbedingten Untersuchung wert.
Der zweite Teil dieses hochinteressanten Versuchs besteht darin, ob die Teilnehmer in der Lage sind, die gewonnenen Erkenntnisse in einem fiktiven Alltag, der sie in das gewohnte Umfeld zurückführt, weiter umzusetzen, oder ob ein Rückfall in angestammte Verhaltensmuster stattfindet.
Immer vor dem Hintergrund, dass der, nur durch Gespräche ausgewählte und zuvor nie ansichtig gewordene Partner geheiratet werden würde.
Bliebe also diese Öffnung des Innersten gegenüber einem noch immer Fremden bestehen oder würde eine Umkehr zu Bekanntem stattfinden und das bisher Gewonnene und Erreichte in Bezug auf die Selbsterkenntnis wieder abhandenkommen, besser gesagt unter einer dicken Kruste Konventionen verschwinden?

Und der einzige Gewinn, den die Kandidaten davontragen können, besteht in Erkenntnis, kein Geld, keine Immobilien, kein Luxusfahrzeug, nur die pure Erkenntnis ihrer selbst und ihrer Partner.