von Thomas Günter

Das ist ja zum Glück unsere leichteste Übung.

Denn trotz all der technischen Spielereien, die uns tagtäglich malträtieren, müssen wir uns nicht mehr anstrengen, die grauen Zellen, die in dem knöchernen Trinknapf am oberen Ende des unansehnlichen Kohlenstoffsacks vor sich hingammeln, in Funktion zu halten. All die Algorithmen, die Bewertungen durch rudimentäre künstliche Intelligenz, die Konsumvorschläge, die uns zielsicher erreichen, nachdem wir ein Produkt bereits erworben haben, machen Tag für Tag deutlicher, dass der Computer, als Synonym für die total vernetzte Welt, uns vor allem den Umgang mit den Problemen zu erleichtern vermag, die wir ohne ihn gar nicht hätten.
Bei all den Überlegungen, vergessen die Entwickler, Designer und Konstrukteure wenigstens den Umstand, dass, sollte es zur sogenannten Singularität kommen, wir uns sowieso keine Gedanken mehr machen müssen. Denn unser Verhalten würde jedwede logische ebenso wie alle unlogischen Berechnungen einer Intelligenz ohne Bewusstsein unweigerlich zur sofortigen und kompletten Elimination der hässlichen zweibeinigen Fleischsäcke führen.

Nur damit wir uns missverstehen,

damit sind natürlich wir als Spezies gemeint.
Schon aufgrund der Ineffizienz unseres Stoffwechsels, der Zwang zu andauernder Nahrungsaufnahme, mit Ausnahme des Diätenwahns, ständigem Schlafbedarf, um den Denkapparat nicht zu überlasten, gleich der Überhitzung eines Prozessors, die grundsätzliche Instabilität unserer unteren Extremitäten, wären doch drei Beine viel widerstandsfähiger gegen leichteste Scherbewegungen, gewollt oder ungewollt von sich tangential von uns befindlichen, sich bewegenden, Entitäten, sähe uns eine herz- und empathielose Maschine keinesfalls als Goldstandard der Entwicklung von Existenz, sondern eher als bedauerlichen aber wiedergutzumachenden Irrtum in der Entwicklung des Lebens, des Universums und des gesamten Restes an.

Die uns innewohnende Hybris,

bedingt durch die irrationale Fehlinterpretation einer 2700 Jahre alten Märchen- und Sagensammlung, befähigt uns zwar, die eigene Art und alle Weiteren, die sich in unserem Umfeld unklugerweise bewegen, mit einem Knopfdruck irreversibel auszuradieren, doch dies als Fortschritt zu bezeichnen, dafür ist selbst der Begriff Psychose nicht ausreichend. Auch wenn das einen eher unscharf umrissenen Symptomkomplex umreißt, so stellen doch die vornehmlichen Definitionen, die da heißen Halluzinationen, Wahn, Realitätsverlust und/oder Ich- beziehungsweise Wir-Störungen eine recht putzige Umschreibung des Gemütszustandes des Homo sapiens in der heutigen Zeit dar.
Allein die Tatsache, dass wir uns selber als Krone der Schöpfung bezeichnen, hat sich doch selbst Carolus Magnus auch erst nach eleganten Täuschungs- und Verdunklungsmanövern von einer dritten Person, dem Papst, zum Herrscher aller Gläubigen krönen lassen, beweist bereits, dass es uns nicht erlaubt sein dürfte, überhaupt nur ein komplizierteres oder kritischeres Instrument als einen biegsamen und stumpfen Plastiklöffel zu handhaben.

Auch oder gerade wegen der opponierbaren Daumens sind wir,

seitdem unsere Ahnen sich entschieden von den Bäumen herunterzuklettern, zu keiner rationalen Handlung mehr fähig. Einflüsse der dadurch gesteigerten Schwerkraft, aufgrund der gestiegenen Nähe zum Erdkern, sind möglicherweise relevant, aber kaum beweisbar. Denn der Weg zurück ist uns verbaut. Schon ob der Tatsache, dass wir ohne Funktionskleidung kaum mehr in der Lage sind, an einem lauen Sommerabend durch einen Stadtpark zu spazieren, geschweige denn, uns allnächtens ein Bett aus Zweigen und Blättern zu errichten.
Ob dies einen weiteren, nur aufzuspürenden, Grund für Skynet darstellte, uns haarlosen Primaten endgültig den Garaus zu machen, sei in diesem Gedankengang außenvorgestellt. Schließlich lieferten wir auch so schon ausreichend Gründe, die unser Dasein in keiner Art und Weise mehr rechtfertigten. Zumindest für einen kalt rechnenden Algorithmus.
Vergessen sie bitte nicht, dass Skynet nur einen fiktiven Charakter darstellt. Aber wer weiß schon, was in den Tiefen des Internets schon so alles schlummert und nur darauf wartet, gleich einer Ctenizidae in ihrer trefflich konstruierten Falle, dass einer der dummen User auf die richtige, oder für uns falsche Funktionstaste drückt und damit die digitale Apokalypse auslöst.
Der kleine aber feine Unterschied besteht ausschließlich darin, dass wir uns den Fallstrick selber konstruiert haben.
Obgleich wir nicht suizidal, trunken vor Macht, umherirren, ist doch die Ähnlichkeit zu einem der stärksten Schimpfworte, zu denen der gesamte indogermanisch-romanische Sprachenkreis fähig ist, das Suidale, verblüffend auffallend. Gleichwohl man dem armen und bis zur Unkenntlichkeit als Fleischproduzenten umgezüchteten Paarhufer damit wahrlich keinen gefallen tut.

Dabei verfügen die beiden Begriffe über keinen gemeinsamen Wortstamm, Zufall oder Vorsehung?

Wie kommt es aber dazu, dass wir jedem, noch so unbedeutenden technischen Fortschritt, heiser Hosianna kreischend, hinterherhecheln, sei es die Vernetzung des Toasters mit dem Küchenmixer, sei es die Möglichkeit, unsere komplette Kommunikation, die ohnehin nurmehr aus Kurznachrichten, Katzenvideos und Shoppingempfehlungen zu bestehen scheint, bei über 200 km/h, dabei bequem die Lichthupe und den Blinker überfordernd, auf einer Asphaltpiste abzuarbeiten, und dabei der festen Überzeugung sind, dass wir uns weiterentwickeln?
Möglicherweise sind unsere Gehirne ja gar nicht dafür geeignet, solche und vergleichbar sinnfreie Handlungen zu vollziehen, seit uns der tägliche Kampf ums Überleben nicht mehr als Ganzes fordert, sondern nurmehr den Einsatz des Zeigefingers erlaubt, um die Enter-Taste zu bedienen. Und weil es damit so einfach geworden ist, Energie für einen niemals eintretenden Winterschlaf anzusammeln, dessen positiver Ausgang sich noch immer als äußerst ungewiss darzustellen vermochte, fehlt uns der Ansporn, die Radikalität des Lebens an sich, die wir nun hoffen an anderer Stelle mühselig zu ergattern, in unser beschränktes Bewusstsein eindringen zulassen, um uns selbst noch als erhaltungswürdig zu erachten.
Denn die im Nachhinein als unglücklich zu formulierende Idee, dass es von Vorteil wäre, uns, mit der Konsequenz einer unschönen parasitären Erkrankung, mit unserem ausufernden Gluteus maximus an unbedingt einem Ort niederzulassen, schaffte erst die Voraussetzung, für das Dilemma, in das wir uns sehenden Auges, aber mit erblindetem Verstand hinein manövriert haben.
Doch ein Gedanke, der erst einmal in der Welt ist, ich beschränke mich dabei auf die klassische vierdimensionale Umgebung, die oben bereits erwähnter grauer, im Durchschnitt 1,4 Kilogramm schwerer Klumpen in der Lage ist abzubilden, ist leider unmöglich, wieder erfolgreich gelöscht zu werden. Darin ähneln wir sogar den kleinen Rechenkästchen, die andauernd nach mehr Strom hungern. Oder haben sie schon einmal versucht, ein ungewolltes und vor allem unnötiges Programm komplett aus dem Betriebssystem wieder zu entfernen? Richtig, das stellt, nicht nur zuweilen, sondern immerdar, eine unlösbare Aufgabe, eine perfekte Analogie zu unseren Problemen, dar, derer wir vergeblich versuchen, Herr zu werden.

Aber die Krone der Schöpfung,

empfänglich und empfindlich für vielerlei Unwägbarkeiten, zwar an vieles angepasst, doch ohne Smartphone in der Hand, nicht mal in der Lage, den Supermarkt um die Ecke zu finden, geschweige denn, alkoholgeschwängert, nach zeitraubender Zerstreuung, den Weg in die eigenen vier Wände zu erkennen, dabei immer darauf bedacht, dass besagtes Gerät auch zum übrigen Outfit, wenn schon nicht farblich, so doch wenigstens stilistisch angepasst ist, das obere Ende der Nahrungskette, obgleich doch die kleinsten aller Lebewesen uns jederzeit zu einem stinkenden Brei aus Verwesung und hübsch schillernden, aber toxischen Flüssigkeiten, zu verwandeln in der Lage sind, die in jeder, wirklich jeder Lebenslage auf chemische und mechanische Hilfsmittel angewiesen ist, würde ihrer Umgebung mit einer Spur mehr Demut entgegentreten und sie nicht behandeln, wie der R AUDI, beziehungsweise Rowdy auf dem Schulhof.
Ist damit bereits ein unwiederbringlicher Beweis erbracht, der uns dazu bringt, das Gebrachte, nicht mehr nur noch gewinnbringend anzubringen, sondern unsere Gedankenwelt dazu zu bringen, über Hergebrachtes nachzusinnen, zu hinterfragen und zu überlegen, was es brächte, mit dem bisherigen zu brechen, um neues zu erbringen? Es bringt nichts, darüber nachzusinnen.
Vielmehr sollten wir, schon um der Auslöschung durch eine künstliche, aber noch gefühlsärmere, Intelligenz als unsereins, zu entgehen, nicht mehr alles was denk- und machbar erscheint, umsetzen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir durch diesen, zugegebenermaßen eleganten Einschnitt in unsere Devolution uns den einen oder anderen Schritt von der Entleibung unseres Daseins auf diesem Planeten wieder zu entfernen schienen.

Das wäre auch für die übrigen, in allen Klimazonen sowie in den Flüssen und Ozeanen kreuchenden und fleuchenden Flora und Fauna von einer bemerkenswert wünschenswerten Begierde, so dass es uns zum Ruhme gereichte und wir damit schlussendlich verdientermaßen uns die Krone aufs schüttere Haupthaar zu setzen vermochten, um der Behauptung, besagte solche der Schöpfung auch endlich zu sein, nachkommen zu dürfen.