von Thomas Günter

Als außenstehender Beobachter

beschleicht den Schreiber dieser Zeilen der Eindruck, dass immer dann Phasen der Aufklärung den Geist und die Toleranz der Menschheit zu erweitern vermögen, nachdem zuvor schreckliche Ereignisse einen tiefen Einschnitt erzeugten.
Sei es im alten Griechenland, die Phase der geistigen und kulturellen Blüte nach den Perserkriegen, sei es in der Mitte Europas das Zeitalter der Aufklärung, dass nach dem Ende des menschenverachtenden 30-jährigen Krieges Einzug hielt.
Ebenso, wie in der Phase nach dem 2. Weltkrieg, der weltweit, besonders aber in Europa, eine Epoche bis dahin noch nie gekannter Prosperität, sowohl wirtschaftlicher wie auch kultureller Natur, erfuhr.
Allgemein sollte man glauben, dass die Ideen der Aufklärung sich durch die Gesetze der Nachahmung vervielfältigen und unaufhaltsam ihren Weg in die gängigen Denkschemata Einzug halten sollten.
Doch weit gefehlt.
Stattdessen ziehen wir uns alle trotz, oder besser wegen der Globalisierung in immer kleinere Blasen zurück, in denen wir nach einer Identität und Geborgenheit mit Gleichgesinnten suchen.
Im Gegensatz dazu gebärden wir uns als Spezies in unserem Konsumverhalten, als wären die Ressourcen unerschöpflich.
Denken wir uns ein paar Jahre in die Zukunft.
Wir haben uns bereits in eine Spezies entwickelt, die nach der Klassifikation der Kardaschow Skala mindestens die III. Stufe erreicht hat, also einen Energieverbrauch von wenigstens 4×10 (hoch) 37W, den sie benötigt, aus ihrer Heimatgalaxie generieren kann. Mit Sicherheit wäre eine solche Zivilisation auch in der Lage, ihren gesteigerten Materiebedarf, zum Beispiel an Metallen, aus den Eisenkernen der Neutronensterne zu generieren.
Gehen wir noch einen Schritt weiter und stellen die Überlegung an, dass eine solche Zivilisation über die Möglichkeiten verfügt, nicht nur die gesamten Ressourcen einer einzelnen Galaxie für den Energiebedarf zu nutzen, sondern über die Fähigkeiten geböte, die erzeugte Energie mehrerer Galaxien zu verwenden; beispielsweise durch die geänderte Form einer Dyson-Sphäre, die nicht nur ein Sonnensystem, sondern einen Galaxienhaufen zu umschließen vermag.

Dennoch handelte es sich hierbei,

ebenso wie bei einem einzelnen Planeten, exemplarisch der Erde, um ein geschlossenes physikalisches System, das weder unbegrenzt ausgeweitet werden kann, noch unerschöpfliche Rohstoffe aufweist.
Die Tatsache von welcher Dimension wir sprechen, ist also ohne Bedeutung, da grundsätzlich die Endlichkeit den limitierenden Faktor darstellt.
Hätte die Vernunft nun nicht, wie die bereits zuvor erwähnten Male versagt, dann wären wir uns dieser Tatsache bewusst, würden entsprechende Überlegungen anstellen und die daraus zu folgernden Schlussfolgerungen, in die Tat umsetzen.
Aufklärung und Vernunft sollten es uns, der Menschheit als Ganzes, ermöglichen, mit den Problemen und Gegebenheiten, die wir sowohl dem Planeten angedeihen lassen, wie auch die Unwägbarkeiten, die die Natur hervorbringt, besonnen umzugehen. Unser Verstand ist theoretisch in der Lage, Lösungen zu erarbeiten, die nicht nur kurzfristigen Erfolg versprechen wollen, sondern auch längerfristig, oder nachhaltig, wirksam sind. Dabei ist es uns auch durchaus möglich, plötzliche und einschneidende Veränderungen zu erkennen und entsprechend gegen zu regulieren.
Tatsächlich verhalten wir uns jedoch irrational. Der angestrebte Energiewandel, der zum kompletten Verzicht auf fossile Brennstoffe führen soll, wird, ohne auf die Risiken, oder auf den immensen Energieaufwand, der benötigt wird, um eine entsprechende Umstellung durchzuführen, angestrebt.

Dabei wird, gegen jede Vernunft, jedwede Kritik, jedwede Anregung, wie es möglicherweise anders gestaltet werden könnte, ignoriert.

Dazu gesellt sich, dass, besonders in den westlichen Industrienationen, eine neue Religion betrieben wird, deren Anhänger sich gebärden wollen, wie die fundamentalistischen christlichen Sekten des Mittelalters, die den nahenden Weltuntergang prophezeiten.
Jede Veränderung des Wetters, egal ob es sich dabei um Regen, um Wind, um Sonne, oder das jeweilige Fehlen derselben, wird hysterisch und irrational bewertet. Dazu gesellen sich eine Reliquien- und Heiligenverehrung; die die Schwarze Madonna von Tschenstochau oder die Wunderheilungen in Lourdes erscheinen lassen wollen, als wären sie bereits im Ereignishorizont einer Singularität verschwunden und dabei in ihre subatomaren Anteile zerlegt.
Aufgrund besagter Gesetze der Nachahmung, stecken wir in der Zwickmühle, dass ein alternativer Weg nicht gedacht, geschweige denn gegangen werden kann oder darf.
Manchmal möchte man glauben, dass ein Beobachter von außen vom Eindruck verstört würde, wie es möglich sein sollte, dass die gesamte Population eines Planeten, den sie zerstört und ausbeutet, gleichzeitig in Hysterie gefangen ist und daraus eigentlich zu keiner rationalen Handlung fähig sein dürfte, hochtrabende Pläne entwickelt, die nächstgelegenen Planeten zu besiedeln.
Die Frage, ob wir uns auf einer weiteren Welt über kurz oder lang in einer vergleichbaren Weise verhalten würden, wie wir es zur Zeit auf unserem Heimatplaneten tun, erübrigt sich in meinen Augen. Die Antwort wird wohl ja heißen müssen, da wir gefangen sind in der Wiederholung der immer gleichen Handlungsweisen.
Hier griffen zwar wieder die Gedanken der Aufklärung, um angestammte Denkschemata zu durchbrechen, doch scheinen wir grundsätzlich, nach einer kurzen Phase des offenen Gedankenaustauschs, der allen Seiten Gehör schenkt, und sich das Beste aus verschiedenen Ansichten zur Lösung auszusuchen vermag, umgehend wieder in eine Phase zurückzusinken, die an die rigiden Regeln und eingeschränkten Möglichkeiten der frühen Protostaaten erinnern möchte, in denen, ohne Rücksicht, einzig eine Ansicht der Probleme und der daraus resultierenden Lösungsoptionen eine Berechtigung erfuhr.

Dabei hätten wir alle Voraussetzungen,

uns diesem Dilemma entgegenzustellen. Die intellektuellen Fähigkeiten sind seit zweieinhalb Jahrtausenden, mindestens gegeben, seit wir begannen, uns mit unserem Bewusstsein und der Realität, die uns umfängt, kritisch auseinanderzusetzen. Dazu gesellt sich die Tatsache, dass der allgemeine Bildungsstandard, in den westlichen Industrienationen zumindest, seit 50 Jahren ein vorher nie gekanntes Level erreicht hat. Damit eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten, die Probleme, zu deren Erfassung wir uns, trotz der steigenden Beschränktheit im Denken, die seit einigen Jahren wieder verstärkt die soziologischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu limitieren scheint, anzugehen und zur Zufriedenheit Aller zu einer verträglichen Solution zu führen.

Aber nutzen wir sie wirklich, diese ungeahnten und nie dagewesenen Möglichkeiten?

Kaum, denn einen großen Teil unserer Energie bringen wir dafür auf, uns mit Hilfe der immensen technischen Möglichkeiten, über die wir zur Zeit verfügen, ein ums andere Mal unreflektiert zu echauffieren, ohne über mögliche Hintergründe nachzudenken oder den eigentlichen Auslöser wirklich zu erkennen.
Wie bei so vielen anderen Dingen und Gegebenheiten unseres alltäglichen Beisammenseins, geht es nurmehr um die übermäßige Geschwindigkeit und darum, mit einer übertönenden Lautstärke, die anderen Herolde noch zu übertreffen.
Doch auf welche Weise sollte es uns als Spezies gelingen, diese Grenzen zu überwinden und die Gesetze, die uns behindern und eine Veränderung im Denken, aus dem Weg zu schaffen. Damit es uns möglicherweise gelingt, andere Ideen zu ersinnen, Lösungen zu finden für die Probleme, die uns zur Zeit beschäftigen, ebenso wie vorbereitet zu sein, für die zukünftigen Aufgaben, die sich uns stellen werden?
Es erscheint, als sei es, durch die bereits existierenden Ideen und die damit einhergehende Verhinderung anderer Denkweisen, Erfindungen und Gedanken, schwer, diese Grenzlinie zu überschreiten.
Während Aufklärung und das damit einhergehenden Zeitalters der Vernunft, auch wenn es sich um eine zahlenmäßig beschränkte Gruppe handelte, die diesen Gedankengängen damals folgte, war in der Lage, immense Auswirkungen zu erreichen.
Heute hätten wir die Möglichkeiten, umgehend auf das gesamte Weltwissen zuzugreifen, doch im Gegensatz zu vergangenen Zeiten, folgen wir nicht mehr den Gedankengängen, sondern stürzen uns ausschließlich auf die kurzen und undurchdachten Worthülsen, die ohne Unterlass unser Denken behindern, da ihre schiere Anzahl unsere Wahrnehmung überflutet.

Hier sollten wir also ansetzten.

Nicht jede Äußerung, die uns bei einer beiläufigen Nachricht in das Bewusstsein schießt, ist es auch wert, umgehend gepostet, verbreitet und kommentiert zu werden. Stattdessen sollten wir, bei den Mitteilungen, die uns andauernd erreichen, selber filtern, welche für den Moment tatsächlich relevant sind, und welche nicht. Ebenso sollten wir uns bemühen, bevor wir beginnen uns eine Meinung zu bilden, zunächst möglichst viele Informationen, nicht nur aus einer Quelle, zusammenzutragen und erst danach versuchen, das Gesamtbild zu überblicken.
Zu diesem Umstand zählt auch, und besonders, dass Bildung wieder in den Vordergrund der Gesellschaft gerückt wird. Denn nur dadurch, dass besonders den jungen Menschen auch der Zugang zu all dem Wissen wieder ermöglicht wird, dass seit über 2500 Jahren die Grundzüge unseres Gemeinwesens maßgeblich bestimmt, schaffen wir wieder die Möglichkeiten, dass nicht alles geglaubt und dadurch auch Realität wird, was uns im täglichen Leben begegnet.
Ebenso wie die Möglichkeit, dass es wieder zum guten Ton gehören sollte, Überlegungen in verschiedene Richtungen anstellen zu dürfen, dabei Andersdenkende weder zu diffamieren noch zu diskreditieren und stattdessen aus einem offenen Gedankenaustausch möglichst viel Anregungen mitnehmen, unsere eigene Gedankenwelt zu hinterfragen und damit auch zu erweitern. Nur auf diese Weise würde auch gewährleistet werden, dass die Identitätsblasen, die durch Ängste und fehlendes Wissen entstehen, die Ressentiments, Rassismus und Ablehnung erzeugen, aufgebrochen werden können.

Es ist das Vorrecht der Jugend vorwärts zu stürmen, wo Engel furchtsam weichen.

Es ist das Vorrecht des Alters, zweimal zu überlegen, bevor eine Entscheidung zu treffen ist.
Wenn jedoch das Alter versucht, es der Jugend gleichzutun, den Konservativismus und die Rationalität ausschaltet und unüberlegt, in jedes sich feilbietende Abenteuer stürzt, ohne die Fallstricke und Gruben sehen zu wollen, dann werden wir uns weiter in eine Horde hysterisch kreischender Primaten zurückentwickeln.
Denn konservativ bedeutet nicht zwingend, dass man allem Neuem skeptisch oder sogar ablehnend gegenübersteht, sondern vornehmlich, dass sich das neue gegenüber bereits Bewährtem erst beweisen muss. Das bedeutet ebenso, dass nach Innovation gesucht wird, um das Bewahrenswerte zu erhalten und das Unnütze und Hinderliche abzubauen.
Vor diesem Hintergrund dürfen wir keine Angst haben, unser bisheriges Denken kritisch zu hinterfragen, neue Ideen zuzulassen und uns von der Angst vor der Zukunft zu befreien.

Denn diese kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, wir aber können entscheiden, ob wir sie selber gestalten oder uns tatenlos aber hysterisch von ihr überrollen lassen.