Eine weitere steile These stellt die ketzerische Aussage von Niall Ferguson dar, die er am 20. März 2019 in einem Interview mit der NZZ aufstellte, dass zwar der Westen den Kalten Krieg gewonnen habe, aber die moderne Linke die moralische Oberhoheit dabei erlangt hat.
Diesen Satz würde das Bildungsbürgertum der Ostküste, ebenso wie das sich selbst auf den Thron gesetzt habende Gutmenschentum in Westeuropa, so sicherlich nicht unterschreiben können. Sind sie doch die „Guten“ und damit automatisch alle übrigen schlecht, verachtenswert und ipso facto nationalsozialistisch eingestellt. Jeder Zweifel am Mainstream wird niedergebrüllt. Die moderne Technik, die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co machen es einfach und in einer erstaunlich kurzen Zeit möglich.
Ein reiner, argumentativer Diskurs, eine aufgeklärte Auseinandersetzung, in der der nicht die Persönlichkeit des Gegenübers als Angelpunkt der gegensätzlichen Argumente herangezogen wird, erscheint auf diese Weise nicht mehr möglich. Persönliche Beleidigungen gegen die eine Seite wollen dem Betrachter als regelkonform erscheinen, da sie ja die „Gute“ Position darstellen, werden aber der Gegenseite als noch heftigere Entgleisungen angeprangert.

Niall Ferguson, obgleich hoch angesehener Historiker, führt dabei besonders die griechischen Demokratien ins Feld, in denen die Volksversammlung zu einer demokratischen Beschlussfassung befähigt wurde.

Im Idealbild einer Demokratie, einer Herrschaft des Volkes, zählt jede Stimme gleichwertig. Daraus folgt, einzig die Bevölkerung eines Staatsgebildes ist der Souverän. Die Gesamtheit mag am Beginn unterschiedlicher Meinungen und Ansichten sein, jedoch im Laufe einer Auseinandersetzung, einem geregelten Diskurs, werden durch Argument und Gegenargument, die am Ende ausschließlich durch Empirie belegt werden können, wobei auch hier noch immer eine unterschiedliche Bewertung angenommen werden kann und muss. Dennoch wird darauf die Entscheidung, die der Souverän, nämlich das Volk getroffen hat, durch Mehrheitsbildung, von denjenigen, die anderer Meinung sind, akzeptiert. Also stellt die Akzeptanz des Kompromisses in einer Demokratie immer das kleinste anzunehmende Übel dar und ist gleichzeitig die essentielle Grundlage des Funktionierens in einem auf diese Weise geführten sozialen System.

Die Frage, ob der Mensch als Herdentier dazu überhaupt in der Lage sein kann, steht in diesem Fall nicht zur Debatte.

In meinen Augen lässt er bei seinen Ausführungen jedoch die Entwicklungen, die sich in einem kurzen Zeitrahmen vor den Perserkriegen, danach nur umso schneller änderte, außer acht.
Der Ostrakismos, das Scherbengericht, die vorherrschende Form der Abstimmung, verkam in kürzester Zeit zu einer Perversion seiner ursprünglichen Idee. Unliebsame Konkurrenten, Widersacher und Andersdenkende wurde auf diese Weise für eine gewisse Zeit aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Wer die lautesten und meisten Rufer für sich vereinigen konnte, bestimmte die politische Willensbildung.
Vergleichbares können wir in der Entwicklung der römischen Politik beobachten. Die Versammlung der Stände wurde immer weiter dazu missbraucht, ausschließlich Macht für die eigenen Interessen zu missbrauchen, als sich auf das Gebilde an sich zu fokussieren. Die Volkstribunen verkamen zu willigen Vollstreckern, besonders der in der späten Republik pekuniär potenten Ritterschaft. Finanzierten sie doch die Wahlkämpfe der Kandidaten.

Dem Lobbyismus wurde auf diese Weise Tür und Tor geöffnet, man könnte sogar behaupten, die römische Republik stellte deren Erfinder dar.

Vielleicht sehen sich die Vereinigten Staaten von Amerika auch aus diesem Grund heute als die regulären Nachfahren Roms an.
Vergleichbares ist auch in der Bundesrepublik in den Zeiten seit der Niedergang des Ostblockes zu beobachten.
Wer die lautesten Mahner und Schreier mobilisieren zu vermag, dem wird das meiste Gehör geschenkt und Entscheidungen gehen am Souverän vorbei nur zu dessen Gunsten.
Stellt das ein Versagen der Demokratie dar?
Noch nicht.
Doch der Souverän, das Volk, das ein feines Gespür hat für die Strömungen, muss aufpassen, dass der freie Diskurs nicht unterdrückt wird, durch die selbsternannten Sittenwächter aus dem Silicon Valley. Diese ehemaligen Vorreiter einer unbegrenzten und freien Welt, die das WWW in seiner Anfangszeit noch darstellte, verkommt mehr und mehr zu einer Welt, in der nurmehr eine einzige Meinung akzeptiert wird.
Die bürgerliche Mitte, die eigentliche Brutstätte der freien Meinung, der Hort der Aufklärung, mutiert in einer erschreckenden Geschwindigkeit zu einem Platz, an dem ein freier Diskurs, eine Entfaltung verschiedener Denkmodelle untersagt zu sein scheint. Aus ihrer Mitte entwächst das falsche Verständnis für immer kleinere Gruppierungen, denen Gehör geschenkt werden muss, und nach deren Gesinnung sich der viel größere Rest zu orientieren hat.

Sie sind die eigentlichen Radikalen in der Meinungsbildung in der freien Wahrnehmung des Geschehens,

da sie andere Ansichten nicht mehr in der Lage sind, zuzulassen, aus Angst, die eigene Zone der bequemen Empörung, die jedwedes Denken auszuschalten scheint, verlassen zu müssen, getrieben von dem Irrglauben, dass es nur eine legitime Meinung gäbe. Dabei wird gerne übersehen und vergessen, dass eine Meinung niemals eine Legitimation darstellt, denn sie ist und bleibt nur eine Meinung; obgleich sie die Freiheit in ihrer reinsten Form darstellt.

Ihr Ruf, die Übrigen, die nicht ihrer Meinung sind in extreme rechte Ecke zu drängen, wird durch das laute Geschrei der Kurznachrichten über die Gebühr verstärkt.
Gabriel Tardes Untersuchungen zur Wiederholung und der daraus resultierenden Nachahmung, haben 120 Jahre nach ihrem Entstehen eine erschreckende Brisanz.
Eine Aussage wird demnach, wenn sie nur oft und laut genug wiederholt wird, zu einer vermeintlich unumstößlichen Wahrheit, auch wenn ihr jedwede Evidenz abgeht.
Spätestens an diesem Punkt gleicht sie, mit dem Unterschied der Technologie, dem Ostrakismos wie ein Ei dem anderen.
Wenn man der Argumentation des französischen Soziologen weiter folgt, so besteht jedoch seit Jahrtausenden eine Kontinuität in dieser menschlichen Verhaltensweise.
Staaten, Gemeinschaften, scheinen sich immer wieder, unterbrochen durch Krisen, die zu einem Neuanfang führen, auf eine sich ähnelnde Weise zu entwickeln.
Der Kapitalismus gewann zwar den Kalten Krieg, doch seine Errungenschaften ermöglichten es der Linken die Moral und die Ethik durch die entstandene wirtschaftliche Freiheit, in eine andere Richtung zu lenken.
Sie ist der eigentliche Gewinner. Kann sie doch dadurch das Bild der Geschichte, Begebenheiten der Vergangenheit, ganz im Sinne ihrer heutigen Moralvorstellungen umdeuten und bewerten.
Eine andere, eine neutrale Betrachtungsweise ist nicht mehr gewünscht.
Nachdem sie ihre Kernkompetenz, die Gerechtigkeit für die Arbeitnehmer im weitesten Sinne, seien Arbeiter oder Angestellte, erreicht hat, kümmert sie sich nurmehr um die Deutungshoheit der Vergangenheit. Dabei lässt sie die Zukunft außen vor. Die sozialen Veränderungen, die durch den technologischen Fortschritt im raschen Maß über die Welt hinwegrollen, versucht sie nicht mehr, zu erfassen und zu regulieren, sondern nurmehr ethisch und moralisch zu vereinheitlichen. Dabei hat sie das Augenmaß vor langer Zeit verloren und klammert sich an kleinste Details, die doch das Zusammenleben in einem sozialen Gefüge in keiner Weise betreffen. Aufgrund des Aufbauschens und der daraus entstehenden Empörungskultur, verhindert sie damit einen regulären Diskurs, die Bildung einer freien Meinung und fördert damit die Unterdrückung der mühsam erworbenen Freiheit, die sie sich selber einst groß auf die Fahne schrieb.

Daraus ergibt sich als conditio sine qua non,

dass der tatsächliche Verlierer am Ende der 75 Jahre andauernden Auseinandersetzung zwischen dem Kommunismus/Marxismus und dem Kapitalismus/Freie Marktwirtschaft der Souverän, der Bürger ist. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, ja die bürgerliche Freiheit, die wir in den westlichen säkularen Industrienationen genießen durften, wird uns durch eine stärker werdende Einschränkung der Wortwahl und damit auch eine Umkehrung im Denken, Stück für Stück, gleich unserem erarbeiteten Vermögen durch die aktuelle Zinspolitik, entzogen.
Eine Entwicklung, die von breiten Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert werden dürfte, jedoch in der Bequemlichkeit ohne zu Murren hingenommen wird.
Doch das Recht auf Freiheit stellt ein Gut dar, dass es täglich von neuem gilt, errungen zu werden.
Der Autor dieser Zeilen sieht sich selber eher als linksliberal, im klassischen Sinn der SPD und der FDP der noch jungen Bundesrepublik, mit konservativen Einschlägen, wird jedoch sicherlich von der neuen bürgerlichen, grünen Mitte als reaktionär wenn nicht sogar als nationalistisch angesehen.

Ein trauriges und beschämendes Beispiel dafür, wie weit wir unsere Freiheit bereits aufgegeben haben.